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Die Mörder kamen am helllichten Tag
International 3 Min. 10.06.2019

Die Mörder kamen am helllichten Tag

Die Mörder kamen am helllichten Tag

Foto: © Mirrorpix via Getty Images
International 3 Min. 10.06.2019

Die Mörder kamen am helllichten Tag

Oradour-sur-Glane: Der Name des französischen Dorfes führt in tragischer Weise vor Augen, dass mit dem D-Day das Kriegstreiben mit seinen monströsen Ausuferungen noch längst nicht beendet war.

 (KNA) - Am 10. Juni 1944 schien die Sonne über dem französischen Oradour-sur-Glane. "Punkt 14.00 Uhr rollten Schützenpanzerwagen und Laster an", erinnert sich Jean-Marcel Darthout an das, was dann geschehen sollte. Schätzungsweise 150 Männer der SS-Division "Das Reich" hatten kurz zuvor den Ort nahe Limoges umstellt und begannen nun damit, die ahnungslosen Einwohner auf dem Marktplatz zusammenzutreiben. Wenige Stunden später waren 642 Zivilisten tot - erschossen oder verbrannt.


Die Vergessenen des D-Day
Nach der Landung der Alliierten standen die Menschen in der Normandie an der vordersten Front des Kriegsgeschehens. Doch die zivilen Opfer wurden in Frankreich lange verschwiegen.

Die meisten Männer von Oradour starben unter Gewehrsalven in Scheunen und Garagen, nur eine Handvoll konnte entkommen; mehr als 400 Frauen und Kinder pferchten die Täter in der Kirche ein, lösten dort eine Explosion aus, schossen durch Fenster und Türen in die Menge, warfen Handgranaten hinein und legten schließlich ein Feuer im Innenraum. Marguerite Rouffanche überlebte als einzige. Die meisten SS-Soldaten zogen am Abend ab - nachdem sie das komplette Dorf in Schutt und Asche gelegt hatten.

Tristes Mahnmal: 642 Zivilisten wurden in Oradour-sur-Glane von den Nazis hingerichtet.
Tristes Mahnmal: 642 Zivilisten wurden in Oradour-sur-Glane von den Nazis hingerichtet.
Foto: © Mirrorpix via Getty Images

Aussöhnung und Aufarbeitung fallen schwer

Als schlimmstes Massaker der Deutschen in Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs ist die Mordaktion von Oradour-sur-Glane in die Annalen eingegangen. Auch 75 Jahre danach schmerzt die Erinnerung, wie der Hinterbliebenenverband ANFM auf seiner Homepage festhält. Jahr für Jahr besuchen rund 300.000 Personen die Ruinen und das 1999 eröffnete Gedenkzentrum. Mit Joachim Gauck kam 2013 erstmals ein deutscher Bundespräsident an den Ort des Geschehens. Ein Indiz dafür, wie schwer man sich lange mit Gedenken, Aussöhnung und Aufarbeitung tat.

4. September 2013: In der Ruine der abgebrannten Kirche von Oradour stützen Frankreichs Präsident Francois Hollande und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck Robert Hebras, der das Massaker vom 10. Juni 1944 überlebte.
4. September 2013: In der Ruine der abgebrannten Kirche von Oradour stützen Frankreichs Präsident Francois Hollande und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck Robert Hebras, der das Massaker vom 10. Juni 1944 überlebte.
Foto: AP

Sehr bald schon wurde das Massaker bekannt, obwohl, wie einer der Täter später aussagte, darüber Stillschweigen bewahrt werden sollte. 1953 begann vor einem Militärgericht in Bordeaux ein Prozess gegen 65 SS-Männer, 21 saßen tatsächlich auf der Anklagebank, darunter 14 Elsässer, von denen 13 in die SS zwangsrekrutiert worden waren. Als die Betreffenden abgeurteilt worden waren, brach im Elsass ein Sturm der Entrüstung los; die französische Regierung knickte ein, erließ eine Amnestie für jene Franzosen, die gegen ihren Willen in der SS gelandet waren.

In Oradour verstanden die Menschen die Welt nicht mehr. "Der Ort brach mit dem französischen Staat und verbot seinen Repräsentanten jegliche Beteiligung an lokalen Gedenkzeremonien", schreibt die Historikerin Andrea Erkenbrecher, die sich seit Jahren mit dem Massaker und seinen Folgen auseinandersetzt. "Oradour zog sich auf sich und seine Trauer zurück."

Nur ein Täter wird verurteilt

Und Deutschland? In der Bundesrepublik verhinderten politisches Kalkül, juristische Hemmnisse und träge Behörden eine strafrechtliche Verfolgung. Adolf Diekmann, der das für die Tat verantwortliche 1. Bataillon der SS-Division befehligte, fiel am 29. Juni 1944 bei den Kämpfen mit den Alliierten in der Normandie. Divisionskommandeur Heinz Lammerding, der nach 1945 erfolgreich eine Karriere als Bauunternehmer startete, starb unbehelligt von der deutschen Justiz 1971.

Apokalyptisches Ausmaß: Eine Luftaufnahme offenbart die Zerstörungswut, von der Oradour-sur-Glane am 10. Juni 1944 heimgesucht wurde.
Apokalyptisches Ausmaß: Eine Luftaufnahme offenbart die Zerstörungswut, von der Oradour-sur-Glane am 10. Juni 1944 heimgesucht wurde.
Foto: LW-Archiv

Im gleichen Jahr sammelten sich die "Alten Kameraden" Lammerdings, um den "guten Namen unserer Division" zu verteidigen, die im Krieg "ohne Makel" geblieben sei. Auf deutschem Boden reichte es in all dieser Zeit für ein einziges Urteil: gegen Heinz Barth in der DDR. Der gab während der Verhandlungen 1983 zu Protokoll, wie die SS sich im Nachhinein reinwaschen wollte. Falls überhaupt darüber geredet werden sollte, galt laut Barth die Sprachregelung, wonach es "in diesem Ort einen Widerstand gab". Nichts davon stimmte.

  Ich glaube, wir sind es den Opfern schuldig, dass wir die Vergangenheit aufarbeiten. 

Seit einigen Jahren laufen wieder Ermittlungen, zuständig ist die in Dortmund ansässige nordrhein-westfälischen Zentralstelle für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen. "Ich glaube, wir sind es den Opfern schuldig, dass wir die Vergangenheit aufarbeiten", sagt Oberstaatsanwalt Andreas Brendel. "Wenn jeder wüsste, was ich aus den Akten weiß, dann würde es noch deutlich weniger Menschen geben, die das "Dritte Reich" und seine Protagonisten verherrlichen."


Die Luxemburger bei der Landung in der Normandie
3.000 Landungsboote, 2.500 Schiffe, 500 Marineschiffe und sieben Luxemburger. Jean-Bernard Ney, Charles-André Schommer, Félix Peters, Jean und Antoine Neven, Jean Reiffers und Pierre Laux landen am D-Day in der Normandie.

Nach dem 10. Juni 1944 musste das Leben irgendwie weitergehen, sagt der letzte heute noch lebende direkte Augenzeuge des Massakers, Robert Hebras. Die Erinnerung an die "schlimmen Momente" jenes Frühlingstages freilich hat er nie vergessen.    


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