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Die Reportage am Wochenende : Verzweiflung an der Wiege der Mittelklasse

Die Reportage am Wochenende : Verzweiflung an der Wiege der Mittelklasse

Thomas Spang
International 9 4 Min. 15.10.2016

Die Reportage am Wochenende : Verzweiflung an der Wiege der Mittelklasse

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Die US-Wirtschaft boomt – doch bis auf eine schmale Oberschicht rutscht die amerikanische Gesellschaft immer weiter ab. LW-Korrespondent Thomas Spang unternimmt eine Reise nach Flint, der Stadt, wo der amerikanische Traum zum Albtraum wird.

Von Thomas Spang (z.Zt. USA, Flint, Michigan)

Desiree Duell (35) nimmt das nervöse Flackern des roten Alarmlämpchens an ihrem Wasserspender schon seit langem nicht mehr wahr. “Leider kann ich mir die Nachfüll-Patronen nicht leisten”, erklärt die Künstlerin, warum das Geschenk eines wohlmeinenden Gönners keine Verwendung findet.

Dabei brauchen Desiree und ihr zehnjähriger Sohn David eine ganze Menge Frischwasser seit aus den Hähnen daheim nur noch eine giftige Blei-Brühe läuft: Zum Trinken, Kochen, Zähneputzen und Waschen.

So geht es nicht nur Desiree, die vor ein paar Jahren das freundliche Haus mit den verträumten Spitzgiebeln kaufte. Mitten im reichsten Land der Welt hat eine ganze Stadt mit 90.000 Menschen kein sauberes, geschweige denn sicheres Wasser.

Die Bürger trauen niemandem mehr über den Weg seit der sparwütige Zwangsverwalter Flints ihr Wohlergehen aufs Spiel setzte. Nur dank der hartnäckigen Nachforschungen der Kinderärztin Dr. Mona Hanna-Attisha vom “Hurley Medical Center” kamen die extrem schädlichen Konzentrationen an Blei im Trinkwasser zu Tage.

Der Grund? Die Verantwortlichen ließen bei der Wasseraufbereitung aus Kostengründen eine Chemikalie weg, die eine Ablösung des Bleis aus den alten Rohrleitungen verhindert hätte.


Der Wasserskandal von Flint geriet zum Symptom einer Krise, die weite Teile des industriellen Rostgürtels betrifft. Kaputte Straßen, altersschwache Brücken, abbruchreife Häuser, ungenießbares Trinkwasser, nicht vorhandener öffentlicher Nahverkehr und vernachlässigte Schulen finden sich hier überall. 

Wie keine andere Stadt in den USA ist Flint aber auch ein Symbol für den Aufstieg und Fall der amerikanischen Mittelklasse. Der Dokumentarfilm Michael Moore hat den dramatischen Wandel der Stadt 1989 in “Roger & Me” ins nationale Bewusstsein gehoben. 

“Flint kann mit gutem Grund als die Wiege der amerikanischen Mittelklasse verstanden werden”, erklärt der Historiker Mike Smith von der University of Michigan die Bedeutung der Stadt, deren 200.000 Einwohner 1960 „mehr Autos pro Kopf bauten als irgendwo sonst auf der Welt”.

Sie konnten damals in eine GM-Fabrik spazieren und haben einen Mittelklasse-Job bekommen.

Flint war auch Schauplatz des vielleicht wichtigsten Arbeitskampfs in der Geschichte der USA. Am 30. Dezember 1936 erstreikten Arbeiter die Anerkennung der “United Auto Workers”. Die Gewerkschaft verstand sich als Bewegung, die Maßstäbe für den Rest des industriellen Amerikas setzte. Sie erkämpfte neben stetig wachsenden Löhnen, das Recht auf Krankenversicherung, bezahlten Urlaub und betriebliche Rentenbezüge.

“Sie konnten damals in eine GM-Fabrik spazieren und haben einen Mittelklasse-Job bekommen”, beschreibt Historiker Smith die goldenen Tage. Auch Dan Ray kann sich an diese Zeit noch bestens erinnern. Fast wehmütig denkt er an die Vorweihnachts-Zeit zurück, in der die Geschäfte an der Saginaw Avenue sogar Nachts geöffnet hatten.

“In den 80er Jahren ging alles bergab”, sagt Dan, der selber seinen Job verlor. Der Ölschock hatte GM auf dem falschen Fuß erwischt. Hinzu kam die Automatisierung, die Arbeitsplätze kostete. Von 80.000 Arbeitern im Jahr 1978 schrumpfte die Belegschaft von General Motors auf heute nur noch 7.500 zusammen.

Dan fand einen neuen Job im “Center of Hope” der Catholic Charities - ein “One-Stop-Shop” für die Armen der Stadt, der gesundes Essen, Räume zum Aufwärmen, kostenlose Kleidung und Haushaltsgegenstände und Drogenberatung anbietet. 

Flint kann mit gutem Grund als die Wiege der amerikanischen Mittelklasse verstanden werden.

Der Bedarf kennt keine Grenzen. 62 Prozent aller Kinder der Stadt leben unter der Armutsgrenze. Einer von zwei Einwohnern Flints hatte im vergangenen Jahr keine Arbeit. Das mittlere Einkommen der Einwohner liegt bei 24,834 US-Dollar, 20.000 Häuser sind abbruchreif. Angesichts dieser Zahlen wundert es kaum, dass Flint die Stadt mit der zweithöchsten Mordrate der USA ist.

Die Politiker haben die Symbol-Kraft Flints längst entdeckt. Von hier stammt der in Reden ständig umworbene Wähler der “middle class”. US-Präsident Barack Obama stattete der Stadt im Mai dieses Jahres einen Solidaritätsbesuch ab. Hillary Clinton und Bernie Sanders stellten sich vor dem Super-Dienstag einem Kandidatenforum. 

Im September tauchte auch Donald Trump in Flint auf, der mit dem Slogan “Make America Great Again” versucht, die Enttäuschten zu gewinnen. “Es war einmal so, dass Flint Autos baute und sie in Mexiko kein Wasser trinken konnten”, versuchte Trump seine Zughörer in einer methodistischen Kirche zu umwerben. “Heute werden Autos in Mexiko gebaut und sie können das Wasser in Flint nicht mehr trinken”.

Der Abstieg der Stadt ist gewiss ein Platzhalter für andere Metropolen, die selber einmal bessere Zeiten kannten: Detroit, Youngstown, Cleveland, Pittsburg, Acron, Canton und viele andere Städte. Historiker Smith versteht, warum Trumps Botschaft dort zum Teil auf fruchtbaren Boden fällt. “Es gibt ein großes Segment an gering gebildeten weißen Arbeitern, die unzufrieden sind, weil ihre gut bezahlten Jobs verschwunden sind“.

Wer über die frisch herausgeputzte Saginaw Avenue schlendert, bekommt eine Ahnung des früheren Selbstbewusstseins der “Vehicle-City”. Hier steht die Statue William Durants, aus dessen Kutschen-Fabrik “Durant-Dort Carriage Company” Amerikas größter Autobauer “General Motors” hervorging.
Wer über die frisch herausgeputzte Saginaw Avenue schlendert, bekommt eine Ahnung des früheren Selbstbewusstseins der “Vehicle-City”. Hier steht die Statue William Durants, aus dessen Kutschen-Fabrik “Durant-Dort Carriage Company” Amerikas größter Autobauer “General Motors” hervorging.
Thomas Spang

In der mehrheitlich afro-amerikanischen Stadt Flint stieß Trump auf Ablehnung und Widerstand. Die Künstlerin Desiree Duell baute aus leeren Plastikflaschen eine Mauer, die als Kulisse einer Pressekonferenz diente, auf der örtliche Aktivisten unter dem Motto “Wasser statt Mauern” gegen den Besuch des Rechtspopulisten demonstrierten.

In einem stimmt Desiree allerdings mit Trump und Bernie Sanders überein. “Den amerikanischen Traum hängt am Tropf”. Sie selber sei in einer mittelständischen Familie zur Welt gekommen, habe unter der Armutsgrenze gelebt und schleppe heute 86.000 Dollar Ausbildungsschulden mit sich herum.

“Wir haben die Mittelklasse hier zur Welt gebracht”, resümiert Desiree, die wie Millionen Amerikaner ein solches Leben nur noch aus Erzählungen kennen. “Für mich machte es Sinn, wenn sie hier ihre letzte Ruhestätte fände”.