Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Die Reportage am Wochenende: Es begann mit Indigo
Mit gewaltlosem Widerstand, Streiks, Gebeten und Fasten machte er einen neue politische Form der Agitation populär, die schließlich die Kolonialmacht in die Knie zwang. - "Thai Human Imagery Museum" in Nakornprathom, Thailand

Die Reportage am Wochenende: Es begann mit Indigo

Shutterstock
Mit gewaltlosem Widerstand, Streiks, Gebeten und Fasten machte er einen neue politische Form der Agitation populär, die schließlich die Kolonialmacht in die Knie zwang. - "Thai Human Imagery Museum" in Nakornprathom, Thailand
International 3 Min. 08.07.2017

Die Reportage am Wochenende: Es begann mit Indigo

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Vor hundert Jahren startete Mahatma Gandhi in Indien seine erste gewaltfreie Kampagne gegen die britische Kolonialmacht, als er Indigo-Bauern in Bihar organisierte und damit den Grundstein für ein unabhängiges Indiens legte.

Von LW-Korrespondentin Agnes Tandler (New Delhi)

Am verschlafenen Eisenbahnkreuz Motihari im indischen Bihar begrüßten Tausende den sonderbaren Reisenden mit der runden Stahldrahtbrille. Es war „Mahatma“ Gandhi, der am 15. April 1917 gegen drei Uhr nachmittags aus dem Zug ausstieg, um sich ein Bild von der Lage der Indigo-Bauern im Champaran-Distrikt zu verschaffen.

Drei Tage später stand der 37-jährige Anwalt aus Südafrika vor Gericht. „Wenn Sie den Distrikt sofort verlassen, und nicht wieder zurückkommen, werden wir die Anzeige gegen sie zurücknehmen“, ließ ihn die örtliche Verwaltung wissen. Doch Gandhi ließ sich nicht beeindrucken: „Das kann nicht sein“, erwiderte der Mann in einem einfachen, weißen Dhoti, dem gewickelten Lendenschurz.

Wenn Sie den Distrikt sofort verlassen, und nicht wieder zurückkommen, werden wir die Anzeige gegen sie zurücknehmen.

Er werde nicht gehen, bevor er den leidenden Menschen hier geholfen habe, verkündete er selbstbewusst. Mit diesen Worten begann Gandhis erstes politisches Experiment mit dem gewaltlosen Widerstand gegen die britische Kolonialmacht in Indien, das schließlich, vierzig Jahre später, zur Unabhängigkeit des Subkontinentes führen sollte.

Mohandas Karamchand Gandhi war zu diesen Zeitpunkt in Indien eine kaum bekannte Figur: Er war erst im Januar 1915 aus Südafrika zurückgekehrt, wo er 21 Jahre lang als Rechtsanwalt und politischer Aktivist gearbeitet hatte. In Indien angekommen, begann er zu reisen, um sich ein Bild von der Situation in den Land zu machen, das er als junger Mann verlassen hatte, um in London Jura zu studieren und danach als Anwalt in Südafrika zu praktizieren.

Im Champaran-Distrikt, im heutigen Nordwesten von Bihar, wurde seit dem frühen 19. Jahrhundert Indigo angebaut: aus den Blättern des Indigo-Busches wird ein blauer Farbstoff gewonnen, der zum Färben von Baumwolle benutzt wird. Die Bauern im Distrikt wurden von den britischen Grundbesitzern gezwungen, einen bestimmten Teil ihres gepachteten Landes mit Indigo zu bepflanzen.

Shutterstock

Als Jahrzehnte später mit der Entdeckung synthetischer Farben die Weltmarktnachfrage für Indigo praktisch zum Erliegen kam, suchten die Bauern ein Ende des Systems, allerdings ohne Erfolg. Unzufriedenheit und Ärger in der Region wuchs.

Petition zur Abschaffung des Zwangsanbaus und Streiks wurden durch brutale Gewalt von Seiten der Polizei und der Landbesitzer beantwortet. Lokale Aktivisten, die im Dezember 1916 Gandhi auf einer Tagung der Kongress-Partei trafen, versuchten den Anwalt von einem Besuch bei den Indigo-Farmern zu überzeugen, doch Gandhi lehnte zunächst höflich ab, bis er sich dann im April 1917 doch aufmachte.

In Südafrika hatte Gandhi sich für die Rechte der indischen und chinesischen Bevölkerung eingesetzt und bereits sein Konzept des gewaltfreien Widerstandes, oder Satyagraha (deutsch: Hinwendung zur Wahrheit) erprobt. Die Redekunst, Mediengewandtheit und Selbstdarstellung, die er sich dort bei seinen Kampagnen angeeignet hatte, kamen ihm nun entgegen: Schockiert von der Weigerung Gandhis, den Distrikt zu verlassen und statt dessen lieber ins Gefängnis zu gehen, lenkten die Autoritäten rasch ein.

Der Salzmarsch von 1930 war eine weiter Kampagne Mahatma Gandhis, die das Salzmonopol der Briten brechen sollte und letztlich zur Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien führte.
Der Salzmarsch von 1930 war eine weiter Kampagne Mahatma Gandhis, die das Salzmonopol der Briten brechen sollte und letztlich zur Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien führte.
Shutterstock

Gandhi blieb mehrere Monate: Er befragte über 8.000 Indigo-Farmer im Distrikt und schrieb ihre Aussagen nieder, gründete drei Schulen und eine Krankenstation. Unter Druck geraten ordnete die Regierung eine Untersuchung an und machte Gandhi zum Mitglied der Kommission, die ähnlich wie ein moderner Untersuchungsausschuss arbeitete. Als Resultat der Untersuchung wurde im März 1919 der Indigo-Zwangsanbau gesetzlich abgeschafft.

Der Erfolg stärkte Gandhis politisches Ansehen und machte ihn zu einer wichtigen Figur im Unabhängigkeitskampf. Mit seinem Einsatz für die Indigo-Farmer schaffte es Gandhi erstmals, eine Brücke zwischen den Bauern und der Mittelklasse auf dem indischen Subkontinent zu bauen.

Dass die britische Kolonialmacht im Streit am Ende klein beigab, inspirierte nicht nur Bauern, sondern Tausende andere, die für Indiens Freiheit kämpften. Gandhi legte damit auch den Grundstein für weitere Kampagnen, etwa den berühmten Salz-Marsch gegen die britischen Herrscher 1930. Mit gewaltlosem Widerstand, Streiks, Gebeten und Fasten machte er einen neue politische Form der Agitation populär, die schließlich die Kolonialmacht in die Knie zwang. „Erst ignorieren sie Dich, dann lachen sie Dich aus, dann bekämpfen sie Dich und dann gewinnst Du“, so fasste Gandhi seinen Ansatz einmal zusammen.