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Die Reportage am Wochenende: „Ethnische Säuberung”
Rohingya-Flüchtlinge auf ihrer langen und ungewissen Reise nach Bangladesch.

Die Reportage am Wochenende: „Ethnische Säuberung”

Foto: AFP
Rohingya-Flüchtlinge auf ihrer langen und ungewissen Reise nach Bangladesch.
International 5 3 Min. 21.10.2017

Die Reportage am Wochenende: „Ethnische Säuberung”

Die Vereinten Nationen nennen es eine „ethnische Säuberung nach Schulbuch”: Myanmar dementiert die Zahlen, doch Berichten zufolge sollen inzwischen mehr als 500.000 Rohingya nach Bangladesch geflohen sein.

Von LW-Korrespondent Daniel Kestenholz

In Bangladesch entsteht, auf einem riesigen Gebiet im Südosten des Landes, derzeit das größte Flüchtlingslager der Welt. Dieses Lager wird auch Konsequenzen für Europa haben, denn die vergangenen Jahre versuchten viele Menschen aus Bangladesch den „gelobten Kontinent” zu erreichen. Ihnen dürften sich demnächst Rohingya anschließen. Wenn keine Lösung gefunden wird, steht ein neuer Exodus von nach Europa strömenden Flüchtlingen an.  

Sehr teuer und sehr gefährlich

Die Reise ist gefährlich und teuer. Familien verkaufen oftmals ihr gesamtes Hab und Gut und verschulden sich, um ihren Söhnen die so beschwerliche wie gefährliche Reise nach Europa zu ermöglichen.

Die wenigsten wählen den direkten Weg über die Türkei. Bevorzugte Route der aus Bangladesch nach Europa fliehenden Menschen ist via Nordafrika, wo in Libyen der riskanteste Part der Reise ansteht. Wie für den jungen Bangladescher Khaled Hossain, der für seinen Traum wie so viele Menschen sein Leben riskierte, um seiner Familie zu helfen. 

10.000 Dollar kostet die Reise, und kurz bevor Hossain das gelobte Land Italien erreichen sollte, begann die Tragödie erst recht. Das Schiff sank, viele der Flüchtlinge an Bord ertranken, auch Hossains jüngerer Cousin. Eine libysche Bande rettete die überlebenden Schiffbrüchigen, nur um sie an Sklavenhändler zu verkaufen. Hossain arbeitete anschließend auf Baustellen, wurde dreimal weiterverkauft und geschändet. Sein Vater, gelähmt, hatte weitere 12.000 Dollar für die Freilassung aufzubringen. Heute ist Hossain zurück bei seiner Familie in Beanibazar, Bangladesch.   

Flucht aus Verzweiflung

Allein aus Beanibazar hätten 1.000 Menschen die Flucht nach Europa gewagt, sagt Hossain. Noch im Jahr 2014 wurden lediglich ein paar Dutzend Bangladescher auf der Libyen-Italien-Route aufgegriffen. Allein zwischen Juni 2016 bis März dieses Jahres waren es nach offiziellen Angaben bereits 11.000. Die Dunkelziffer dürfte bei rund 30.000 liegen. In Bangladesch gibt es kaum Arbeit, schon gar nicht für die hunderttausenden Rohingya-Flüchtlinge. „Junge Männer sind verzweifelt, via Libyen nach Italien zu gehen”, sagt Ataur Rahman Khan, Stadtrat von Beanibazar. Die Rohingya stellen für Bangladesch eine extreme Belastung dar. Können die Vertriebenen nicht nach Myanmar zurückkehren oder dauerhaft angesiedelt werden, werden auch viele von ihnen alles riskieren, um Europa zu erreichen.

Falsche Hoffnungen

Die Schlepper haben einfaches Spiel, den verzweifelten Familien Erfolgsgeschichten von jungen Männern zu verkaufen, die Europa angeblich erreichten und Arbeit fanden. Wie viele dabei den Tod finden oder gekidnappt werden, tut wenig zur Sache.  

Auch diese verzweifelte Rohingya-Mutter mit ihrem Baby versucht sich nach Bangladesch durchzuschlagen.
Auch diese verzweifelte Rohingya-Mutter mit ihrem Baby versucht sich nach Bangladesch durchzuschlagen.
Foto: AFP

Nicht wenige werden als Sklaven verkauft, noch bevor sie den Hafen erreichen. Und wer es auf eines der überfüllten, kaum See tauglichen Boote schafft, mag die Reise nicht überleben.  

Die meisten Flüchtlinge, die den riskanten Seeweg von Libyen nach Italien auf sich nehmen, stammen aus Bangladesch. Ihnen dürften sich demnächst die Rohingya anschließen. In den vergangenen Jahren suchten diese oftmals die Fluchtroute über die Andaman-See via Thailand und Malaysia nach Indonesien, von wo sie sich die Überfahrt nach Australien erhofften. 

„Pazifische Lösung”

Australien aber hält die Seeroute dicht. Jeder aufgegriffene Flüchtlinge verliert automatisch sein Asylrecht und wird im Rahmen der sogenannten „Pazifischen Lösung” in das Lager Manus auf Papua-Neuguinea oder auf die winzige Pazifikinsel Nauru gebracht, von wo es für die Wenigsten ein Fortkommen gibt, außer sie wählen die freiwillige, von Australien finanzierte Rückkehr in ihre Heimat.  

Im September entschied sich eine maltesische Hilfsorganisation, die mit ihrem Schiff „Phoenix” seit 2014 zehntausende Flüchtlinge auf der Libyen-Italien-Route aufgriff, ihr Hilfsschiff neu in der Andaman-See zu stationieren, um Rohingya zu helfen. Die Zahl der im Mittelmeer aufgegriffenen Flüchtlinge ist derweil seit Mitte dieses Jahres ohnehin stark gesunken. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob sich inzwischen Rohingya auf den Weg gemacht haben, so dass die „Phoenix” wieder im Mittelmeer gebraucht wird.

Myanmar (ehemalig Birma) grenzt an Thailand, Laos, die Volksrepublik China, Indien, Bangladesch und den Golf von Bengalen.
Myanmar (ehemalig Birma) grenzt an Thailand, Laos, die Volksrepublik China, Indien, Bangladesch und den Golf von Bengalen.
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