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Die weltweite Diskussion um Kolonialgeschichte: Ein Überblick
International 4 Min. 14.06.2020

Die weltweite Diskussion um Kolonialgeschichte: Ein Überblick

Demonstranten versenken im Hafen von Bristol bei einem Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt die Statue von Edward Colston.

Die weltweite Diskussion um Kolonialgeschichte: Ein Überblick

Demonstranten versenken im Hafen von Bristol bei einem Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt die Statue von Edward Colston.
Foto: Ben Birchall/PA Wire/dpa
International 4 Min. 14.06.2020

Die weltweite Diskussion um Kolonialgeschichte: Ein Überblick

Zahlreiche Statuen berühmter Persönlichkeiten sind aus heutiger Sicht für viele nicht mehr tragbar. Der Protest wächst - vor allem gegen Denkmäler für Protagonisten der Kolonialgeschichte.

(dpa) - Statuen von Persönlichkeiten der Kolonialgeschichte haben schon vor dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd in der Kritik gestanden. Der Protest hat nun aber in vielen Ländern eine neue Dynamik bekommen.

Belgien 

Aus Protest gegen die von ihm verantwortete Schreckensherrschaft im Kongo sind an mehreren Orten Belgiens Statuen von König Leopold II (1835-1909) mit Farbe übergossen oder umgestoßen worden. Auch Straßenschilder mit seinem Namen wurden übermalt. Zehntausende haben Online-Petitionen mit der Forderung unterschrieben, die Statuen aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Einige sind bereits abgebaut. 


A grab photograph of an handout video taken and released by the Belgian television channel ATV-ANTWERP TELEVISION on June 9, 2020 in Antwerp, shows city workers taking down the statue of late Belgian king Leopold II, a few days after it was daubed with paint by anti-racism protesters due the monarch brutal colonial ruling. - Statues of Leopold have long been a target of activists because of his record in Belgium's African colonies, where he ran and exploited the then "Congo Free State" as a personal domain. The movement has gained momentum in recent days after the latest US police killing of an unarmed black suspect triggered a global wave of protest. (Photo by - / ATV-ANTWERP TELEVISION / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / HO / ATV-ANTWERP TELEVISION" - NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS --- NO ARCHIVE ---
Antwerpen entfernt Statue von König Leopold II.
Im Zuge der "Black Lives Matter"-Proteste mehren sich in Belgien die Proteste gegen Standbilder, die die Kolonialherrschaft des Landes glorifizieren. Die Stadt Antwerpen schafft jetzt Fakten.

Unter Leopold II wurde der Kongo systematisch ausgeplündert, Millionen Menschen dort kamen ums Leben. Das zentralafrikanische Land gehörte noch bis 1960 zum belgischen Kolonialreich.

Laut Esther Kouablan vom rassismuskritischen Verband mrax haben sich die Aktionen seit dem Tod Floyds gehäuft, es gab sie aber schon lange vorher. „Für die afrobelgische Community sind die Statuen in der Öffentlichkeit wie psychologische Gewalt, weil sie die Verbrechen banalisieren.“

Niederlande

Auch hier werden die Forderungen immer lauter, die eigene Geschichte kritischer zu bewerten: Das 17. Jahrhundert war nicht nur das Goldene Zeitalter mit Reichtum und Rembrandt, sondern auch ein blutiges mit Kolonialismus und Sklaverei.

Piet Hein war der Kommandant der niederländischen Westindien-Kompanie. Er gilt in den Niederlanden als Seeheld. Seine Statue in Rotterdam wurde beschmiert.
Piet Hein war der Kommandant der niederländischen Westindien-Kompanie. Er gilt in den Niederlanden als Seeheld. Seine Statue in Rotterdam wurde beschmiert.
AFP

Im Zentrum der Kritik stehen die einstigen Repräsentanten der Handels- und Seemacht: Piet Hein, Witte de With und Jan Pieterszoon Coen. An sie erinnern Statuen, Gebäude, Straßen und Tunnel. Eine Statue und ein Gebäude sind bereits rot beschmiert worden.


Rassismus oder nicht?: Vorweihnachtlicher Streit um den Schwarzen Piet
Eine Rassismus-Debatte beschäftigt derzeit die Niederländer. Zwar hat ein Gericht entschieden, dass der Schwarze Piet, der Begleiter des Nikolaus, bleiben darf. Doch tritt die traditionelle Figur nun vielerorts ohne schwarze Schminke im Gesicht auf.

Ur-Symbol des Kulturkampfes ist in den Niederlanden seit Jahren der schwarze Helfer des Nikolaus, der Zwarte Piet. Jedes Jahr erfreut die schwarz angemalte Figur zwar Kinder, doch sie sorgt auch für heftige Proteste. Mehrere Städte haben angekündigt, die Figur nicht mehr bei Nikolausumzügen zuzulassen.

Spanien

Hier ist es nur eine kleine Minderheit, die seit jeher die spanische Kolonialisierung der „Neuen Welt“ kritisiert. Eine größere Diskussion darüber gibt es in dem Land nicht. Daran haben auch die jüngsten weltweiten Demonstrationen gegen Rassismus vorerst nichts geändert. Wenn linke Politiker und Organisationen etwa Umbenennungen von Straßen und Plätzen fordern, stehen vor allem Protagonisten der Franco-Diktatur am Pranger.


ARCHIV - 10.04.2014, Spanien, Barcelona: Antonio Gonzalez Pacheco, in Spanien «Billy el Nino» genannt, verlässt ein Gerichtsgebäude in Barcelona. (zu dpa «Folterer der Franco-Diktatur stirbt nach Covid-19-Erkrankung» vom 07.05.2020) Foto: Eduardo Parra/Europapress/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Schuld ohne Sühne: Der berühmteste Folterer der Franco-Ära ist tot
In Madrid stirbt Billy el Niño. Er war der berühmteste Folterer der späten Franco-Jahre. Der spanische Staat hat ihn bis zuletzt in Ruhe gelassen - wegen eines Gesetzes aus dem Jahr 1977.

Als die mexikanische Regierung Spanien vor gut einem Jahr darum bat, sich für die Eroberung und Unterwerfung indigener Völker im 16. Jahrhundert zu entschuldigen, lehnte die sozialistische Regierung in Madrid ab. Die Ankunft der Spanier in Amerika vor 500 Jahren könne aus zeitgenössischer Sicht nicht beurteilt werden, hieß es.

Portugal

In dem Land, das einst zahlreiche Kolonien in Amerika, Afrika und Asien hatte, gelten die Seefahrer um Pedro Alvares Cabral, Ferdinand Magellan und Vasco da Gama für die meisten noch als Helden. Allerdings wurde kürzlich in Lissabon die Statue des katholischen Theologen und Missionars António Vieira mit roter Farbe beschmiert. Am Sockel stand groß „Entkolonisierung“.

Deutschland

Hermann von Wissmann (1853 - 1905), zeitgenössich bezeichnet als "Deutschlands größter Afrikaner".
Hermann von Wissmann (1853 - 1905), zeitgenössich bezeichnet als "Deutschlands größter Afrikaner".
Foto: gemeinfrei

Der bekannteste Fall eines "postkolonialen" Statuensturzes in Deutschland liegt bereits einige Jahrzehnte zurück: Am 31. Oktober 1968 wurde das Denkmal von Hermann von Wissmann, Gouverneur der Kolonie "Deutsch-Ostafrika" (dem heutigen Gebiet von Tansania, Burundi und Ruanda), vor der Universität Hamburg von Studenten umgestoßen und daraufhin nicht wieder aufgestellt. Heute ist es im Deutschen Historischen Museum ausgestellt - auf dem Boden liegend und immer noch mit Farbe beschmiert. Der Vorfall gilt als ein Schlüsselmoment der deutschen 68er-Bewegung und als ein Auslöser einer kritischen Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner Kolonialgeschichte. 

Großbritannien

Die Bilder, wie die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston in Bristol kürzlich von Demonstranten vom Sockel gerissen und ins Hafenbecken geworfen wurde, gingen um die Welt. 

Die Statue von Edward Colston nach ihrer Bergung aus dem Hafenbecken von Bristol.
Die Statue von Edward Colston nach ihrer Bergung aus dem Hafenbecken von Bristol.
Foto: AFP

Seitdem sind Dutzende Skulpturen ins Visier der Anti-Rassismus-Bewegung geraten. Darunter die von Nationalhelden wie dem legendären Premierminister Winston Churchill (1874-1965), dem rassistische Ansichten und eine rücksichtslose Politik in Indien und Irland vorgeworfen werden. Auch die Statue des Entdeckers James Cook (1728-1779) ist einer interaktiven Karte von Aktivisten im Netz zufolge ein Symbol rassistischer Unterdrückung und Gewalt.

Frankreich

Frankreich steht besonders eine Statue Jean-Baptiste Colberts vor der Nationalversammlung in Paris in der Kritik. Der Finanzminister unter Sonnenkönig Louis XIV. schrieb den „Code Noir“, der den Umgang mit den schwarzen Sklaven in den Kolonien regelte. 

Jean-Baptiste Colbert (1619-1683)
Jean-Baptiste Colbert (1619-1683)
Foto: AFP

Nach Aufrufen, die Statue zu zerstören, wird sie Berichten zufolge nun von der Polizei besonders bewacht. Ähnlich sieht es bei einer Statue des Generals Joseph Gallieni aus. Er regierte Ende des 19. Jahrhunderts in den Kolonien mit harter Hand.

USA

In Richmond, Virginia, der ehemaligen Hauptstadt der Südstaaten während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861 bis 1865), stürzten Demonstranten eine Statue von Jefferson Davis, des ehemaligen Präsidenten der Südstaaten. In Montgomery, Alabama, kippten sie Robert E. Lee vom Sockel, einen von den "Rebellen" gefeierten Bürgerkriegs-General. Auch Standbilder von Christoph Kolumbus, dem "Entdecker Amerikas" wurden beschädigt und demontiert. 

Eine Statue von Christoph Kolumbus wird von Demonstranten in Richmond, Virginia, demontiert.
Eine Statue von Christoph Kolumbus wird von Demonstranten in Richmond, Virginia, demontiert.
Foto: AFP

Im Zuge der Proteste gegen den gewaltsamen Tod von George Floyd hat die Diskussion um kolonialistische und rassistische Denkmäler zwar an Fahrt aufgenommen, sie wurde jedoch bereits zuvor nicht nur mit Worten geführt: 


Demonstranten in den USA stürzen Bürgerkriegsstatue
"Silent Sam" stand seit 1913 auf dem Campus der University of North Carolina in Chapel Hill. Er war ein Kriegerdenkmal für im Bürgerkrieg gefallene Studenten und ein Symbol für den Rassismus der Südstaaten.

2018 stürzte "Silent Sam", ein Kriegerdenkmal an der University of North Carolina in Chapel Hill. Und 2017 war der Beschluss der Stadtverwaltung von Charlottesville, Virginia, ein Denkmal von Robert E. Lee abzubauen, Auslöser für gewalttätige Proteste rechtsextremer Gruppen, bei denen eine Gegendemonstantin ermordet wurde. Donald Trump sprach damals von "Hass und Gewalt auf vielen Seiten" und wertete damit vor allem die Gewalt der Rechten auf. 


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