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Ein dickes Ding
International 3 Min. 08.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Ein dickes Ding

Ein dickes Ding

AFP
International 3 Min. 08.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Ein dickes Ding

Eric HAMUS
Eric HAMUS
Es war kurz nach 22 Uhr Ortszeit an der Ostküste der Vereinigten Staaten, als sich die „Süddeutsche Zeitung“ als eine der ersten deutschen Medien im Netz zu einer ersten Blitzanalyse verleiten ließ.

Der Tenor: Die Demokraten triumphieren bei den Kongresswahlen und Donald Trump muss sich künftig auf mächtige Gegenwehr aus dem Repräsentantenhaus gefasst machen. Falsch ist das nicht, allerdings wurde der Sieg der Republikaner in der oberen Kammer des Kongresses, dem Senat, nur am Rande behandelt. Es folgten andere europäische Medien, die ihre Online-Schlagzeilen fast ausschließlich mit dem Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus schmückten.

Nun sind Wahlen in den Vereinigten Staaten sogar für viele US-Amerikaner ein Buch mit sieben Siegeln. Und Kongresswahlen haben in der Regel mit ihren Hunderten Regionalrennen nicht die Ausstrahlung eines Präsidentschaftswahlkampfes. Demnach leuchtet ein, dass sich die Medien außerhalb des Landes nicht im Detail mit sämtlichen Ergebnissen aus allen 50 US-Staaten auseinandersetzen. Im Vergleich mit den meisten amerikanischen Medien aber fiel ein deutlicher Unterschied zu den ersten europäischen Analysen auf.

Differenziertes Urteil

US-Nachrichtensender setzen in der Wahlnacht in der Regel auf Expertenpanel. Eingeladen werden Analysten und Berater von beiden politischen Seiten, deren erstes Urteil entsprechend differenzierter ausfiel. So widmeten sich CNN, MSNBC und Fox News in erster Linie dem Ausbleiben der blauen Welle der Demokraten und der offensichtlichen Dominanz der Republikaner im US-Senat. Am neutralsten verhielt sich dabei überraschenderweise der konservative Sender Fox News.

Während die Moderatoren und Analysten vom liberalen Sender MSNBC ganz offen ihrer Enttäuschung über die demokratischen Verluste im Senat freien Lauf ließen, waren es Laura Ingraham und Brett Baier, die bereits kurz nach 21.30 Uhr Ortszeit für Fox News den Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus festhielten. Chris Wallace sagte dem US-Präsidenten daraufhin eine schwere Zukunft voraus: „Das ist ein dickes, dickes Ding“, so der konservative Fox-Kommentator im Hinblick auf mögliche Ermittlungen, die ein von den Demokraten dominiertes Repräsentantenhaus künftig gegen Donald Trump einleiten könnte. „Washington wird Morgen ganz anders aussehen.

Währenddessen hielt der liberale Analyst und Kommentator Van Jones bei CNN mit seiner Enttäuschung nicht hinter dem Berg zurück: „Es ist herzzerreißend. Die demokratischen Antikörper haben nicht gegriffen gegen die Hassrhetorik des Präsidenten“, so Jones gegenüber Star-Moderator Anderson Cooper. Es sollte allerdings noch bis 23 Uhr dauern, bis auch Wolf Blitzer bei CNN den Sieg der Demokraten im Haus festhielt.

Ein anderes Bild

Das Bild sollte sich erst im Laufe des gestrigen Morgens drehen. Die europäischen Medien befassten sich zusehends mit den Folgen der Midterms für die amerikanische Politlandschaft und legten dabei erneut den Schwerpunkt auf das Erstarken der Diversität aufseiten der Demokraten. „Die Zukunft der Demokraten ist weiblich“, titelte „Zeit Online“ am Nachmittag, „Frauen triumphieren bei den Midterms“ deklarierte der ORF und auf wort.lu hielt Tom Rüdell fest, dass Amerika „ein klares Votum für mehr Vielfalt abgegeben“ habe.


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Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Großteil der US-Medien von den Analysen wieder hin zur Person des Präsidenten gewandt. Den Grund hatte der Besagte aber selbst geliefert: Zuerst mit einer aufsehenerregenden Pressekonferenz, in der sich der Präsident offen mit CNN-Chefkorrespondent Jim Acosta anlegte und den Demokraten die Hand reichte, nur um ihnen später mit Konsequenzen zu drohen, sollten sie ihm das Leben mit Ermittlungen schwer machen. Und dann feuerte er Justizminister Jeff Sessions.

Jim Acosta wurde am späten Mittwochabend vom Secret Service am Zutritt zum Weißen Haus gehindert. Er musste seinen Pressepass abgeben.
Jim Acosta wurde am späten Mittwochabend vom Secret Service am Zutritt zum Weißen Haus gehindert. Er musste seinen Pressepass abgeben.
AFP

„Eine blaue Welle war es zwar nicht, doch die Demokraten konnten Boden gut machen“, schrieb am Abend Charles Blow in der „New York Times“. Der Kolumnist sprach von einem „bittersüßen“ Resultat und nannte Trump nach dessen Ausraster am Nachmittag „entfesselt“ und „auf dem Prüfstand“. Den Präsidenten wird es wohl wenig kümmern: Er ist es gewohnt. Statistiken zufolge sind die US-Medien seit der Wahl 2016 extrem befangen: Laut einer Studie des Pew Research Centers waren im ersten Amtsjahr des Präsidenten nur fünf Prozent der Newsberichte über Trump positiv. Allein die „Big 3“ – die Sender ABC, CBS und NBC – berichteten bis März 2018 in 91 Prozent der Fälle negativ über den Präsidenten. Von 712 Aussagen über die Person des Präsidenten waren deren nur 65 positiv.


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