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Die Reportage am Wochenende: Harvey trifft Arme am Härtesten
Staatliche Hilfe erhalten nur die, die nachweisen können, dass es in ihrem Haus keinen einzigen noch bewohnbaren Raum mehr gibt.

Die Reportage am Wochenende: Harvey trifft Arme am Härtesten

Foto: AFP
Staatliche Hilfe erhalten nur die, die nachweisen können, dass es in ihrem Haus keinen einzigen noch bewohnbaren Raum mehr gibt.
International 3 Min. 02.09.2017

Die Reportage am Wochenende: Harvey trifft Arme am Härtesten

Hurrikan "Harvey" trifft die arme Bevölkerung in Houston besonders hart. Sie leben in den flutgefährdeten Gebieten, haben oft keine Versicherung und wenig Ressourcen für den Wiederaufbau.

Von LW-Korrespondent Thomas Spang (Houston, Texas)

Ronaldo fällt es schwer zu glauben, was er eben auf dem Fernsehschirm im "George R. Brown Convention Center" vernahm. "Sie werden sehr schnelle Hilfe des Kongresses sehen", versprach dort Präsident Donald Trump den Flutopfern nach seinem Besuch in Texas mit dem ihm typischen Bravado. "Und sie werden sehr, sehr schnell wieder auf den Beinen sein". 

Der Dachdecker fragt sich, wie das gehen soll. Sein Haus und Truck im Osten der Stadt stehen unter Wasser, die Flutpolice konnte er sich nach mehreren Erhöhungen nicht mehr leisten und Ersparnisse hat er auch keine.

Deshalb hat er Zuflucht im größten Notaufnahme-Lager von Houston gesucht, wo die Mehrzahl der Gesichter in dem mit 8.500 Menschen überfüllten Zentrum "braun" oder "schwarz" sind.

Zehntausende sind auf private Spenden und die Großzügigkeit der nationalen Katastrophenhilfe FEMA angewiesen.
Zehntausende sind auf private Spenden und die Großzügigkeit der nationalen Katastrophenhilfe FEMA angewiesen.
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Armutsexperten wie Robert Bullard von der Texas Southern University überrascht das nicht. "Es ist sehr voraussagbar, welche Gebiete am härtesten getroffen werden", weiß der Soziologe, der die "Gefahrenzonen" in Städten wie Houston anhand sozio-ökonomischer Kenndaten festmachen kann. 

Die Gegenden, in denen besser situierte Bürger leben, zeichnen sich generell durch höhere Investitionen in Infrastruktur und Hochwasserschutz aus. Selbst wenn der, wie in diesem Fall während des Jahrhundert-Sturms "Harvey", nicht Stand hält, sehen sich die Einwohner nicht den gleichen Gefährdungen ausgesetzt.

Die "Gefahrenzonen" in Houston liegen laut Bullard gegenüber der "Huffington Post" im Osten der Stadt in Nachbarschaften, die an Industriegebiete mit petrochemischen Anlagen und Raffinieren angrenzen. "Harvey" brachte für die Menschen hier nicht nur das Flutwasser, sondern auch toxische Abfälle aus den angrenzenden Anlagen.

Evakuierte warten an auf ihren Abtransport. Sie haben nur das Nötigste eingepackt.
Evakuierte warten an auf ihren Abtransport. Sie haben nur das Nötigste eingepackt.
Foto: AFP

Bryan Paris von der Umweltgruppe TEJAS, die im East End von Houston aktiv ist, sagte einem Reporter des Magazins "The New Republic", der Sturm habe einen "unerträglichen Gestank" mitgebracht. Andere Nachbarn klagten in den sozialen Medien über ranzige Luft, Atemnot und Übelkeit.  

Das ist das Ergebnis einer Laissez-faire-Politk, ungebremsten Kapitalismus und fehlender Städteplanung.

"Das ist das Ergebnis einer Laissez-faire-Politk, ungebremsten Kapitalismus und fehlender Städteplanung", analysiert Bullard den menschlichen Anteil, der die Katastrophe zu einem Desaster für die arme Bevölkerung macht. 

Etwa jeder fünfte in diesen zu 90 Prozent von Latinos bewohnten Nachbarschaften lebt unter der Armutsquote. Mangels sozialen Wohnungsbaus und bezahlbaren Häusern in anderen Teilen der Metropole, blieb vielen nichts anderes übrig als in die Gebiete zu ziehen, die als von der FEMA als "hoch riskant" eingestuft waren.

Etwa jeder fünfte  lebt hier unter der Armutsquote.
Etwa jeder fünfte lebt hier unter der Armutsquote.
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Das trieb die Kosten für die Versicherungspolicen noch weiter in die Höhe. Laut einer Analyse der Washington Post haben vier von fünf Einwohnern in den am härtesten von den Überflutungen betroffenen Nachbarschaften keine Versicherung. 

Zehntausende, die ihre Häuser und ihr Habe verloren, bleiben damit auf private Spenden und die Großzügigkeit der nationalen Katastrophenhilfe FEMA angewiesen. Doch ausgerechnet für diese Behörde sieht Trumps Haushaltsplan eine Kürzung der Mittel um 667 Millionen Dollar vor.

Vier von fünf Einwohnern in den am härtesten von den Überflutungen betroffenen Nachbarschaften haben keine Versicherung. 

Das präsidiale Versprechen "sehr schneller Hilfe" dürfte sich nach Ansicht der Anwältin Saundra Brown viel schneller als heiße Luft erweisen. Brown weiß, wovon sie spricht. Im Auftrag der Organisation "Lone Star Legal Aid" half sie schon in der Vergangenheit Betroffenen, sich durch das Behördendickicht zu schlagen.

Staatliche Hilfe erhalte nur, wer nachweisen könne, dass er in seinem Haus nicht einen bewohnbaren Raum habe. Selbst dann seien die Hilfen auf 33.000 US-Dollar begrenzt. Bei weitem nicht genug, den Schaden zu ersetzen. Laut US-Zensus liegt der Wert eines Häuschens in Harris County bei 138,000 US-Dollar.

Staatliche Hilfe erhalten nur die, die nachweisen könne, dass es in ihrem Haus keinen einzigen noch bewohnbaren Raum mehr gibt.
Staatliche Hilfe erhalten nur die, die nachweisen könne, dass es in ihrem Haus keinen einzigen noch bewohnbaren Raum mehr gibt.
Foto: AFP

"Leute die keine Versicherung haben, werden ihre Häuser oftmals verlassen müssen", beschreibt Professor Robert Meyer vom "Risk Management Center" der Universität Pennsylvania die bittere Realität nach dem Hurrikan. "Die Regierung wird nicht mit Geldbündeln um sich werfen."

Wenn die Wassermassen in Houston verschwunden sind, werden, wie nach Katrina in New Orleans, auch die sozialen Realitäten sichtbar; inklusive vieler zerstörter Existenzen und gebrochener Versprechen. Die "City without Limits" hat durch Harvey ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.

Grafik: AFP