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Die Reportage am Wochenende: Der lange Schatten von Agent Orange

Die Reportage am Wochenende: Der lange Schatten von Agent Orange

REUTERS
International 6 Min. 02.05.2015

Die Reportage am Wochenende: Der lange Schatten von Agent Orange

Die USA und Vietnam machen 40 Jahre nach dem Sieg der Kommunisten eifrig Geschäfte. Der Krieg spielt keine Rolle mehr. Aber Millionen Agent Orange-Opfer fühlen sich im Stich gelassen.

(dpa) - Der Alte schlurft in seiner kargen Stube schwerfällig zum Schrank. Er holt eine Plastikmappe hervor, eingeschlagen in ein schmuddeliges Leinentuch. Mit zitternden Fingern kramt der Vietnamese durch die Mappe. Da ist es: ein vergilbtes Papier, am Rand ausgefranst, mit der Schreibmaschine geschrieben. «Hguyen Triem hat als Fahrer für den US-Sicherheitsdienst NSA gearbeitet. Er war sehr gewissenhaft, und wir empfehlen ihn uneingeschränkt», steht da. 

Im "Peace Village" des Tu Du Hospitals in Ho Chi Minh-Stadt: Behinderte Kinder warten auf ihr Mittagessen.
Im "Peace Village" des Tu Du Hospitals in Ho Chi Minh-Stadt: Behinderte Kinder warten auf ihr Mittagessen.
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Vor 40 Jahren, am 30. April 1975, fiel die südvietnamesische Stadt Saigon, das letzte von den Amerikanern gestützte Bollwerk gegen die Kommunisten aus Nordvietnam. Die Amerikaner flohen in Hubschraubern aus Saigon, heute Ho-Chi-Minh-Stadt. Der US-Militäreinsatz war da schon seit zwei Jahren zu Ende, doch stützten tausende «Berater» das südvietnamesische Regime bis zuletzt. Der «amerikanische Krieg», wie es in Vietnam heißt, ist Geschichte, aber die Folgen nicht. 

Dienst in Danang

Hguyen war den Amerikanern in Danang in Zentralvietnam zu Diensten. «Acht Jahre» sagt er und pocht auf das vergilbte Papier. Wo genau, und was da war? Der 83-Jährige ist mit vielen Fragen überfordert. Aber Danang, da ist der Flughafen, wo tausende Giftfässer gelagert wurden, Entlaubungsmittel wie das dioxinhaltige Agent Orange, das wie die USA nach Klagen von betroffenen US-Veteranen später zu Hause einräumten, schwere Gesundheitsschäden und Geburtsfehler in den nachfolgenden Generationen verursachen kann.

Hguyen hat sieben Kinder. Der älteste Sohn ist tot. Die drei nächsten, in den 60er Jahren geboren, sind schwer behindert. Sie leben zu Hause, bei Hguyen, der Parkinson hat und schwerhörig ist, und seiner Frau. Drei Töchter sind nach seinen Angaben gesund. 

Drei Millionen Menschen mit Folgeschäden

Dava, die Organisation von Agent Orange-Opfern in Danang, kümmert sich um die Hguyens, sie bringt mal Essen, mal ein bisschen Geld. Drei Millionen Menschen haben nach offiziellen Angaben in Vietnam Folgeschäden, mindestens 150 000 Kinder wurden mit Behinderungen geboren. Es sind Soldaten, die den giftigen Chemikalien ausgesetzt waren, aber vor allem deren Kinder und Enkel. Noch heute kommen Kinder mit Behinderungen auf die Welt, die in den USA seit Jahren als typische Folgen von Dioxin-Vergiftung anerkannt sind. 

Blick aus einem startenden Flugzeug am internationalen Flughafen von Danang auf den verseuchten Lagerungsort von Agent Orange
Blick aus einem startenden Flugzeug am internationalen Flughafen von Danang auf den verseuchten Lagerungsort von Agent Orange
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Der Gifteinsatz, «Operation Ranch Hand», begann 1962 und dauerte neun Jahre. 75 Millionen Liter Entlaubungsmittel und Unkrautvernichter wurden versprüht, um Ernten zu zerstören und Dschungelkämpfer auf ihren Geheimpfaden aus der Luft besser sehen zu können.

«Agent Orange wurde in einer 50 mal höheren Konzentration versprüht als für die Zerstörung von Pflanzen empfohlen», schreibt das amerikanische Aspen-Institut. «Viele Böden sind bis heute vergiftet und nicht produktiv.» Den «größten chemischen Kriegsangriff der Weltgeschichte» nennen das später US-Veteranen, die die «Kampagne Vietnam Agent Orange Hilfe und Verantwortung» gründen. 

Späte Opfer

Eines der späten Opfer ist Nghia Quach Dai, sechs Jahre alt. Der Junge hat eine Hand mit nur zwei Fingern, und ein Bein, das unter dem Knie endet. «Der Vater meiner Frau war Soldat», sagt sein Vater, der Nghia ins Orthopädie-Zentrum in Hanoi gebracht hat. Es passt Prothesen an und bietet Physiotherapie.

Linh Chi ist elf und wartet auch auf eine neue Beinprothese. Ihre Mutter hatte einen Nierentumor, deren Vater, auch Soldat, starb mit 66 an Krebs. Linhs Vater hat das Weite gesucht, als die Kleine behindert auf die Welt kam, berichtet die Mutter.

Die Hilfsorganisation Green Cross, 1993 auf Initiative des früheren russischen Kremlchefs Michail Gorbatschow gegründet, fördert das Orthopädie-Zentrum. «Wir helfen in aller Welt, die Not von Familien zu lindern, die von langfristiger Verseuchung durch Kriege, Konflikte, Militäreinsätze oder Industrieaktivitäten betroffen sind», sagt Maria Vitagliano, zuständig für das sozialmedizinische Programm. 

20 Krankheiten als direkte Folgen

In den USA wurden 2,6 Millionen US-Veteranen als Agent-Orange-Opfer anerkannt. Die Veteranenbehörde hat Milliardenbeträge an sie und ihre Nachkommen ausgezahlt. Mehr als 20 Krankheiten gelten als direkte Folge von Agent Orange, darunter Leukämie, Prostatakrebs, Wirbelsäulenspalt, Nervenleiden, Diabetes, Parkinson. Direkte Verantwortung für die Opfer in Vietnam lehnen die USA zwar ab. Sie fördern aber Programme für Behinderte in Vietnam, immer mit dem klaren Zusatz: «unabhängig davon, was die Ursache ist». 

Die 12jährige Tran Huynh Thuong Sinh, deren Eltern dem Entlaubungsmittel ausgesetzt waren, kam ohne Augen auf die Welt.
Die 12jährige Tran Huynh Thuong Sinh, deren Eltern dem Entlaubungsmittel ausgesetzt waren, kam ohne Augen auf die Welt.
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Die halbstaatliche vietnamesische Organisation der Agent-Orange Opfer (Vava) ist empört, das die vietnamesischen Opfer leer ausgehen. «Das US-Militär war relativ kurz hier. Aber wir müssen mit den Konsequenzen über Generationen leben», sagt Generalsekretär Nguyen The Luc. «Hunderttausende sind schon gestorben, in manchen Familien ist fast eine ganze Generation ausgelöscht.» In vielen Familien tauchten die Geburtsschäden erst in der dritten Generation auf. 

Tiefe Spuren

Wie bei Hai Yen. Sie ist zweieinhalb. Die Kleine hat ein viel zu kurzes Bein. Sie zeigt es der Therapeutin nur widerwillig und schiebt die Unterlippe vor. Weinen will sie nicht, aber dann rinnt doch eine Träne aus ihren großen Kulleraugen. «Mein Vater war im Krieg», sagt ihre Mutter. «Er ist 73 und hat Parkinson.»

Mehr als 15 Jahre nach Kriegsende begann die kanadische Umweltconsultingfirma Hatfield in den 90er Jahren Bodenproben zu nehmen. «Die mit Entlaubungsmittel besprühten Wälder und Felder waren nicht mehr mit hohen Dioxin-Konzentrationen verseucht», sagt Hatfield-Biologe Thomas Boivin. «Aber rund um die damaligen US-Luftwaffenstützpunkte sieht es anders aus.»

Wo die Chemikalien damals gelagert wurden, sind die Böden bis heute verseucht. Hatfield identifizierte mehrere «Hotspots», unter anderem Bien Hoa bei Ho-Chi-Minh-Stadt und den Flughafen von Danang. Bei den Anwohnern, die in einem Teich auf dem Flughafengelände fischten, wurden 2009 hohe Dioxin-Konzentrationen nachgewiesen, ebenso in den Fischen. 2012 begannen die USA, die verseuchten Böden zu reinigen.

Beau Saunders leitet das Projekt am Flughafen von Danang, finanziert wird es von der US-Entwicklungshilfe USAID. Die Amerikaner haben einen gigantischen «Ofen» aus Beton gebaut, eine meterhohe Anlage so groß wie ein Fußballfeld. «Wir haben die verseuchte Erde abgetragen, bislang 45 000 Kubikmeter. Die muss mindestens 21 Tage bei 325 Grad gekocht werden», sagt Saunders. «Dann ist die Erde dioxinfrei, aber sicher sehr steril und nicht als Nährboden geeignet.» 

Hotspot mit verseuchter Erde

Die erste Reinigung sollte im Frühjahr fertig sein, sagt Joakim Parker, Bürochef von USAID in Hanoi. Weitere rund 50 000 Kubikmeter verseuchter Erde sollten anschließend dort gekocht werden. Für die Aktion hat die US-Regierung 84 Millionen Dollar bereitgestellt. Der größte Hotspot mit verseuchter Erde ist nach Angaben von Parker allerdings Bien Hoa. Ein Säuberungs- und Finanzierungsplan sei noch in Arbeit. 

Der frühere Soldat Da Duc Din betet auf einem Friedhof vor den Gräbern seiner 12 Kinder. alle starben an den Folgen von Agent Orange.
Der frühere Soldat Da Duc Din betet auf einem Friedhof vor den Gräbern seiner 12 Kinder. alle starben an den Folgen von Agent Orange.
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Hotspots, Erde kochen, Dioxingehalt messen - für Nguyen Huu Hung sind das alles böhmische Dörfer. Der Mann ist 61. Er war nicht als Soldat im Krieg, hat aber nach dem Abzug der Amerikaner 18 Jahre in Dalat gearbeitet, einer Region, die schwer mit Entlaubungsmittel verseucht war. Seine Frau ist 2005 an Krebs gestorben - Dioxin-Opfer, sagt die Organisation Dava. Der Mann, der bei einem Industrieunfall in den 90er Jahren einen Arm verlor, kümmert sich allein um zwei behinderte Töchter. Das Kind seines Sohnes kam mit einem Wasserkopf zur Welt. 

"Was wird aus meinen Kindern"?

Seine Tochter Thi Han, geboren 1986, sitzt im Rollstuhl neben ihm. Ihr Kopf rollt immer wieder auf seine Schulter. «Sie versteht mich nicht, aber sie spürt meine Liebe», sagt Nguyen. Die ältere Tochter, geboren 1981, steht daneben, wiegt sich auf dünnen Beinen hin und her. Dann beugt sie sich plötzlich vor und streichelt die jüngere Schwester vehement. Die Ältere sei körperlich okay, aber geistig behindert, in ihren Reaktionen manchmal unberechenbar. «Lass mal, lass mal», murmelt der Vater und schiebt ihre Hand sanft beiseite. «Ich dachte, ich schaffe es nicht, ich wollte mir das Leben nehmen», sagt er. «Aber was wird dann aus meinen Kindern?»