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Die Reportage: Hexenjagd auf Homosexuelle
International 1 2 Min. 10.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Die Reportage: Hexenjagd auf Homosexuelle

Die Reportage: Hexenjagd auf Homosexuelle

Foto: Reuters
International 1 2 Min. 10.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Die Reportage: Hexenjagd auf Homosexuelle

In dem ostafrikanischen Land ist die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern verboten. Wo früher oft ein Auge zugedrückt wurde, soll das Gesetz jetzt rigoros umgesetzt werden: Dazu soll in der Handelshauptstadt Dar es Salaam ein Sonderkommando Jagd auf Schwule und Lesen machen.

Von LW-Korrespondent Markus Schönherr (Kapstadt)

Bereits letzte Woche hatte der Stadtgouverneur der Millionenmetropole, Paul Makonda, einen Feldzug gegen alle angekündigt, die seiner Vorstellung nach unmoralisch handeln und damit gegen geltendes Recht verstoßen. Das betrifft Prostituierte und noch wichtiger: Schwule, lesbische, bisexuelle und transsexuelle Tansanier.

Gouverneur von Dar es Salaam, Paul Makonda (36), hat einen Feldzug gegen Homosexuelle in Tansania angekündigt,
Gouverneur von Dar es Salaam, Paul Makonda (36), hat einen Feldzug gegen Homosexuelle in Tansania angekündigt,
Foto: AFP

Diese Woche hat nun ihr neuer Feind die Arbeit aufgenommen, eine 17-köpfige Kommission, lokalen Zeitungsberichten zufolge bestehend aus Polizisten, Mitarbeitern der staatlichen Informationsbehörde und Medienexperten. Letztere sollen die Sozialen Medien auf Profile homosexueller Tansanier durchforsten. Die Bevölkerung lud Makonda zur Mitarbeit ein: „Kennt ihr einen Schwulen, dann verratet mir seinen Namen“, forderte er von seinen Unterstützern. (Siehe Video)

In Afrika sind Tansanias strenge Moralgesetze kein Einzelfall. Mindestens 32 Staaten am Kontinent haben Homosexualität unter Strafe gestellt. Damit wollen die betroffenen Regierungen eigenen Angaben nach traditionelle Werte und Familien schützen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, wie eine Reihe von Studien herausfand: Der Bann für gleichgeschlechtliche Paare bremst nicht nur die Wirtschaftsleistung und die medizinische Versorgung in den betroffenen Staaten. Auch Heterosexuelle, Familien und vermeintlich Unbeteiligte leiden unter den drakonischen Anti-Homo-Gesetzen.

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In einigen Staaten steht auch die „Beihilfe“ zu gleichgeschlechtlicher Liebe unter Strafe. Das betrifft etwa beratende Ärzte oder Verwandte. Doch selbst wo keine Gesetze für „Mittäter“ existieren, dort haben der Homo-Bann und gesellschaftliche Tabus dazu beigetragen, die Wut auf Unterstützer zu lenken. In Tansania sorgte schon die Ankündigung von Razzien für Angst unter Bürgerrechtlern. Aus Furcht vor dem neuen Einsatzkommando sollen LGBT-Aktivisten untergetaucht oder aus der Stadt geflohen sein. Ihnen und Homosexuellen drohen bei einer Festnahme bis zu 30 Jahre Gefängnis.

Der verantwortliche Politiker, Makonda, gilt als konservativer Hardliner. Für seine politischen Ziele ruft er in Kirchen regelmäßig zur Unterstützung auf – in Form eines Gebets. Um internationale Partner nicht zu verärgern, reagierte Tansanias Regierung prompt und distanzierte sich von Makondas Hetze. Diese „spiegelt nicht die Sicht der Republik wider“ und man werde „weiterhin alle internationalen Menschenrechtsabkommen einhalten“, betonte das Außenministerium in Dar es Salaam.

 Schwule, lesbische, bisexuelle und transsexuelle leben zur Zeit gefährlich in Tanzania.
Schwule, lesbische, bisexuelle und transsexuelle leben zur Zeit gefährlich in Tanzania.
Foto: lgbtvoicetz.org

Doch der Schaden war bereits angerichtet: Die USA sprachen binnen Stunden eine offizielle Reisewarnung aus und riefen ihre Bürger auf, deren Profile in Sozialen Medien zu sichern oder Hinweise auf homosexuelle Inhalte zu verbergen. UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet warnte vor einer möglichen politischen „Hexenjagd“ auf Betroffene. Tansanier könnten diese als Einladung verstehen, ihre Mitbürger „einzuschüchtern, zu diskriminieren und zu tyrannisieren“.

Zwischen Tansania und der EU sorgte das angekündigte Durchgreifen gegen Homosexuelle für einen politischen Eklat. Der Staatenbund zog kurzerhand seinen Botschafter ab. Sprecherin Susanne Mbise teilte in einer Aussendung mit: „Wir bedauern, dass sich die Situation von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit in Tansania verschlechtert. Infolge werden wir unsere Beziehungen überdenken.“

Der Druck auf Makonda wächst – sowohl von internationaler Seite als auch im eigenen Land. Dennoch scheint der selbsternannte Moralapostel entschlossen, was die Razzien etwa auf gleichgeschlechtliche Paare oder Transsexuelle angeht. Bei einem Gottesdienst am vergangenen Sonntag mobilisierte er die Gemeinde gegen „Homosexualität und andere dreckige Aktivitäten“. Kurz darauf brach der Politiker in der Kirche in Tränen aus – laut einem Bericht der tansanischen Zeitung „The Citizen“ nicht zum ersten Mal. „Er scheint diese Gewohnheit zu haben“, heißt es, „, dass er in Kirchen weint, sobald eine seiner Kampagnen hässlich wird.“