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Die Reportage: Leben mit der Schuld der Väter
„Das ist nicht mal die Hälfte der Namen (der Verschwundenen)“, steht auf dem Plakat einer
 Demonstrantin, die sich die
 Namen der Opfer der Diktatur
auf die Beine geschrieben hat. 


Die Reportage: Leben mit der Schuld der Väter

Foto: dpa
„Das ist nicht mal die Hälfte der Namen (der Verschwundenen)“, steht auf dem Plakat einer
 Demonstrantin, die sich die
 Namen der Opfer der Diktatur
auf die Beine geschrieben hat. 

International 4 Min. 25.05.2018

Die Reportage: Leben mit der Schuld der Väter

Wie geht man mit der Gewissheit um, dass der eigene Vater zu den Handlangern eines brutalen Militärregimes gehörte? Liliana Furió ist eine von vielen der jüngeren Argentinier, die mit diesem dunklen Kapitel in ihrer Familiengeschichte leben müssen.

Von LW-Korrespondentin Camilla Landbøe (Buenos Aires)

Als die Polizei ihren Vater eines Tages abholte, begann Liliana Furió mit der Recherche. Heute ist sie in einer Gruppe mit anderen, deren Väter während der argentinischen Diktatur ebenfalls folterten und mordeten. Das hilft.

„Ein normales Leben, das war es für mich. Wir lebten in einer Militärsiedlung in der Provinz Mendoza. Ich tollte draußen mit Kindern der anderen Militärs herum, spielte Tennis im Club der Siedlung. Zu Hause war es gutbürgerlich: Meine Mutter schaute nach mir und meinen Geschwistern, mein Vater ging arbeiten. Liebevoll war er nie, sondern autoritär und machistisch, er bestrafte uns mit Schlägen. Ich war 13 Jahre alt, als die Diktatur in Argentinien begann. Vielleicht war mein Vater zu jener Zeit nervöser als üblich. Einmal sagte er: Wir sind im Krieg mit Terroristen, die man töten muss, bevor sie uns töten. Ansonsten sprach er nie über seine Arbeit.“

Schätzungsweise 30.000 Opfer

Von 1976 bis 1983 herrschte in Argentinien eine brutale Militärdiktatur unter General Jorge Rafael Videla. Sozial engagierte und linksgerichtete Politiker, Intellektuelle, Künstler, Lehrer, auch Geistliche, wurden verfolgt, gefoltert und ermordet. Zahlreiche von ihnen gelten bis heute als verschwunden, weil man ihre Leichen nie gefunden hat. Menschenrechtsorganisationen schätzen um die 30.000 Opfer. Viele Militärs, Polizisten und andere Diktaturschergen stehen heute vor Gericht. So auch der Vater von Liliana Furió.

„Als die Diktatur vorbei war, erfuhr man mehr und mehr von den Verbrechen, die die Militärs begangen hatten. Immerhin war mein Vater Geheimdienstchef der Armee von Mendoza. Aber er winkte ab, die Menschenrechtsorganisationen verbreiteten für ihn Lügen, es sei nicht so heftig gewesen. Schon gar nicht in Mendoza. Er schob alles auf seine Untergebenen – in einem Krieg gäbe es nun mal Exzesse, er habe ja nicht jeden Soldaten kontrollieren können. Ich wollte ihm glauben, aber 2003 stand plötzlich ein Mann vor mir und sagte: Dein Vater ist ein Hurensohn. Dieser Mann hatte ein Buch gelesen, darin soll mein Vater als Diktaturtäter erwähnt worden sein. Ich war schockiert.“

Bereits in den 1980er-Jahren wurde versucht, Militärs vor Gericht zu stellen. Starker Gegenwind und die Drohung eines erneuten Putsches veranlassten die Regierung zurückzukrebsen. Man wollte die junge Demokratie nicht gefährden. Erst unter der Präsidentschaft von Néstor Kirchner (2003 bis 2007) wurden die gesetzlichen Grundlagen dazu gelegt und daraufhin zahlreiche Prozesse eröffnet.

Eines ist sicher, der Schmerz, den ich als Tochter eines Völkermörders habe, wird mich bis ans Ende meines Lebens begleiten. (Liliana Furió)

„Zu dieser Zeit lebten wir wieder in Buenos Aires. Sie klingelten an der Tür und holten meinen Vater ab, das war Ende 2008. Sie brachten ihn nach Mendoza und stellten ihn vor Gericht. Damals fing ich an zu recherchieren. Ich las, was ich finden konnte – im Internet, in Büchern. Allmählich erfuhr ich mehr über meinen Vater. Wie traumatisch. In Mendoza waren Menschen entführt, gefoltert und Babys den Regimegegnerinnen entrissen worden, bevor man die Mütter umbrachte. Mein Vater war Befehlshaber. Ich verspürte nur noch Schuld und Scham.“

Furchtbare Geschichten

Die heute 55-Jährige, Mutter von drei Kindern, fühlte sich all die Jahre sehr einsam. Mit wem auch hätte sie darüber sprechen sollen? Bis sie Analía Kelinec kennenlernte, ebenfalls die Tochter eines Diktaturschergen. Gemeinsam gründeten sie vor einem Jahr die Gruppe Historias Desobedientes – Ungehorsame Geschichten. Übers Internet fanden sie weitere Töchter und Söhne, die mit der Schuld ihrer Väter alleine waren. Jetzt zählt die Organisation schon 80 Personen. Am Jahrestag des Militärputsches im vergangenen März marschierten sie mit den Angehörigen der Verschwundenen erstmals offiziell durch Buenos Aires.

Im „Parque de la Memoria“ in Buenos Aires steht als Denkmal eine Wand aus Tausenden von Steinplatten mit den Namen der Opfer, die der Militärdiktatur zwischen 1976 und 1986 zum 
Opfer gefallen sind.
Im „Parque de la Memoria“ in Buenos Aires steht als Denkmal eine Wand aus Tausenden von Steinplatten mit den Namen der Opfer, die der Militärdiktatur zwischen 1976 und 1986 zum 
Opfer gefallen sind.
Foto: Shutterstock

„Mein Vater wurde bislang zweimal zu lebenslanger Haft verurteilt, weitere Prozesse laufen. Da die Gefolterten in der Regel Augenbinden trugen, hat ihn niemand – etwa mit einem Elektroschocker – gesehen. Aber gut möglich, dass er bei der Folter dabei war. In einer Zeugenaussage wird berichtet, wie mein Vater stehend auf einem Lastwagen eine gewaltsame Operation anleitete. Seine Mitverantwortlichkeit an den Verbrechen ist durch seinen hohen Rang unbestritten.“

Die Dokumentarfilmerin Furió kann keine Beweise gegen ihren Vater vorlegen, da er selbst über das, was geschehen ist, schweigt. Andere Kinder der Schergen könnten aber sehr wohl. „In unserer Gruppe gibt es Leute, die Unglaubliches zu berichten haben. So erzählte ein Militärarzt seinem Sohn, dass er Regimegegnern Betäubungsspritzen setzte, bevor man sie aus dem Flugzeug ins Meer warf. Der Sohn darf jedoch als Zeuge dieses Eingeständnis nicht vor Gericht vortragen, denn das argentinische Gesetz verbietet, dass Kinder gegen ihre Eltern aussagen.“

Diesen Umstand will die Gruppe ändern, im vergangenen November beantragte sie im Parlament eine Änderung des Strafgesetzbuchs. Die Töchter und Söhne wollen mit ihren Aussagen dazu beitragen, die Verbrechen endlich aufzuklären.

Und Furió? Sieht sie ihren Vater noch? „Er ist heute 85 Jahre alt, dement und steht unter Hausarrest. Als er noch gesund war, bat ich ihn 2013 innig darum, dass er mit hilft aufzuklären, wo die Verschwundenen vergraben liegen. Er antwortete, dass er überhaupt nichts bereue. Darauf brach ich den Kontakt eine Zeit lang ab. Eine Beziehung zu meinem Vater hatte ich nie und werde ich nie haben. Aber ich helfe meinen Geschwistern, den alten Mann zu pflegen. Eines ist sicher, der Schmerz, den ich als Tochter eines Völkermörders habe, wird mich bis ans Ende meines Lebens begleiten.“