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Die Reportage am Wochenende: Libyen im Schatten der Söldner
International 4 Min. 04.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Die Reportage am Wochenende: Libyen im Schatten der Söldner

Die Reportage am Wochenende: Libyen im Schatten der Söldner

Foto: AFP
International 4 Min. 04.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Die Reportage am Wochenende: Libyen im Schatten der Söldner

In unmittelbarer Nähe zu Europa droht der Bürgerkrieg in Libyen vollends zu eskalieren. Auf dem Schlachtfeld sind längst Söldner aus aller Welt aktiv. Denn auf der südlichen Seite des Mittelmeers geht es auch um den Kampf um Bodenschätze.

(dpa) - Besinnlich ging es in den Tagen rund um Weihnachten im libyschen Luftraum nicht zu - obwohl eigentlich nur noch wenige Flugzeuge den Airport von Tripolis planmäßig anfliegen. Am Rand der Startbahn stehen Flugzeuge, die sich seit Monaten nicht mehr bewegt haben. Das Rollfeld selbst liegt größtenteils verwaist, Raketen haben die Dächer von Hangars durchschlagen, die Trümmer liegen noch herum. 

Aber frühmorgens zwischen fünf und acht Uhr landeten in den vergangenen Tagen fünf Sonderflüge der Libyan Airlines in Libyen. Dazu mehrere Boeing 747 einer moldawischen Transportfirma. Abflugorte: Ankara, Istanbul und Ostende. Kurz darauf gibt es die ersten Videos syrischer Kämpfer in Libyen.

Krieg vor der Haustür Europas

Der Konflikt am Südrand des Mittelmeers ist längst kein lokaler Bürgerkrieg mehr. Die einzelnen Konfliktparteien - darunter unzählige Milizen - werden schon länger von Ländern wie der Türkei, Italien, Frankreich oder den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt

Menschen zeigen das Bild des libyschen starken Mannes Khalifa Haftar, als sie an einer Demonstration von Libyern und Syrern in der ostlibyschen Stadt Bengasi teilnehmen, um gegen die militärische Intervention der Türkei zur Unterstützung der von den Vereinten Nationen anerkannten Regierung in Tripolis zu protestieren.
Menschen zeigen das Bild des libyschen starken Mannes Khalifa Haftar, als sie an einer Demonstration von Libyern und Syrern in der ostlibyschen Stadt Bengasi teilnehmen, um gegen die militärische Intervention der Türkei zur Unterstützung der von den Vereinten Nationen anerkannten Regierung in Tripolis zu protestieren.
Foto: AFP

Als der mächtige Feldmarschall Chalifa Haftar im April 2019 seine Truppen aber in Richtung der Hauptstadt Tripolis und der dort ansässigen Einheitsregierung marschieren ließ, nahm der Konflikt eine dramatische Wendung. 

Wenige Tage bevor eine von den Vereinten Nationen organisierte Konferenz alle Konfliktpartner an einen Tisch bringen sollte um endlich über eine politische Lösung zu sprechen, schuf der Armeechef aus dem Osten Libyens Fakten - mit Hilfe ausländischer Söldner.

Illegale Waffenlieferungen

„Söldner aus dem Sudan, Tschad und Russland spielten bislang vor allem auf Seiten Haftars eine Rolle“, sagt der Libyen-Experte Wolfram Lacher von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. „Mit der Entsendung syrischer Milizen als Teil der türkischen Unterstützung sind Söldner jetzt erstmals auch auf Seiten der Gegner Haftars eine nennenswerte Kraft.“ 

In einem bislang vertraulichen Bericht von UN-Experten kritisiert die Expertengruppe, dass Länder wie die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Jordanien mit illegalen Waffenlieferungen ein bestehendes Waffenembargo unterlaufen würden.


Kriegswirren in Libyen und Flüchtlinge
In Libyen befinden sich 800 000 Menschen – afrikanische Migranten und libysche Bürger – auf der Flucht vor dem Krieg.

Vor zwei Wochen tauchten erstmals Videos in den sozialen Netzwerken auf. Eine Gruppe Kämpfer behauptet darin in syrischem Dialekt, ein Militärlager von Kämpfern des Generals Haftar eingenommen zu haben. Die Aufnahmen entstanden nachweislich im Süden der Hauptstadt Tripolis, unweit der Frontlinie. Auch wenn die libysche Regierung weiterhin behauptet, die Bilder stammten aus Syrien.

Anwerbebüros für Kämpfer   

Dort, im syrischen Afrin, soll es inzwischen Anwerbebüros für Kämpfer geben, die nach Libyen gehen wollen. Kurdische Anwohner in der Stadt bestätigten die Existenz der Büros. 

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, dass sich bereits rund 300 von der Türkei unterstützte syrische Milizionäre in Libyen aufhalten sollen. Den Kämpfern würden zwischen 2.000 und 2.500 US-Dollar für einen drei- bis sechsmonatigen Einsatz in Nordafrika gezahlt.

„Haftars Gegnern blieb nichts anderes übrig, als sich in die Arme der Türkei zu werfen“, sagt Wolfram Lacher von der SWP. „Das Resultat ist ein Krieg vor Europas Haustür, der von fernen Mächten wie Russland und den Emiraten angetrieben wird, auf den die Europäer aus Eigenverschuldung aber überhaupt keinen Einfluss mehr haben.“ 


Forces loyal to Libya's Government of National Accord (GNA) gesture on April 18, 2019, after taking control of the area of al-Aziziyah, located some 40 kilometres south of the Libyan capital Tripoli, following fierce clashes with forces loyal to strongman Khalifa Haftar. - Libya's unity government issued an arrest warrant for strongman general Khalifa Haftar for allegedly ordering deadly air strikes against civilian areas. (Photo by Mahmud TURKIA / AFP)
Immer mehr Tote bei Kämpfen in Libyen
Die Lage in Libyen war schon vor dem Ausbruch der neuen Eskalation chaotisch. Den internationalen Mächten gelingt es nicht, eine gemeinsame Haltung zu finden.

Auch eine Analyse des Europäischen Rats für Internationale Beziehungen (ECFR) kam kürzlich zu dem Schluss, dass sich die EU und Italien zu stark auf kurzfristige Ziele, wie die Bekämpfung der irregulären Migration über das Mittelmeer und Energieabkommen mit Libyen, konzentriert hätten. Undurchsichtige Deals mit Milizen hätten die instabile Sicherheitslage erst befeuert.

Geostrategische Interessen

In dem Konflikt geht es der Türkei aber nicht nur um Machtfragen, sondern auch um Rohstoffe. Der türkische Präsident Erdogan hatte mit Libyens Regierungschef Fajis al-Sarradsch im November nicht nur eine militärische Zusammenarbeit vereinbart, sondern auch ein Abkommen über Seegrenzen im Mittelmeer unterzeichnet. 

Mit diesem Abkommen erhebt die Türkei Anspruch unter anderem auf Gebiete in Nähe der griechischen Insel Kreta. Dort werden reiche Erdgasvorkommen vermutet. Die Vereinbarung war ohne das Einverständnis der anderen Mittelmeerstaaten unterzeichnet worden - die EU-Staaten halten es für illegal.

Erdogan hat es eilig

Je näher der libysche General Chalifa Haftar auf die Hauptstadt Tripolis vorrückt, umso eiliger hat es der türkische Präsident, die libysche Regierung zu unterstützen. Die Erlaubnis, Truppen nach Libyen zu schicken, hat er sich bereits vom Parlament in Ankara geholt.


A boy rests on a Greek Coast Guard ship after they were rescued by the Hellenic Coast Guard near the Greek island from Samos on November 13, 2019. - Some 48 migrants and refugees were rescued by the Greek coast Guard. The mayor of a Greek island on the front line of migration from Turkey has warned of possible riots if "primitive" conditions at its overcrowded camp are not urgently addressed. the migrant camp on the island of Samos, originally built to handle 650 people, now houses more than 6,000 and has long outstripped its boundaries. (Photo by ANGELOS TZORTZINIS / AFP)
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Auf ihrem Weg in eine vermeintlich bessere Welt geraten immer mehr Mädchen und Jungen in die Fänge von skrupellosen Menschenhändlern. Hilflos und schutzlos, werden viele der Heranwachsenden versklavt.

Derweil versuchen auch andere internationale Akteure, Einfluss in Libyen zu nehmen. Ägypten, das auf der Seite Haftars steht, führt derzeit intensive Gespräche mit Frankreich und Italien. Deutschland plant für Anfang 2020 eine Konferenz in Berlin, um die wichtigsten internationalen Akteure an einen Tisch zu bringen. Aber die Akteure in Libyen haben bis dahin vielleicht schon Fakten geschaffen.


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