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Ein innerer Funke, stärker als Auschwitz
International 5 Min. 07.01.2017 Aus unserem online-Archiv
Neues Interview-Buch des Arztes und Autors Manfred Lütz

Ein innerer Funke, stärker als Auschwitz

Eine Erfahrung Bacons (l.) ist besonders erschütternd: dass „Bildung oft nur eine dünne Schicht auf der Seele ist“.
Neues Interview-Buch des Arztes und Autors Manfred Lütz

Ein innerer Funke, stärker als Auschwitz

Eine Erfahrung Bacons (l.) ist besonders erschütternd: dass „Bildung oft nur eine dünne Schicht auf der Seele ist“.
International 5 Min. 07.01.2017 Aus unserem online-Archiv
Neues Interview-Buch des Arztes und Autors Manfred Lütz

Ein innerer Funke, stärker als Auschwitz

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Warum ist das Buch „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden. Leben nach Auschwitz“ so packend? Dieser Frage geht Paul Galles in einer Rezension nach.

Die uralte Frage nach Glück und Gott trotz Leid wird von Manfred Lütz und Jehuda Bacon neu durchbuchstabiert

Warum ist das Buch „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden. Leben nach Auschwitz“ so packend? Weil es unser aller Grundfrage berührt: macht das Leid unser Glück kaputt, oder gibt es ein tieferes Glück? Eine Versöhnung? Ein Funke? Diese Frage einem Holocaust-Opfer zu stellen, ist sehr gewagt.

Doch Jehuda Bacon als Künstler bietet sich dafür an. Es wird immer dringender, dass die heutigen Schriftsteller klären, ob die wirklich relevanten Fragen zum Thema Auschwitz und Holocaust alle gestellt sind. Hat die Menschheit die Lektion gelernt? Manfred Lütz, deutscher Psychiater, Psychotherapeut, Theologe und äußerst erfolgreicher Buchautor, nähert sich der Frage unter einem ganz besonderen Blickwinkel. Er will der Grundfrage seines Vorgängerwerkes „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“, wie man trotz Leid glücklich sein kann, Fleisch und Blut geben.

Sein Gesprächspartner ist niemand Geringeres als Jehuda Bacon, jüdischer Künstler, Absolvent und Professor der Bezalel-Akademie in Jerusalem, in Fachkreisen ein Begriff aufgrund seiner Kunst und seiner Geschichte. Seine Bilder hängen in Yad Vashem und im US-Kongress. Bacon überlebte nicht nur Auschwitz, sondern auch Theresienstadt, das KZ Gunskirchen und zwei Todesmärsche. Er wurde vor unmögliche Dramen gestellt, zum Beispiel, ob er mit seinem Vater „ins Gas gehen“ würde. (vgl. S.51)

Auschwitz bleibt der Stachel 
im Fleisch unserer Zeit

Im gebotenen Respekt lässt Lütz seinem Interviewpartner den gebührenden Raum. Die Lektüre ist packend. Zwei Hauptfragen dominieren das zehn Kapitel lange Gespräch. Zum einen: „Wie ist solch Böses überhaupt möglich?“ Zum anderen: „Wie kann man solch 
Böses innerlich überwinden?“

Das Gute ist eine göttliche Kategorie, das Böse eine rein menschliche. Das bedeutet aber auch: In jedem Menschen brennt ein Funke Gottes."

Bacon war Schüler von Martin Buber. Wer seinen eigenen Weg gegen Gott geht, verweigert sich dem Guten, für das er geschaffen wurde. Und schafft damit Raum für das, was wir das Böse nennen. (vgl. S.25) Das Gute ist eine göttliche Kategorie, das Böse eine rein menschliche. Das bedeutet aber auch: In jedem Menschen brennt ein Funke Gottes. Sogar bei den grausamsten Nazis ist dieser Funke manchmal hervorgetreten (vgl. S.78f.). Aber es bedeutet auch: Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden – für das Gute! (vgl. S.33) Wir müssen, und wir behalten ein Leben lang dazu die Möglichkeit.

Wie kann man solch Böses wie den Holocaust innerlich überstehen? Bacons Erfahrung sagt: durch Vorbilder, Kunst, Herzensbildung, Entscheidungen. Zuerst kommt das Vorbild von Menschen, die sich nicht vom Hass haben zerstören lassen. So wie Presmyl Pitter, der gemeinsame Kinderheime für jüdische Kinder und für Kinder aus der ehemaligen Hitlerjugend eröffnete. Er war „die Verkörperung der Möglichkeit: Nicht alle sind böse“ (S.21).

Nicht die Kopfbildung hat die Menschen davor bewahrt, zu Bestien zu werden, sondern die Herzensbildung. Menschen, die sich nicht durch Macht korrumpieren lassen."

Bacon selber hat in seinen Bilder seine schweren Erinnerungen verarbeitet. Die Kunst öffnet einen Weg zum „unmittelbaren Gott“ (S.36), zum Erleben, „ein Fenster in den Himmel“ (S.153). Und sie ist wie eine Sprache für das Unsagbare, besonders gegenüber denen, die es nicht erlebt hatten. Eine Erfahrung Bacons ist besonders erschütternd: dass „Bildung oft nur eine dünne Schicht auf der Seele ist“ (S.92). Nicht die Kopfbildung hat die Menschen davor bewahrt, zu Bestien zu werden, sondern die Herzensbildung. Menschen, die sich nicht durch Macht korrumpieren lassen.

Noch wichtiger werden im Buch jedoch die persönlichen Entscheidungen Bacons. Die wichtigste: „Ich wollte nicht, dass es den Nazis gelingt, aus mir einen kleinen Nazi machen!“ (S.134) Heißt: ein Mensch voller Hass. Deswegen würde er seine Peiniger auch nicht verurteilen, sondern sie zwingen, ihre Biografie zu schreiben, damit sie sich bewusst werden, welche nackten armen Teufel sie ohne 
ihre Uniform sind. (vgl. S.103)

Das Abenteuer, dieses Buch 
zu lesen

Manfred Lütz ist ein guter Lehrer. Zumindest wie Bacon es sieht: „Ein guter Lehrer öffnet mir die Augen für eine neue Möglichkeit, dasselbe von neuem und vielleicht viel tiefer und anders zu erkennen.“ (S.156) Es ist ein großes Verdienst, dieses besondere Buch über die Holocaust-Hölle vorgelegt zu haben. Lütz hält sich mit Interpretationen zurück. Er hört zu. Das hat was.

Doch die für den Theologen Lütz drängendste Frage bleibt: Wo war Gott in Auschwitz, in allen diesen Erniedrigungen, diesen psychischen und physischen Vernichtungen? Ob Gott existiert oder nicht, sei eine falsche Frage, so Bacon. „Was man in der Tasche hat, ist die eigene Dummheit, aber nicht Gott, das Ewig-Transzendente“ (S.97). Und: „Man kann es erleben, aber nicht sagen.“ (S.31) Die Frage ist nicht, ob Gott in Auschwitz „war“, sondern ob er dort von Menschen erlebt wurde. Jeder Mensch erlebt ihn anders. Das Vertrauen auf „Gott“ bedeutet: nicht die menschlichen Kategorien des Hasses gewinnen, sondern es gibt die Möglichkeit, die Dinge anders zu sehen. Man hat jeden Augenblick die Möglichkeit zu lieben. „Das bringt das Glück.“ (S.177)

Ich habe dieses Buch genossen und verschlungen. Es macht Mut! Es ist ein Buch voller Namen von Menschen, denen Bacon dankbar ist. Es ist ein Buch, das an viele andere Menschen denken lässt. Zum Beispiel an meinen eigenen Großvater, 98 Jahre jung. Er hat den Krieg erlebt. Zusammen mit Oma als Flüchtlinge im eigenen Land. Oft erzählt er mir von seinen Erfahrungen.

Das größte Erstaunen bleibt immer dasselbe, das auch Manfred Lütz bei Jehuda Bacon ergriffen hat: Wie kann ein Mensch, der der Hölle ins Gesicht geschaut hat, so versöhnlich sein? So ein 
guter, korrekter, vertrauensvoller Mensch? Menschen mit solch dramatischen Geschichten haben ihre ganz eigenen Antworten. Sie zu lesen oder zu hören, ist immer aller Mühe wert.

„Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden. Leben nach Auschwitz“, Jehuda Bacon und Manfred Lütz, Gütersloher Verlag 2016

Paul Galles, Projektmanager bei Young Caritas Luxembourg