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Die Reportage am Wochenende: „Geld fließt erst 
bei einer Katastrophe“

Die Reportage am Wochenende: „Geld fließt erst 
bei einer Katastrophe“

Thomas Spang
International 2 Min. 05.08.2017

Die Reportage am Wochenende: „Geld fließt erst 
bei einer Katastrophe“

Exklusiv-Interview mit Alaskas Umsiedlungs-Beauftragten Sally Russel Cox

Interview: Thomas Spang (Shishmaref, Alaska/USA)

Sally Russell Cox (54) arbeitet in Alaska mit Gemeinden, die vom Klimawandel bedroht sind. Die Expertin für Risiko-Abschätzung lebt seit 1982 in Alaska und hat einen Hintergrund in Städte- und Gemeindeplanung. Sie besuchte Shishmaref im vergangenen Sommer, um mit den Führern der Gemeinde über die Umsiedlung zu beraten. (Die Reportage: "Die letzten Tage von Shishmaref" finden Sie hier)

Sally Russel Cox
Sally Russel Cox
Thomas Spang

Donald Trump steigt aus dem Klimaabkommen von Paris aus, während die Inupiat von Shishmaref im Meer versinken. Ist das verantwortlich?

Wir sehen hier definitiv Erosion und das Verschwinden des Meeres-Eis. Dieses Eis hat die Insel für lange Zeit wie ein Puffer vor diesen schweren Stürmen geschützt. Jetzt bildet es sich später als in der Vergangenheit und bietet keinen Schutz mehr gegen die Herbststürme.

Es scheint ziemlich klar, dass die Insel so keine Zukunft hat?

Jedenfalls nur eine sehr begrenzte auf sehr knappem Raum. Ein perfekter Sturm brächte das Ende. 2011 fürchteten wir eine Situation bevor ein Megasturm in letzter Minute abdrehte.

Shishmaref hat nicht einmal Notfallpläne, obwohl bekannt ist, dass der Tag kommen wird, an dem etwas passiert. Haben die Verantwortlichen nichts von Hurrikan Katrina gelernt?

In Shishmaref haben sie die Schule und die Kirche. Und beide liegen nicht hoch genug. Es gibt da echte Probleme. Immerhin finden sich am Strand ein paar Wellenbrecher, die etwas Schutz bieten.

Wer tut etwas für die Klimaflüchtlinge von Shishmaref und den 30 anderen Gemeinden, die durch schmelzendes Eis und steigende Meeresspiegel bedroht sind?

Es gibt sehr wenige Ressourcen, für die Gemeinden etwas proaktiv zu tun. Das Geld kommt erst bei einer Katastrophe. Dann fließt ein Menge Geld. Aber Sie brauchen das Desaster. Wir versuchen den betroffenen Gemeinden zu helfen, andere Quellen anzuzapfen.

Ist das nicht ein trauriges Statement, zu sagen, dass Geld erst nach der Katastrophe kommt?

Das stimmt. Wir müssen erst Leben verlieren, bevor wir Ressourcen bekommen. Das ist genau verkehrt herum. Aber genau das wird passieren. Es gibt die Sorge, präventive Hilfe könnte die Büchse der Pandora öffnen. Mit einem solchen Präzedenzfall könnten sich plötzlich viele andere bedrohte Gemeinden in den USA darauf berufen und Geld von der Regierung fordern.

Fühlt sich das „Büro für Indianer-Angelegenheiten“ nicht zuständig? Die haben die Normaden doch damals dazu genötigt, sesshaft zu werden?

Ich glaube die gegenwärtige US-Regierung versteht nicht, wie ernst die Lage ist. Es lässt sich gut nachvollziehen, warum die Inupiat sich unfair von einem Staat behandelt fühlen, der sie erst gezwungen hat sesshaft zu werden, und nun etwas ausgesetzt sind, wofür sie auch nichts können.

Obendrein verleugnet Washington nun, dass es Klimawandel überhaupt gibt.

Das ist empörend und sehr schwierig zu verstehen. Unser Gouverneur in Alaska hat der Trump-Regierung klar gemacht, wie ernst die Situation hier ist und hat in einem anderen Fall konkret um Hilfe für die Umsiedlung der Bürger von Newtok gebeten.

Ziehen denn alle Verantwortlichen in Alaska am selben Strang?

Nein, es gibt einige, die fragen, warum wir das Geld für Leute an einem so entlegenen Ort ausgegeben? Warum können die nicht einfach woanders hingehen? Wir müssen besser erklären, warum wir die Kommunen zusammen behalten müssen. Wir müssen ihre Identität schützen. Wir sehen hier in Anchorage, was passiert, wenn die Menschen entwurzelt werden.


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