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Durch den Eurotunnel nach England: Gitter halten Flüchtlinge nicht zurück
International 2 3 Min. 30.07.2015

Durch den Eurotunnel nach England: Gitter halten Flüchtlinge nicht zurück

Hunderte Lastwagen warten in Südengland darauf, zum Eurotunnel-Gelände zu gelangen. Der Frachtverkehr verzögert sich.

Durch den Eurotunnel nach England: Gitter halten Flüchtlinge nicht zurück

Hunderte Lastwagen warten in Südengland darauf, zum Eurotunnel-Gelände zu gelangen. Der Frachtverkehr verzögert sich.
AFP
International 2 3 Min. 30.07.2015

Durch den Eurotunnel nach England: Gitter halten Flüchtlinge nicht zurück

Hunderte Flüchtlinge versuchen, von Calais aus durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Die Sicherheitsmaßnahmen werden verschärft. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals droht Premier Cameron mit Abschiebungen und strengeren Gesetzen.

(dpa) - Als es langsam dunkel wird, versuchen die jungen Männer ihr Glück - und riskieren ihr Leben. Sie überqueren Autobahnen und Gleise, schlüpfen durch Löcher im Zaun um das Eurotunnel-Terminal, verstecken sich vor der Polizei. Die Warnschilder vor der Hochspannung halten sie nicht auf, genauso wenig wie die Mahnungen der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

"Wir sind super-motiviert. Voller Hoffnung", erzählt der Flüchtling Ellias, 22, früherer Wirtschaftsstudent. "Ich habe vor nichts mehr Angst - nach all dem, was wir durchgemacht haben", sagt er dem Sender France Info. "Wenn ich hier sterbe, dann soll es so sein."

Es sind Verzweiflung und die Hoffnung auf ein besseres Leben, die Flüchtlinge in Calais Tag für Tag nach einem Weg auf die andere Seite des Ärmelkanals suchen lassen. Schon seit zwei Jahrzehnten stranden Migranten auf dem Weg nach Großbritannien in der nordfranzösischen Hafenstadt; mehrere Tausend leben zurzeit unter erbärmlichen Bedingungen in einem Slum-artigen Lager. Der Staat reagiert mit Zäunen und Polizisten. 

Hilfsorganisationen fragen nach Sinn der Abschottung

Am Tunnel unter dem Ärmelkanal starben allein seit Anfang Juni zehn Migranten beim Versuch, auf Züge zu gelangen. Eurotunnel-Chef Jacques Gounon beklagte ein «systematisches, massives» Eindringen auf das Gelände.

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve schickte 120 weitere Beamte - Nachschub für das tägliche Katz- und Mausspiel. 

Der Hafen von Calais ist schon jetzt eine Stacheldraht-Festung, nun soll auch am Eurotunnel-Terminal weiter aufgerüstet werden. «Diese Leute sind Kriegsflüchtlinge. Je mehr Konflikte es in der Welt gibt, desto mehr Druck gibt es hier», sagt Christian Salomé von der Hilfsorganisation Auberge des Migrants dem Fernsehsender BFMTV. «Man muss sich die Frage stellen, ob es wirklich nötig ist, diese Grenze zu diesem Preis zu blockieren, mit so vielen Todesfällen.» 

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Auf der anderen Seite des Ärmelkanals teilt man diese Ansicht keineswegs. Von Vietnam aus gab Premier David Cameron den harten Hund: Strengere Gesetze und mehr Abschiebungen würden den Leuten schon zeigen, dass Großbritannien kein «sicherer Hafen» sei. 

Cameron macht zweifelhafte Bemerkung

Mehr Aufsehen erregte er mit der Bemerkung, ein «Menschenschwarm» komme übers Mittelmeer, um sich im Vereinigten Königreich niederzulassen. Flüchtlingsorganisationen und die Opposition verurteilten die Wortwahl als «verantwortungslos» und «erbärmlich». «Er sollte sich erinnern, dass er über Menschen spricht, nicht Insekten», sagte Labour-Interimschefin Harriet Harman. Selbst Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen Ukip und nicht bekannt für Zimperlichkeit, bemerkte, der Premier wolle eben hart klingen.

Migration ist eines der heißesten Eisen der britischen Politik. Meist dreht sich die Debatte um EU-Einwanderer, bevorzugt mit Brüssel als Buhmann. Die Flüchtlingskrise in Calais ist vor allem Thema, wenn sich deswegen Lastwagen und Autos der Urlauber in Südengland stauen.

Hunderte Lastwagen warten in Südengland darauf, zum Eurotunnel-Gelände zu gelangen. Der Frachtverkehr verzögert sich.
Hunderte Lastwagen warten in Südengland darauf, zum Eurotunnel-Gelände zu gelangen. Der Frachtverkehr verzögert sich.
AFP

Dass Großbritannien den Menschen helfen und mehr von ihnen aufnehmen solle, fordern Hilfsorganisationen - und die Vereinten Nationen. Es gehe um eine relativ kleine Zahl von Menschen, um die man sich dringend kümmern müsse, sagt Peter Sutherland, Sonderbeauftragter für Migration, der BBC. «Wer denkt, dass durch das Hochziehen von Grenzen oder Zäunen ein bestimmter Staat irgendwie vor einer angeblichen Flut - die alles andere als eine Flut ist - geschützt werden kann, der wohnt in Wolkenkuckucksheim.» 

Aufrüstung in Calais

Die Hilfsorganisationen, die sich im «Dschungel von Calais» - dem Lager vor der Stadt - um Flüchtlinge kümmern, warnen schon länger vor einer humanitären Katastrophe. Frankreichs Asylsystem ist in der Krise. Im Juni hatte die Regierung mehr Unterkünfte versprochen; zudem sollen die Wartefristen für Asylsuchende kürzer werden. Doch viele Migranten stellen gar keinen Asylantrag, sondern erhoffen sich Arbeit in Großbritannien. 

Derweil wird in und um Calais weiter aufgerüstet. Auch die Briten bauen Zäune, um den Bahnhof dort zu schützen. Das Material hatten sie vorrätig: Es ist dasselbe, das vergangenes Jahr den Nato-Gipfel in Wales abgeschirmt hat. «Ich bin natürlich für die Verstärkung der Sicherheitskräfte», sagte die konservative Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart. «Aber das grundlegende Problem bleibt.»


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