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Die Reportage am Wochenende: Ein Herzschlag verändert die Welt
Nachgestellte Szene aus Silikonfiguren von der weltweit ersten Herzoperation im Museum "Heart of Cape Town".

Die Reportage am Wochenende: Ein Herzschlag verändert die Welt

Foto: © Heart of Cape Town Museum
Nachgestellte Szene aus Silikonfiguren von der weltweit ersten Herzoperation im Museum "Heart of Cape Town".
International 8 4 Min. 02.12.2017

Die Reportage am Wochenende: Ein Herzschlag verändert die Welt

Am 3. Dezember 1967 gelang Dr. Christiaan Barnard im Groote Schuur Hospital im südafrikanischen Kapstadt die erste Transplantation eines Herzens.

Von LW-Korrespondent Markus Schönherr (Kapstadt)

Vor genau 50 Jahren wurde in Südafrika Medizin-Geschichte geschrieben, als der Kapstädter Chirurg Barnard die erste erfolgreiche Herztransplantation der Welt durchführte. Herz-Patienten rund um den Globus gab er damals neue Hoffnung.

Die Geschehnisse vom 3. Dezember 1967 und des Vortags schreiben eine Geschichte, deren Emotionen unterschiedlicher nicht sein könnten: Trauer, Todesangst, neu gefasster Mut.

Schwierige Entscheidungen

An einem kühlen Sommerabend überquert die Familie Darvall eine Straße in Kapstadt, als ein betrunkener Autofahrer sie erfasst. Mutter Myrtle stirbt noch an der Unfallstelle.

Tochter Denise wird mit schweren Kopfverletzungen in das nahe gelegene Groote Schuur Hospital gefahren. Dort attestieren Ärzte den Hirntod der 25-Jährigen; jedoch: ihr junges Herz schlägt weiter.

Zur selben Zeit fährt Ann Washkansky durch die Sommernacht und passiert die Unfallstelle. Ihr Ziel ist ebenfalls das Groote Schuur Hospital - dort ist ihr Ehemann Louis wegen Diabetes und eines Herzfehlers seit mehreren Monaten Stammgast.

Im Krankenhaus sind schwierige Entscheidungen zu treffen. Professor Christiaan Barnard erkennt die Gunst der tragischen Stunde und überzeugt Denise Darvalls Vater, die Organe seiner Tochter an Sterbenskranke zu spenden.

Der Chef der Herzchirurgie ist unter Kollegen hoch angesehen - nicht zuletzt für seine unkonventionelle Art.

Unter dem Motto „Innen sind wir alle rot“ soll er weißen Südafrikanern die Organe schwarzafrikanischer Spender implantiert haben - ein Skandal zu Zeiten des rassistischen Apartheid-Regimes.

Innen sind wir alle rot.

Hektische Anrufe folgen. Barnard trommelt seine Kollegen aus dem Bett.

Um 0.45 Uhr werden die junge Denise Darvall und der 29 Jahre ältere Washkansky in den OP gerollt. Stunden später wechselt das gesunde Herz den Körper. Ein kurzer Elektroschock in das Lebensorgan.

Und als draußen der Morgen graut, zwei Minuten vor sechs: der erste Schlag. „Es wird funktionieren!“, ruft Barnard.

Ein Museum erzählt

Washkansky starb 18 Tage nach der Herztransplantation. Dennoch gilt der erste erfolgreiche Eingriff dieser Art in der modernen Medizin als Wendepunkt. Bis heute erzählt das „Heart of Cape Town“-Museum die Geschichte des südafrikanischen Welterfolgs.

Vor zehn Jahren eröffnete die Einrichtung im Kapstädter Groote Schuur Hospital, in dem Touristen die Labors und die originalen OP-Räume der Herztransplantation besichtigen können.

Die Szene mit Wachsfiguren darzustellen, erwies sich angesichts der südafrikanischen Sommertemperaturen als unmöglich.

Deshalb stellt heute ein Chirurgenteam aus lebensgroßen Silikonfiguren die weltverändernde Operation nach. Auch Dr. Barnard ist an seinem Schreibtisch sitzend für die Besucher verewigt.

Der Österreicher Professor Peter Zilla ist Nachfolger von Christiaan Barnard in Kapstadt.
Der Österreicher Professor Peter Zilla ist Nachfolger von Christiaan Barnard in Kapstadt.
Foto: © Heart of Cape Town Museum

Das Museum ist Schaustück und zugleich ein Tribut an Südafrikas medizinische Forschung. Die Universitäten und Fachärzte der Kaprepublik sind auch 50 Jahre nach der ersten Herztransplantation weltweit hoch angesehen.

„Wir haben eine ganze Reihe von Prämieren hier seit 1967 gehabt“, sagt Professor Peter Zilla.

Der Herzchirurg aus Österreich ist Leiter der Herz-Lungen-Chirurgie des Groote Schuur Hospitals und somit Nachfolger Christiaan Barnards.

Als Beispiele für die Medizinerfolge nennt er den Südafrikaner Allan Cormack als Erfinder der Computertomographie, die erste Nierentransplantation zwischen HIV-positiven Patienten - und 2014 die erste Penistransplantation der Welt.

Zillas Department betreibt weiter Spitzenforschung rund ums Herz. „Wir haben das für Barnard 1970 erbaute achtstöckige Forschungsgebäude gemeinsam mit den kardiologischen Kollegen so modernisiert, dass viele Besucher aus Europa und den USA vermerken, dass sie so etwas daheim noch nicht gesehen haben“, so Zilla.

Vor allem auf dem Gebiet der Herzklappenforschung konnten die Ärzte in Kapstadt mehrere Durchbrüche verzeichnen.

Seien die künstlichen Ventile aus Europa für lokale Verhältnisse ungeeignet, da sie für 70-Jährige gefertigt seien, entwarfen die Südafrikaner in 20 Jahren Forschung Herzklappen speziell für die junge afrikanische Bevölkerung.

Dank neuer Erkenntnisse müsse für den Eingriff auch das Herz nicht mehr stillgelegt werden.

Ungleiches Gesundheitssystem

Sosehr Südafrikas Fachärzte glänzen - für das Gesundheitssystem der Kaprepublik fällt die Bilanz gemischt aus. Südafrika gilt als Land mit der ungerechtesten Einkommensverteilung. Das spiegelt sich nicht zuletzt im Gesundheitssektor.

Während Reiche und die Mittelschicht dank Privatversicherungen eine Arztpraxis aufsuchen, bleibt dem Großteil der Bevölkerung nur der Besuch eines staatlichen Krankenhauses.

Häufig fehlt es dort an Arzneien; auch viele Fachärzte ziehen eher die lukrativen Privatkliniken vor, statt für den Staat zu arbeiten.

So behandeln in Südafrika 80 Prozent der Ärzte nur etwa 16 Prozent der Bevölkerung: die Wohlhabenden.

Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht und sollte nicht davon abhängen, wie reich wir sind oder wie wir leben.

Der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) will die Zwei-Klassen-Medizin bekämpfen mithilfe einer staatlichen Krankenversicherung bis 2025. Sie soll die Versorgungslücke zwischen Reichen und Township-Bewohnern schließen.

„Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht und sollte nicht davon abhängen, wie reich wir sind oder wie wir leben“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium.

Doch Experten und selbst Ärzte zweifeln: Wie soll ein Land, in dem jeder Vierte arbeitslos ist und es 2017 erstmalig mehr Sozialhilfeempfänger als Arbeitende gab, ein staatliches Gesundheitssystem finanzieren?

Organspendermangel

Daneben stehen viele von Südafrikas Herzpatienten vor einem weiteren Problem: dem chronischen Organspendermangel. Auch Khanyisa Pinda will in Barnards Fußstapfen treten und Leben retten.

Bloß eine Hürde könnte den 23-jährigen Medizinstudenten der Universität Kapstadt noch aufhalten: Pinda ist auf ein Spenderherz angewiesen, nachdem sein eigenes Herz aufgrund einer Krankheit nur noch zu zehn Prozent funktioniert.

Neben Pinda warteten im August 2017 etwa 4.000 weitere Patienten auf ein Spenderorgan. Dabei sind gerade einmal 0,2 Prozent der Südafrikaner als Spender verzeichnet; verglichen mit einem Drittel aller Deutschen.

Für Südafrikas Herzpatienten ist das 50. Jubiläum der ersten Herztransplantation ein Hoffnungsschimmer - wenngleich angesichts der langen Warteliste schmerzhaft an Ironie grenzend.

Grafik: AFP



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