Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Die Reportage am Wochenende: Shopping nach dem Terror: Westgate-Mall in Kenia wieder geöffnet

Die Reportage am Wochenende: Shopping nach dem Terror: Westgate-Mall in Kenia wieder geöffnet

AFP
International 3 Min. 18.07.2015

Die Reportage am Wochenende: Shopping nach dem Terror: Westgate-Mall in Kenia wieder geöffnet

Vor zwei Jahren richteten radikal-islamistische Terroristen im Westgate-Einkaufszentrum in Kenia ein Blutbad an. Von Samstag an wird dort wieder eingekauft, die Angst ist jedoch noch immer mit dabei.

(dpa) - „Wir warten immer noch auf Antworten“, sagt Josephine Mutungi. Die 46 Jahre alte Kenianerin hat den Terrorangriff auf das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi im September 2013 überlebt. Für sie und viele andere Kenianer ist die Wiedereröffnung an diesem Samstag - nur wenige Tage vor dem geplanten Besuch von US-Präsident Barack Obama - überschattet von Terrorängsten. Einst ein Aushängeschild für den wachsenden Wohlstand des ostafrikanischen Landes, gilt das Westgate nun als Zeichen für das Versagen der Regierung. Sie kann den Terror aus dem Nachbarland Somalia nicht stoppen.

Vorbereitungen zur Wiedereröffnung des Supermarktes.
Vorbereitungen zur Wiedereröffnung des Supermarktes.
AFP

Am 21. September 2014 hatten mehrere Bewaffnete der somalischen Terrorgruppe Al-Shabaab das Einkaufszentrum in Nairobi überfallen und vier Tage besetzt. Mindestens 67 Menschen starben. Die Angreifer machten Jagd auf Nicht-Muslime, schossen aber auch Kinder und andere Besucher wahllos nieder.

Ein einfacher Raubüberfall?

Als sie die Schüsse hörte, dachte Mutungi zunächst an einen einfachen Raubüberfall. Mit ihren Kindern suchte sie Schutz in einem Musikladen. „Wir haben uns unter den Regalen versteckt“, sagt sie und erzählt von vermummten Schützen mit Gewehr in der einen Hand und Zigarette in der anderen.

Letzte Handgriffe vor der Wiedereröffnung am 18. Juli 2015, in der Westgate Shopping Mall in Nairobi.
Letzte Handgriffe vor der Wiedereröffnung am 18. Juli 2015, in der Westgate Shopping Mall in Nairobi.
REUTERS

Der Anschlag geriet zu einem Desaster für Kenias Sicherheitskräfte. Die Armeeführung wirkte kopflos, und Überlebende berichteten, dass Soldaten lieber die Geschäfte plünderten, als den Opfern zu helfen. Bewaffnete Zivilisten - darunter auch Ausländer - kamen den Menschen zu Hilfe. „Ich habe keinen einzigen uniformierten kenianischen Polizisten dort gesehen“, sagt auch Mutungi. Eine versprochene offizielle Untersuchung der Vorwürfe fand nie statt.

Nach dem Angriff auf das Einkaufszentrum wurde die Führung der Sicherheitskräfte ausgetauscht, Tausende Terrorverdächtige festgenommen und 10 000 neue Polizisten eingestellt. Sogar über den Bau einer 700 Kilometer langen Mauer an der Grenze zu Somalia wurde nachgedacht. Der Erfolg hält sich in Grenzen: Seit Westgate starben nach Schätzungen mehr als 540 Menschen bei Terrorangriffen, darunter 148 Studenten bei einer Attacke von Al-Shabaab auf die Universität in Garissa in Ostkenia.

Polizeieinsatz in Nairobi. Am 21. September 2014 hatten mehrere Bewaffnete der somalischen Terrorgruppe Al-Shabaab ein Einkaufszentrum überfallen und vier Tage besetzt.
Polizeieinsatz in Nairobi. Am 21. September 2014 hatten mehrere Bewaffnete der somalischen Terrorgruppe Al-Shabaab ein Einkaufszentrum überfallen und vier Tage besetzt.
REUTERS

„Es wird wieder passieren"

„Es wird wieder passieren. Es aufzuhalten, ist fast unmöglich“, sagt Ostafrika-Experte David Anderson von der Warwick-Universität in Großbritannien. Dieses Terrorproblem sei wegen seiner Komplexität und seines Ausmaßes eine Herausforderung für jeden afrikanischen Staat, fügt er hinzu. Den Sicherheitskräften wird zudem vorgeworfen, Somaliern in Kenia die Schuld zuzuschieben, Terrorverdächtigen Schutzgelder abzupressen oder sogar Muslime zu foltern. „Den Sicherheitskräften ist nicht klar, wer der Feind ist und wie man ihn findet“, meint ein ausländischer Sicherheitsexperte.

Im Westgate selbst ist von dem Anschlag nichts mehr zu sehen. Das Blut der Opfer ist lange verschwunden, frischer Putz verdeckt die Einschlagslöcher der Geschosse. Schicke Läden und trendige Cafés sollen das Geschehene vergessen machen. Die Wiedereröffnung sei ein Symbol für den Willen der Kenianer, sich nicht unterkriegen zu lassen, sagt der Gouverneur von Nairobi, Evans Kidero. „Wir haben als Land geweint und getrauert - aber das Westgate ist wieder da“, sagte er.

Kunden hatten sich in Sicherheit gebracht.
Kunden hatten sich in Sicherheit gebracht.
REUTERS

Tourismus leidet unter Unsicherheit

Kenia braucht diesen Optimismus - denn der Tourismus, eine der Haupteinnahmequellen, leidet unter der Unsicherheit. Offiziellen Statistiken zufolge schrumpfte der Sektor im ersten Quartal 2015 um 7,5 Prozent.

Kidero versucht, zu beruhigen: „Kenia ist sicherer als jemals zuvor. Sonst würde Obama auch nicht kommen“, sagt er. Josephine Mutungi, die nach der Attacke geschworen hatte, das Einkaufszentrum nie wieder zu betreten, ist noch nicht überzeugt. „Ich bin nicht sicher, ob ich bereit bin“, sagt sie. Patrick hingegen, der dort in einem Supermarkt arbeiten wird, meint: „Der Tod ist überall, der Terror ist überall, es geht nur darum, sich daran zu gewöhnen. Wir lassen uns nicht einschüchtern.“