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"Die 'Weiße Rose' hat mehr kapiert und riskiert"
International 4 Min. 21.02.2018 Aus unserem online-Archiv

"Die 'Weiße Rose' hat mehr kapiert und riskiert"

Gedenkkultur "West": Die BRD ehrte die "Weiße Rose" mit einer Briefmarke.

"Die 'Weiße Rose' hat mehr kapiert und riskiert"

Gedenkkultur "West": Die BRD ehrte die "Weiße Rose" mit einer Briefmarke.
Foto: Gemeinfrei
International 4 Min. 21.02.2018 Aus unserem online-Archiv

"Die 'Weiße Rose' hat mehr kapiert und riskiert"

Der Historiker Wolfgang Benz im Interview über den Platz "ganz weit oben", den die Widerstandsgruppe in der deutschen Erinnerungskultur verdient - obwohl sie vordergründig komplett scheiterte.

Sie riefen in Flugblättern zum Widerstand gegen die Nazis auf. Und bezahlten ihren Mut mit dem Leben. Das NS-Regime verhaftete die Mitglieder der "Weißen Rose" am 18.2.1943. Der renommierte Zeithistoriker Wolfgang Benz beschreibt im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur die Hintergründe und Motive der Widerstandsgruppe. Und begründet, warum die mutigen Studenten bis heute einen Platz "ganz weit oben" in der deutschen Erinnerungskultur verdient haben.

Herr Professor Benz, wie erklären Sie sich die anhaltende Popularität der "Weißen Rose"?

Schon in meiner Zeit als Gymnasiast in den 1950er Jahren galten die Mitglieder der "Weißen Rose" als Helden und Vorbilder der jungen deutschen Demokratie. Das Fundament dazu haben Inge Aicher-Scholl und ihr Mann Otl Aicher mit ihrer Gedenkarbeit gelegt. Kein anderer Widerstandskreis ist bis heute so populär. Die jungen Menschen der "Weißen Rose" haben offensichtlich mehr kapiert und riskiert als die Mehrheitsbevölkerung. Angesichts der Lethargie der Bevölkerung ist es berechtigt, sie in der Erinnerungskultur sehr weit oben anzusetzen.

Es gibt natürlich andere Gruppen von Schülern, Studenten oder Lehrlingen, die ähnlich agiert haben, aber so demonstrativ, um nicht zu sagen leichtsinnig wie die Geschwister Scholl, so überzeugend in ihrer Argumentation bei den Flugblättern waren wenige.

Wolfgang Benz.
Wolfgang Benz.
Foto: Axel Hindemith

Was unterscheidet die "Weiße Rose" von den anderen führenden Widerstandsgruppen, etwa Stauffenbergs Verschwörern vom 20. Juli 1944 oder kommunistischen Gruppierungen?

Die Weiße Rose zeichnet sich dadurch aus, dass die jungen Leute durch eigenes Nachdenken zu der Erkenntnis gelangt sind, dass Nazi-Deutschland ein verbrecherisches Regime war. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Geschwister Scholl anfänglich durchaus begeistert waren vom Nationalsozialismus.

Wann ist diese Begeisterung für das Regime gekippt?

Spätestens durch das Erleben des Krieges. Die männlichen Mitglieder waren als Sanitätssoldaten an der Ostfront eingesetzt. Alexander Schmorell, der russische Wurzeln hatte, hat sich emotional sehr stark auf die russische Bevölkerung eingelassen. Seine Freunde taten es ihm gleich. Das unmittelbare Kriegserlebnis hat die Wende gebracht.

Als sie im Herbst 1942 nach Deutschland zurückkommen, ist für sie evident, dass das kein gewöhnlicher Krieg ist. Das ist Barbarei, das ist ideologisch begründeter Vernichtungswille. Und es war ihnen gleichzeitig klar, was irgendwann auch den Verschwörern des 20. Juli klar wurde: Dieser Krieg kann nicht gewonnen werden.

Was verraten uns die Flugblätter der "Weißen Rose" über die Gesinnung ihrer Mitglieder?

Sie verraten uns als erstes einen hohen Bildungsstand. Die ersten Flugblätter sind mit Zitaten und Bildungsfrüchten nur so gespickt. In den letzten Blättern ist aber alle romantische Weltsicht abgefallen. Ein Flugblatt stammt im Wesentlichen von Professor Kurt Huber. Darin zeigt sich klar die Solidarisierung mit den Opfern und der Wunsch, die Bevölkerung zum Nachdenken, zum Aufwachen, zum Umdenken zu animieren.

Ist das damals gelungen? Haben die Münchner Studierenden auf die Flugblätter reagiert?

Nein. Man konnte die unmittelbare Wirkung zwar nicht messen, aber man kann davon ausgehen, dass die Flugblätter der "Weißen Rose" und von anderen Gruppierungen überhaupt keine Wirkung hatten - schon gar nicht von denen, die dann Sophie Scholl im Lichthof der Universität von der Brüstung geworfen hat. Die Empfänger haben diese Blätter nicht wie gehofft mit Zustimmung in ihrem Bekanntenkreis verbreitet, sondern sie haben sie zur Polizei getragen und wollten sie aus den Händen geben, aus Angst, dass man sie damit identifizieren könnte. 

Die Hoffnung, dass sich das Volk der Regierung verweigert und Soldaten Fahnenflucht begehen, ist bis zum Schluss des NS-Regimes nicht eingetreten.

Gednekkultur "Ost": Auch in der DDR fanden sich die Geschwister Scholl auf einem Postwertzeichen wieder.
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Foto: Gemeinfrei

Allein das Verteilen von kritischen Flugblättern wurde mit der Todesstrafe geahndet. Was sagt uns das über die Rolle der Justiz im NS-Staat?

Der Rechtsstaat existierte seit langem nicht mehr, die Justiz war nur noch willfähriger Diener des Regimes. Die Barbarei war unvergleichlich. Da wird in einer Verhandlung von wenigen Stunden, in der die Anklageschrift brüllend vorgelesen wird und die Angeklagten samt ihrer Angehörigen erniedrigt werden, das Todesurteil verhängt und Stunden später vollstreckt. Das hat mit Zivilisation überhaupt nichts mehr zu tun.

Ist die "Weiße Rose" letztlich gescheitert?

Sie ist unmittelbar am 18. Februar 1943 gescheitert. Die Protagonisten kamen barbarisch zu Tode, eine Wirkung im weiteren Umkreis hat sich nicht gezeigt. Die Universität hat sich in der Verdammung der Geschwister Scholl und ihrer Freunde wenige Tage nach dem Urteil nicht weniger schändlich benommen als die Justiz. 

Also: Unmittelbar gescheitert, mittelbar sind die Leute der "Weißen Rose" aber Helden des deutschen Widerstandes - ähnlich wie der gescheiterte Bomben-Attentäter Georg Elser, der jahrzehntelang vergessen, verlacht und verachtet war. Sie zeigen, was an Widerstand möglich war. Sie bleiben eine immerwährende Mahnung, wie man sich gegenüber diktatorischem Regime, gegenüber menschenfeindlicher Obrigkeit verhalten müsste.


(Foto: Axel Hindemith, Creative Commons by-sa-3.0 de)


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