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Die Wochenendreportage: Die Gesichter des Fremdenhasses in Südafrika
Geschützt hinter den Gittern beobachten ausländische südafrikanische Frauen, wie eine Menge von aufgebrachten Zulu, vor dem Hospiz im Stadtteil Jeppestown in Johannesburgs, gegen sie protestiert.

Die Wochenendreportage: Die Gesichter des Fremdenhasses in Südafrika

AFP
Geschützt hinter den Gittern beobachten ausländische südafrikanische Frauen, wie eine Menge von aufgebrachten Zulu, vor dem Hospiz im Stadtteil Jeppestown in Johannesburgs, gegen sie protestiert.
International 5 Min. 23.05.2015

Die Wochenendreportage: Die Gesichter des Fremdenhasses in Südafrika

Armut und Wut unter Schwarzen befeuern fremdenfeindliche Ausschreitungen in Südafrika. Die Männer in einem Arbeiterwohnheim in Johannesburg sehen Gewalt gegen Ausländer als Lösung ihrer Probleme.

(dpa) - Am Boden faulen ausgeweidete Schafsköpfe vor sich hin, gleich daneben liegen Plastiktüten voller Innereien, die darauf warten gegrillt zu werden. Gedärme sind bei den schwarzen Männern im Arbeiterwohnheim Jeppestown im Zentrum Johannesburgs besonders beliebt, denn das Fleisch ist billig. Dazu gibt es eine Art Polenta, das füllt den Magen. Wer hier lebt, hat bestenfalls genug Geld zum Überleben. Hinzu kommt aber noch eine gute Portion Wut - gegen Ausländer aus anderen afrikanischen Ländern. 

Gewaltbereite Zulus vor dem Hospiz in Jeppestown in dem viele Ausländer untergebracht sind.
Gewaltbereite Zulus vor dem Hospiz in Jeppestown in dem viele Ausländer untergebracht sind.
AFP

„Die Regierung soll die Ausländer rausschmeißen“, sagt Eugene Mgcina. Zu viele Südafrikaner seien arbeitslos. „Die Ausländer sollen unser Land in Ruhe lassen“, erbost sich der 31-Jährige. Das ursprünglich für Minenarbeiter gegründete Wohnheim mit seinen geschätzt 1500 Bewohnern war in den vergangenen Wochen einer der Ausgangspunkte der fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Johannesburg. Dutzende von Ausländern geführte Läden wurden geplündert. Viele wurden verletzt, als bei Straßenschlachten Stöcke und Macheten eingesetzt wurden. Hunderte Menschen aus Simbabwe, Malawi, Somalia und anderen afrikanischen Ländern haben seither in improvisierten Flüchtlingslagern Schutz gesucht. Sieben Menschen wurden getötet. 

„Wir wollen sie nicht töten“

„Es sind einfach zu viele“, sagt Wiseman Ngobese. „Deswegen wenden wir jetzt Gewalt an. Wir wollen sie nicht töten, wir nehmen uns nur ihre Läden vor“, sagt der 33-Jährige. Ngobese teilt sich in dem langgestreckten Backsteingebäude mit anderen Männern ein ärmliches Zimmer von vielleicht zehn Quadratmetern. Er gehört zu dem in Südafrika dominanten Volksstamm der Zulu. Wie alle Männer in dem Arbeiterwohnhaus ist er aus der südlichen Provinz KwaZulu-Natal nach Johannesburg gekommen, um dort einen Job und ein besseres Leben zu finden. Doch die Arbeitslosenrate liegt auch in Südafrikas Wirtschaftsmetropole offiziell bei 25 Prozent. 

Kleinkinder schlafen geschützt im Hospiz während draußen heftig demonstriert wird.
Kleinkinder schlafen geschützt im Hospiz während draußen heftig demonstriert wird.
AFP

Die Armut gekoppelt mit Perspektivslosigkeit bereitet den Nährboden für die Wut der Männer gegen erfolgreiche afrikanische Ausländer. „Wir haben hier so viele Menschen mit Fähigkeiten, aber die Regierung tut nichts für sie“, sagt Manyathela Mvelase, der Aufseher des Wohnheims. In den Innenhöfen haben junge Männer wacklige Wellblechhütten errichtet und verkaufen dies und das, von Seife bis zu Innereien. Doch die Regierung wolle die Läden wegen fehlender Genehmigung schließen, sagt Mvelase. Draußen seien die Mieten aber zu teuer. „Die Regierung sollte Jobs schaffen, nicht im Weg stehen.“

In der Straße vor dem Wohnheim sind noch die Glasscherben von den Ausschreitungen der letzten Woche zu sehen. In Jeppestown ist es seit dem Wochenende relativ ruhig geblieben, doch im nördlichen Armenviertel Alexandra wurde ein Mosambikaner brutal erstochen und ein simbabwisches Pärchen niedergeschossen. Die Regierung beschloss daher am Dienstag, die Armee in das Viertel zu schicken. Am Wohnheim Jeppestown rückten Polizei und Soldaten in der Nacht zum Mittwoch an, elf Bewohner wurden festgenommen. Bei Durchsuchungen wurden illegale Waffen und Diebesgut beschlagnahmt, wie der Nachrichtensender eNCA berichtete. Die Sicherheitskräfte wollen eine Wiederholung der Ereignisse von 2008 verhindern, als bei ähnlichen Unruhen 60 Menschen getötet wurden. 

Mehr als 5000 Ausländer in Flüchtlingslagern

Die Ausschreitungen begannen vor gut drei Wochen in KwaZulu-Natal, nachdem der König der Zulus, Goodwill Zwelithini, Ausländer in einer Rede zum Verlassen des Landes aufgefordert hatte. In der Provinz haben Hilfsorganisationen zufolge inzwischen mehr als 5000 Ausländer in Flüchtlingslagern Zuflucht gesucht. Erst am Montag erklärte Stammesführer Zwelithini dann, er sei missverstanden worden. Der König hat faktisch wenig Macht, genießt aber höchstes Ansehen. 

Die ausländischen Südafrikaner suchen Schutz in den von Mauern und Zaun abgeriegelten Hospiz.
Die ausländischen Südafrikaner suchen Schutz in den von Mauern und Zaun abgeriegelten Hospiz.
AFP

In Jeppestown gilt das Wort von Wohnheimaufseher Mvelase. Der 1956 geborene Zulu hat die Rolle eines traditionellen Anführers, eines sogenannten Nduna. „Die Ausländer begehen nur Verbrechen“, behauptet er. Über seinem Kopf baumelt ein totes Nagetier in der Sonne, ähnlich einem Marder oder Mungo. Bis auf Kopf und Pfoten ist das Tier gehäutet. Sobald es ausgetrocknet ist, wird es im Mörser zermahlen und für traditionelle Medizin verwendet werden. „Unsere Leute sind hungrig, also holen wir uns das Nötige von den Ausländern.“

Die Mehrheit der Südafrikaner ist schockiert über die Gewalt gegen Ausländer. „Wir sind alle Afrikaner“, erschallen immer wieder Botschaften gegen die fremdenfeindlichen Übergriffe aus dem Radio. „Lasst uns einander lieben.“ Im ganzen Land regen sich Proteste der bislang schweigenden Mehrheit. Am Donnerstag werden bei einem Friedensmarsch in Johannesburg mehr als 30 000 Menschen erwartet.

Ein Kind versucht sich, vor der Zerstörungswut der Zulu, in Sicherheit zu bringen. Nach lokalen Berichten zufolge, forderten die Protestierenden, dass Auslandsangehörige Südafrika verlassen.
Ein Kind versucht sich, vor der Zerstörungswut der Zulu, in Sicherheit zu bringen. Nach lokalen Berichten zufolge, forderten die Protestierenden, dass Auslandsangehörige Südafrika verlassen.
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Präsident Jacob Zuma hat die ausländerfeindliche Gewalt verurteilt. Er erinnert seine Landsleute auch daran, dass Südafrika die Überwindung des rassistischen Apartheid-Regimes und die Erlangung von Demokratie und Freiheit 1994 nicht ohne die jahrelange Hilfe aus dem afrikanischen Ausland - etwa aus Simbabwe, Mosambik und Tansania - geschafft hätte. „Unsere Brüder und Schwestern aus dem Rest des Kontinents haben uns Großzügigkeit, Würde und Respekt zuteil werden lassen.“ Die Gewalttäter stünden nicht für Südafrika. „Millionen Südafrikaner verurteilen diese schrecklichen Morde und verabscheuen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz.“ 

Südafrikas Führungsrolle beschädigt

Das Bild der von Nelson Mandela, dem Anti-Apartheid-Kämpfer und ersten freigewählten Präsidenten, angestrebten „Regenbogennation“, in der Menschen aller Hautfarben und ethnischer Hintergründe gleiche Rechte haben, hat mit den jüngsten Ausschreitungen neuen Schaden genommen. Auch Südafrikas Führungsrolle auf dem Kontinent ist deswegen beschädigt. Zudem sind die Unruhen Gift für das Ansehen des Landes, sowohl für die Wirtschaft als auch für die bedeutende Tourismusindustrie. 

Südafrikanische Polizisten der SADF (South African Defence Force) verhaften die gewaltbereiten Zulu im brisanten Bezirk in Johannesburgs. Bereits mehr als sieben Menschen mussten durch Ausländerfeindlichkeiten ihr Leben lassen.
Südafrikanische Polizisten der SADF (South African Defence Force) verhaften die gewaltbereiten Zulu im brisanten Bezirk in Johannesburgs. Bereits mehr als sieben Menschen mussten durch Ausländerfeindlichkeiten ihr Leben lassen.
AFP

Die Sicherheitskräfte werden die Unruhen früher oder später unter Kontrolle bringen. Doch unter der Oberfläche wird die Unzufriedenheit der Männer in Jeppestown und anderswo weiter brodeln. Sie eint die Meinung, dass es der schwarzen Mehrheit 20 Jahre nach Erlangung der Freiheit besser gehen müsste. Für eine langfristige Lösung braucht es daher mehr Wirtschaftswachstum, einen Abbau der Arbeitslosigkeit und besser bezahlte Jobs. Doch das ist allen Prognosen zufolge nicht absehbar. „Einer der Gründe, wieso wir jetzt kämpfen, ist, dass die Regierung nichts für uns tut“, sagt Mvelase.