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Die Reportage am Wochende: In den Flüchtlingslagern des Libanon: vertrieben, verloren, vergessen
Unter den rund 22 000 Menschen, die heute in Schatila leben, sind etwa 2000 Palästinenser, die in ihrem Leben schon zweimal geflohen sind.

Die Reportage am Wochende: In den Flüchtlingslagern des Libanon: vertrieben, verloren, vergessen

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Unter den rund 22 000 Menschen, die heute in Schatila leben, sind etwa 2000 Palästinenser, die in ihrem Leben schon zweimal geflohen sind.
International 2 Min. 28.03.2015

Die Reportage am Wochende: In den Flüchtlingslagern des Libanon: vertrieben, verloren, vergessen

Das Flüchtlingslager Schatila ist ein Mikrokosmos, in dem mehr als eine Katastrophe ihre Spuren hinterlassen hat. 1982 haben hier libanesische Milizionäre unter den Augen der israelischen Armee palästinensische Zivilisten massakriert. Heute leben hier auch Syrer.

(dpa) - Beirut. Wenn Scherihan Abdelhakim von ihrem alten Leben in der syrischen Provinz Daraa spricht, schießen ihr Tränen in die Augen. Entwicklungsminister Gerd Müller wird von dem emotionalen Ausbruch der jungen Syrerin, die mit ihrem Mann und zwei Töchtern in der libanesischen Hauptstadt Beirut gestrandet ist, überrascht. Er will die 27-Jährige trösten, die sich jetzt mit dem Zipfel ihres flaschengrünen Kopftuchs die Tränen aus den Augenwinkeln wischt. Doch da ist die Sprachbarriere. Und außerdem - das weiß Müller ebenso gut wie Abdelhakim - viel Tröstliches gibt es nicht zu sagen. Die Chancen für ein baldiges Ende des syrischen Bürgerkrieges stehen schlecht.

Auch der Ort, an dem der deutsche Minister für wenige Minuten auf die Bäuerin aus Syrien trifft, strahlt Hoffnungslosigkeit aus. Es ist eine Nähstube im Lager Schatila, das nach dem Nahostkrieg von 1948 ursprünglich als vorübergehende Behausung für Flüchtlinge aus Palästina eingerichtet worden war. Dass diese Palästinenser und ihre Nachkommen heute immer noch in Schatila leben, ist für Abdelhakim, die seit 2011 hier ist, ein abschreckendes Beispiel. Sie sagt: „Nirgends ist es so schön wie in der Heimat.“ 

Bange Frage

Nicht nur die syrischen Flüchtlinge selbst stellen sich die bange Frage, wie lange ihr Aufenthalt im Libanon wohl noch andauern wird. Auch die Libanesen treibt die Sorge um, dass es ihnen mit den mehr als 1,2 Millionen Flüchtlingen aus Syrien so gehen könnte wie einst mit den Palästinensern, die im Libanon gestrandet waren. Deshalb werden seit Januar kaum noch Syrer ins Land gelassen. 

Ankunft im Lager Schatila, das nach dem Nahostkrieg von 1948 ursprünglich als vorübergehende Behausung für Flüchtlinge aus Palästina eingerichtet worden war.
Ankunft im Lager Schatila, das nach dem Nahostkrieg von 1948 ursprünglich als vorübergehende Behausung für Flüchtlinge aus Palästina eingerichtet worden war.
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Und das ist auch der Grund, weshalb die libanesische Regierung die Errichtung großer Flüchtlingslager für die Syrer verhindert. Sie hat die Sorge, dass sich daraus dauerhafte Siedlungen entwickeln könnten. Da die syrischen Flüchtlinge genau wie die Palästinenser mehrheitlich sunnitische Muslime sind, besteht außerdem die Befürchtung, dass die Machtverteilung zwischen den Schiiten, Sunniten, Drusen und Christen aus der Balance geraten könnte.

Unter den rund 22 000 Menschen, die heute in Schatila leben, sind etwa 2000 Palästinenser, die in ihrem Leben schon zweimal geflohen sind. Als Israel gegründet wurde, suchten sie Zuflucht in Syrien. Nach Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges zogen sie weiter in den Libanon. 

„Als die Flüchtlinge aus Syrien kamen ..."

„Als die Flüchtlinge aus Syrien kamen, war das eine traumatische Situation - die Menschen hier in Schatila nahmen Flüchtlinge auf, obwohl sie selbst im Libanon nur Flüchtlinge sind, die keine Häuser besitzen und in vielen Jobs nicht arbeiten dürfen“, berichtet Zizette Darkazally vom UN-Hilfswerk für die palästinensischen Flüchtlinge (UNRWA). 

Auch assyrische Christen gehören zu den syrischen Flüchtlingen in Libanon.
Auch assyrische Christen gehören zu den syrischen Flüchtlingen in Libanon.
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Auch um die Spannungen, die aus dem Kampf um Wohnraum, Jobs, Bildung und Nahrung entstanden sind, etwas abzumildern, engagiert sich die Bundesregierung im Libanon. Deutschland gehört mit den USA zu den wichtigsten Finanzierern der Hilfe für die syrischen Flüchtlinge.

„Ich habe das Recht zu spielen“, steht auf dem selbstgemalten Bild eines palästinensischen Kindes, das die von UNRWA in Schatila betriebene Ramallah-Schule besucht. Die Zeichnung zeigt drei fröhlich tanzende Kinder. Doch in Schatila tanzen die Kinder nicht, und es gibt auch keinen Platz für Träume. In einem düsteren Internet-Café im Lager, in dem zur Dämmerstunde eine Gruppe von Kindern im Vorschulalter vor billigen Computern hockt, werden nur Ballerspiele angeboten. „Ich hab keine Angst, ich bin noch nicht tot“, ruft einer der Knirpse. Fröhlichkeit klingt anders.


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