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Die Reportage am Wochenende: Das Eldorado hinter dem Stacheldraht
Junge Migranten warten bei Morgengrauen vor einer Absperrung bei Coquelles auf dem Eurotunnel-Gelände.

Die Reportage am Wochenende: Das Eldorado hinter dem Stacheldraht

Foto: AFP
Junge Migranten warten bei Morgengrauen vor einer Absperrung bei Coquelles auf dem Eurotunnel-Gelände.
International 3 Min. 01.08.2015

Die Reportage am Wochenende: Das Eldorado hinter dem Stacheldraht

Frankreich und Großbritannien rüsten auf: Mehr Polizisten und mehr Zäune sollen Flüchtlinge am illegalen Weg über den Ärmelkanal hindern. Doch die schon jahrzehntealte Flüchtlingskrise in Calais dürfte das nicht lösen.

(dpa/AFP/iw) - Als es langsam dunkel wird, versuchen die jungen Männer ihr Glück - und riskieren ihr Leben. Sie überqueren Autobahnen und Gleise, schlüpfen durch Löcher im Zaun um das Eurotunnel-Terminal, verstecken sich vor der Polizei. Die Warnschilder vor der Hochspannung halten sie nicht auf, genauso wenig wie die Mahnungen der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. "Wir sind super-motiviert. Voller Hoffnung", erzählt der Flüchtling Ellias, 22, früherer Wirtschaftsstudent. "Ich habe vor nichts mehr Angst - nach all dem, was wir durchgemacht haben", sagt er dem Sender France Info. "Wenn ich hier sterbe, dann soll es so sein."

Französische Gendarmen sollen Migranten davon abhalten, den Tunnel unter dem Ärmelkanal nahe Calais zu erreichen. Sie sind jedoch deutlich in der Unterzahl.
Französische Gendarmen sollen Migranten davon abhalten, den Tunnel unter dem Ärmelkanal nahe Calais zu erreichen. Sie sind jedoch deutlich in der Unterzahl.
Foto: AFP

Tägliches Katz-und Mausspiel

Es sind Verzweiflung und die Hoffnung auf ein besseres Leben, die Flüchtlinge in Calais Tag für Tag nach einem Weg auf die andere Seite des Ärmelkanals suchen lassen. Schon seit zwei Jahrzehnten stranden Migranten auf dem Weg nach Großbritannien in der nordfranzösischen Hafenstadt; mehrere Tausend leben zurzeit unter erbärmlichen Bedingungen in einem Slum-artigen Lager. Der Staat reagiert mit Zäunen und Polizisten. Am Tunnel unter dem Ärmelkanal starben allein seit Anfang Juni zehn Migranten beim Versuch, auf Züge zu gelangen.

Ein Migrant aus Rwanda schaut von einer Überführung in Calais auf einen vorbeifahrenden Zug hinab.
Ein Migrant aus Rwanda schaut von einer Überführung in Calais auf einen vorbeifahrenden Zug hinab.
Foto: Reuters

Eurotunnel-Chef Jacques Gounon beklagte ein "systematisches, massives" Eindringen auf das Gelände. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve schickte 120 weitere Beamte - Nachschub für das tägliche Katz- und Mausspiel. Der Hafen von Calais ist schon jetzt eine Stacheldraht-Festung, nun soll auch am Eurotunnel-Terminal weiter aufgerüstet werden. "Diese Leute sind Kriegsflüchtlinge. Je mehr Konflikte es in der Welt gibt, desto mehr Druck gibt es hier", sagt Christian Salomé von der Hilfsorganisation Auberge des Migrants dem Fernsehsender BFMTV. "Man muss sich die Frage stellen, ob es wirklich nötig ist, diese Grenze zu diesem Preis zu blockieren, mit so vielen Todesfällen." 

Britische Angst vor "Menschenschwarm"

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals teilt man diese Ansicht keineswegs. Von Vietnam aus gab Premier David Cameron den harten Hund: Strengere Gesetze und mehr Abschiebungen würden den Leuten schon zeigen, dass Großbritannien kein "sicherer Hafen" sei. Mehr Aufsehen erregte er mit der Bemerkung, ein "Menschenschwarm" komme übers Mittelmeer, um sich im Vereinigten Königreich niederzulassen. Flüchtlingsorganisationen und die Opposition verurteilten die Wortwahl als "verantwortungslos" und "erbärmlich". "Er sollte sich erinnern, dass er über Menschen spricht, nicht Insekten", sagte Labour-Interimschefin Harriet Harman. Selbst Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen Ukip und nicht bekannt für Zimperlichkeit, bemerkte, der Premier wolle eben hart klingen.

Die Flüchtlingssituation löste Ende Juli heftige Reaktionen in der britischen Presse aus. Eines der auflagenstärksten Boulevardblätter rief gar dazu auf, die Armee über den Ärmelkanal zu schicken.
Die Flüchtlingssituation löste Ende Juli heftige Reaktionen in der britischen Presse aus. Eines der auflagenstärksten Boulevardblätter rief gar dazu auf, die Armee über den Ärmelkanal zu schicken.
Photo: AFP

Migration ist eines der heißesten Eisen der britischen Politik. Meist dreht sich die Debatte auf EU-Einwanderer, bevorzugt mit Brüssel als Buhmann. Die Flüchtlingskrise in Calais ist vor allem Thema, wenn sich deswegen Lastwagen und Autos der Urlauber in Südengland stauen. Dass Großbritannien den Menschen helfen und mehr von ihnen aufnehmen solle, fordern Hilfsorganisationen - und die Vereinten Nationen. Es gehe um eine relativ kleine Zahl von Menschen, um die man sich dringend kümmern müsse, sagt Peter Sutherland, Sonderbeauftragter für Migration, der BBC. "Wer denkt, dass durch das Hochziehen von Grenzen oder Zäunen ein bestimmter Staat irgendwie vor einer angeblichen Flut - die alles andere als eine Flut ist - geschützt werden kann, der wohnt in Wolkenkuckucksheim."

Der "Dschungel von Calais"

Die Hilfsorganisationen, die sich im Lager vor Calais um Flüchtlinge kümmern, warnen schon länger vor einer humanitären Katastrophe. Frankreichs Asylsystem ist in der Krise. Im Juni hatte die Regierung mehr Unterkünfte versprochen; zudem sollen die Wartefristen für Asylsuchende kürzer werden. Doch viele Migranten stellen gar keinen Asylantrag, sondern erhoffen sich Arbeit in Großbritannien. Bis dahin überleben rund 3000 von ihnen im Lager - genannt "der Dschungel von Calais". Die Zelte ersetzen die Flüchtlinge durch winzige selbstgezimmerte Holzhütten. Auch mehrere Moscheen und eine Kirche existieren auf dem Gelände. Manch einer hat einen improvisierten Verkaufsstand für Nahrungsmittel oder Zigaretten aufgeschlagen. Freiwillige Lehrer aus der Region bieten für Interessierte Basiskurse in Französisch an.

Nebst mehreren Moscheen haben Migranten im "Dschungel" bei Calais auch eigenhändig ein notdürftiges Kirchengebäude errichtet. Auch Wohnzelte werden allmählich durch Holzbaracken ersetzt.
Nebst mehreren Moscheen haben Migranten im "Dschungel" bei Calais auch eigenhändig ein notdürftiges Kirchengebäude errichtet. Auch Wohnzelte werden allmählich durch Holzbaracken ersetzt.
Foto: AFP

Derweil rüsten die Sicherheitskräfte in und um Calais weiter auf. Auch die Briten bauen Zäune, um den Bahnhof dort zu schützen. Das Material hatten sie vorrätig: Es ist dasselbe, das vergangenes Jahr den Nato-Gipfel in Wales abgeschirmt hat. "Ich bin natürlich für die Verstärkung der Sicherheitskräfte", sagte die konservative Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart. "Aber das grundlegende Problem bleibt."


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