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Die Reportage: Das blaue Wunder aus El Paso
International 2 8 Min. 06.10.2018

Die Reportage: Das blaue Wunder aus El Paso

Die Reportage: Das blaue Wunder aus El Paso

International 2 8 Min. 06.10.2018

Die Reportage: Das blaue Wunder aus El Paso

Der frisch gebügelte Hemdkragen saugt die Schweißperlen auf, die dem hoch gewachsenen Redner in der gleißenden Mittagssonne von Texas den Nacken herunterlaufen. Dabei hat Beto O'Rourke gerade erst anfangen, die Zuhörer im „Backyard on Bell“ in Denton in seinen Bann zu ziehen.

Von LW-Korrespondent Thomas Spang aus El Paso, Texas

Der Vorort von Dallas gehört zu den suburbanen Wohngebieten, die George W. Bush in den 90er Jahren halfen, Texas republikanisch rot zu färben. Nun setzen die Demokraten darauf, dass Orte wie Denton bei den Wahlen im November die „blaue Welle“ genügend anschwellen lassen, ihnen im Kongress zu neuen Mehrheiten zu verhelfen. Dafür bräuchten sie 23 zusätzlichen Sitze im Repräsentantenhaus und zwei im Senat. 

Einer davon könnte ausgerechnet aus der Hochburg der Republikaner in Texas kommen. Gemessen an dem Interesse für den dynamischen Kongressabgeordneten aus El Paso, muss der erzkonservative Senator Ted Cruz (47) um seinen Sitz bangen. Hunderte Neugierige hatten in Denton über Stunden darauf gewartet, den schlaksigen Kerl mit dem dichten, gescheitelten Haar und gewinnendem Lachen im Gesicht zu erleben. 

Beim ersten Besuch war das noch anders. Da kannte Beto O'Rourke kaum jemand. Was auch erklärt, warum Cruz bei den Vorwahlen noch doppelt so viele Wähler mobilisieren konnte. Seitdem holt Beto, wie O'Rourke seit Kindheitstagen mit dem spanischen Kosenamen für Robert gerufen wird, rasant auf.

Vor wenigen Monaten kannte kaum jemand Robert O'Rourke, der von Freunden und Anhängern liebevoll Beto genannt wird.
Vor wenigen Monaten kannte kaum jemand Robert O'Rourke, der von Freunden und Anhängern liebevoll Beto genannt wird.
Thomas Spang

Liberale Punk-Politik

Eine clevere Kampagne in den sozialen Netzwerken, TV-Auftritte in beliebten Talkshows, medienträchtige Aktionen wie Skateboarden vor einem Restaurant der Fastfood-Kette Whataburger, Geschichten über seine Zeit als Musiker der Punk-Band „Foss“ sowie die Unterstützung der Country-Legende Willie Nelson haben dazu ebenso beigetragen wie die giftigen Attacken Ted Cruz' und sein unermüdlicher Wahlkampf vor Ort. Beto erwähnt stolz, bereits alle 254 Wahlbezirke von Texas besucht zu haben.

Obwohl er weder Geld von außen akzeptiert noch einen Wahlkampfmanager, teure Berater oder Meinungsforscher beschäftigt, sehen ihn Umfragen gleichauf mit Cruz. Das Kongress-Orakel Charlie Cook hält in dem vielleicht spannendsten Rennen der „Midterms“ alles für möglich. 

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Wer einen Beleg für die „Beto-Mania“ sucht, findet ihn an diesem Samstagmittag in Denton. Beto redet frei, ohne Notizen und Teleprompter über seine Ideen für ein fortschrittliches Texas. Der an der Columbia-Universität in New York studierte Anglist lädt seine Zuhörer zum Träumen ein, wenn er seine Satzreihen mit der Formulierung „Was wäre, wenn“ einleitet. Was wäre, wenn Texas die USA beim Klimaschutz, beim Zugang zu bezahlbarer Bildung, einer universalen Krankenversicherung, der Legalisierung von Marihuana, strikteren Regeln beim Verkauf von Waffen führt und die Chancen nutzt, die freier Handel, offene Grenzen sowie eine humanen Einwanderung- und Flüchtlingspolitik bieten. 

Beto spricht über seinen Sohn Henry (9), der gerade Fußball spiele, während gleichaltrige Flüchtlinge aus Zentralamerika in Lagern eingesperrt seien. Die Kinder würden ihre Eltern gewiss einmal fragen, was sie taten, als Donald Trump Minderjährige an Orten wie der berüchtigten Zeltstadt im Grenzort Tornillo internierte? Oder, wer „diese pendejos“ waren, „die diese Mauer gebaut haben?“

Echt und engagiert

Trotz der deutlichen Worte kommt der Kandidat nicht verbissen herüber. Beto wirkt echt, engagiert, findet eigene Worte progressive Inhalte verständlicher zu machen. Und sucht die Nähe zu den Menschen. Sprichwörtlich. In Denton wippen seine Lederschuhe gefährlich am Rand der Bühne. Als wollte der neue Rockstar der Demokraten jeden Moment ein Bad in der Menge nehmen. 

O'Rourke liebt das Bad in der Menge. Er redet frei, ohne Notizen oder Teleprompter.
O'Rourke liebt das Bad in der Menge. Er redet frei, ohne Notizen oder Teleprompter.
Thomas Spang

Wie viele andere Zuhörern, fühlt sich Sarah Kathreiner (21) inspiriert, wenn Beto über das Amerika spricht, das ihr Donald Trump genommen hat. „Er sagt, wie es ist“, meint die Kunststudentin, der während der halbstündigen Rede immer wieder spontan Tränen die Wangen herunterkollern. „Alle Menschen verdienen Respekt und Würde im Umgang.“ Cathy Filepon (60) gefällt hingegen, dass der Kandidat sich nicht an Trump oder Cruz aufhält, sondern „seine Vision für Texas und die USA entfaltet“. Und Terry Williams (62) gesteht, als moderater Republikaner fühle er sich von Beto mehr angesprochen, als von Cruz oder Trump. „Sorry, diese Partei erkenne ich nicht mehr wieder.“ 

In Kennedys Fußstapfen

Ältere Amerikaner erkennen in Beto die Wiederkehr Bobby Kennedys, jüngere Amerikaner denken eher an Barack Obama, der die Menschen als Hoffnungskandidat mitriss und versprach die tiefen Gräben in der Gesellschaft zu überwinden. „Beto ist sein eigener Mann“, sagt Mario Portas, der über Jahre für den Kongressabgeordneten in El Paso gearbeitet hat. Er bringe seine ganz eigene Perspektive ein. Diese sei von der grenzübergreifenden Metropole El Paso und Ciudad Juarez geprägt, in der rund drei Millionen Menschen leben. 

Wer den „Scenic Drive“ von El Paso hochfährt, versteht sofort, was Portas meint. Von hier oben fällt der Blick auf ein weites, urbanes Siedlungsgebiet, das durch einen kleinen Fluss getrennt wird, der „Rio Grande“ heißt. Genau in der Mitte verläuft die internationale Grenze zwischen den USA und Mexiko. Bis zu den Terroranschlägen von 2001 gab es hier weder einen Zaun noch langwierige Kontrollen an den Grenzübergängen und schon gar keine Mauer.

O'Rourke lud seine heutige Frau und Mutter seiner drei Kinder, Amy, damals zu einem Date in den Kentucky Club ein, dem Geburtsort des Margarita auf der anderen Seite der „El Paso del Norte“-Brücke. Heute überqueren täglich noch immer 200 000 Autos und mehr als doppelt soviel Fußgänger die Brücke. Doch je nach Tageszeit und Verkehrsaufkommen kann die Rückkehr in die USA allerdings Stunden dauern. Ginge es nach Präsident Trump, stünde hier bald auch noch „eine große, schöne Mauer“. Robert Moore, der als Chefredaktuer der El Paso Times die Karriere O'Rourkes seit seinen Tagen im Stadtrat von El Paso (2005-12) aus nächster Nähe verfolgt hat, sagt, „wer Beto verstehen will, muss begreifen, wie El Paso und Juarez ihn beeinflusst haben“. 

Journalist Robert Moore versteht die Grenze in El Paso nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung.
Journalist Robert Moore versteht die Grenze in El Paso nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung.
Thomas Spang

Er habe als Teenager erlebt, wie das Freihandelsabkommen NAFTA beide Städte wohlhabender gemacht habe. Deswegen verstehe er die Grenze nicht als Bedrohung, sondern Bereicherung. Zumal mehr als acht von zehn Einwohner von El Paso ihre Wurzeln in Mexiko haben. „Beto versucht einen Gegenentwurf zu Trump düsterer Weltsicht anzubieten“, sagt Moore. Während der Präsident seinen Wahlkampf 2016 damit eröffnet habe, vor den „Mördern“, „Drogenhändlern“ und „Vergewaltigern“ zu warnen, die von Mexiko über die Grenze kämen, betone O'Rourke die Chancen. 

Alte Freunde

Das tut auch Miguel Fernandez (41), dessen Freundschaft mit Beto in die Tage zurückreicht, als sich ein Kreis junger Aktivisten Samstags in der Cincinnati Bar traf, um Pläne für die Zukunft der Region zu schmieden. „Einige haben sich politisch engagiert, ich versuche unsere Ideen in der Wirtschaft umzusetzen“, sagt Fernandez, der mit Transtelco ein grenzübergreifendes Telekom-Unternehmen mit Büros in El Paso und Juarez führt. 

Die Region sei seit langem ein „Mikrokosmos der großen Themen Handel, Einwanderung und Gesundheitsfürsorge“, sagt Fernandez, der darauf besteht zum Grenzzaun zu fahren, der heute beide Städte trennt. „Was für eine Verschwendung“, empört sich der Unternehmer, dem das Herz bricht, wenn auf der anderen Seite Kinder herbeieilen, um ihre Köpfe neugierig durch den „Tortilla Courtain“ zu stecken. Beto verstehe instinktiv, „wie unsinnig der Bau einer 30 Milliarden teuren Mauer und wie wichtig der freie Fluss von Waren und Dienstleistungen ist“. 

Beides wird durch Trumps Handels- und Einwanderungspolitik bedroht. Nirgendwo lässt sich das klarer sehen wie im Großraum El Paso - Juarez.  „Zölle vertreiben Unternehmen“, sagt der deutsch-stämmige Vorsitzende der Handelskammer, Steffen Poessiger.  O'Rourke habe sich dagegen schon im Stadtrat für progressive Ziele und Investitionen in die Gemeinde stark gemacht. „Er ist klug, kümmert sich und macht keine politischen Spielchen.“ 

Anwohner nennen den Grenzzaun „Tortilla Courtain“.
Anwohner nennen den Grenzzaun „Tortilla Courtain“.

Das sieht auch Ruben Garcia so, der mit seinem „Annunciation House“ ein sicherer Hafen für Flüchtlinge und Migranten in El Paso ist. „Er stand immer auf der richtigen Seite“, sagt Garcia, dessen Organisation zu den vier Stellen entlang der 2.000 Meilen langen Grenze zu Mexiko gehört, bei der von der Regierung getrennte Familien wieder zusammengeführt wurden. Beto verspricht im Wahlkampf, er werde dafür sorgen, dass in Texas nie wieder eine Mutter ein Kind aus den Armen gerissen bekommt. Ob er dafür den notwenigen Rückhalt im Kongress findet, weiß Garcia nicht. „Aber es wird sehr helfen, wenn er uns im Senat vertritt“. 

Wahlfaule Texaner

O'Rourkes Weg zu einem Sieg in Texas führt durch die urbanen Gemeinden, deren Vororte - wie Denton - und die Grenzregionen entlang des Rio Grande. Eigentlich sollte Trumps Politik die Betroffenen dort motivieren, wählen zu gehen. Doch das ist keineswegs sicher. „Wir sind in erster Linie ein Nicht-Wähler-Staat“, hebt Beto hervor. „Platz 49 von 50 Bundesstaaten.“ Professor Jose Villalobos von der University of Texas in EL Paso bestätigt das. Im Rio Grande Valley liege die Wahlbeteiligung bis sechs bis acht Prozent an der Gesamtbevölkerung, in El Paso bei neun Prozent. Insgesamt gingen in Texas etwa die Hälfte der registrierten Bürger zur Wahl. „Er hat nur eine Chance, wenn er besser mobilisiert als Cruz.“ 

Genau das treibt Beto wahrscheinliche Nachfolgerin im Repräsentantenhaus, Veronica Escobar, um. Bei ihrer Wahl wäre sie die erste Latina aus Texas im US-Kongress. „Ich fürchte wir bekommen nicht die notwendige Unterstützung aus dem Rio Grande Valley“, räumt die langjährige Vertraute O'Rourkes im Gespräch mit unserer Zeitung ein. 

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Susie Byrd, die mit Beto im Stadtrat arbeitete, und unter dem Eindruck der Drogengewalt in der Schwesterstadt Juarez ein Buch über die Legalisierung von Marihuana schrieb, ist optimistischer. „Die Leute sind stärker denn je motiviert, sich an den Wahlen zu beteiligen.“ Weil Beto von der Grenze komme und diese verstehe, spreche er die Menschen besser an. „Wir wollen die Wahlbeteiligung verdoppeln.“ Ein ehrgeiziges Ziel, das für Beto O'Rourke der Schlüssel zum Erfolg bleibt. Es geht nicht darum, Republikaner zu überzeugen, sondern genügend Erstwähler zu mobilisieren. So hat Trump gewonnen, Obama und Bush. Und so kann es auch Beto schaffen. 

An seinem Einsatz liegt es jedenfalls nicht. Am Ende der Rede in Denton ist sein Hemd klitschnass. „Seid Ihr bei mir?“, fragt er seine Zuhörer. „Yeah“ schallt es zurück. Doch Texas bleibt Texas und Beto O'Rourke, das blaue Wunder aus El Paso, wäre nicht der Erste, der am Wahltag ein böses Erwachen erlebte. Niemand wird sagen können, er habe es kommen sehen. Seine Wahl bliebe eine faustdicke Überraschung. 


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