Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Die legendäre Provinz Pandschir fällt
International 5 Min. 06.09.2021
Afghanistan-Krise

Die legendäre Provinz Pandschir fällt

Mittlerweile haben die Taliban-Kämpfer nach eigenen Angaben das letzte Widerstandsnest unter Kontrolle gebracht.
Afghanistan-Krise

Die legendäre Provinz Pandschir fällt

Mittlerweile haben die Taliban-Kämpfer nach eigenen Angaben das letzte Widerstandsnest unter Kontrolle gebracht.
Foto: AFP
International 5 Min. 06.09.2021
Afghanistan-Krise

Die legendäre Provinz Pandschir fällt

Die Taliban haben nach eigenen Angaben die Kontrolle über die letzte abtrünnige Provinz Pandschir übernommen. Doch der Widerstand ist aktiv.

(dpa) - Mit der Provinz Pandschir haben die militant-islamistischen Taliban die letzte Bastion ihrer Gegner in Afghanistan erobert. Pandschir stehe unter vollständiger Kontrolle der Islamisten, erklärte der Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid am Montag in Kabul. Videos und Bilder in sozialen Medien zeigten Taliban-Kämpfer etwa im Gouverneurssitz der Provinzhauptstadt Basarak. Auch ein Bewohner des Tals bestätigte der Deutschen Presse-Agentur, dass Taliban-Kämpfer Kontrollposten in seinem Ort aufgestellt haben.

Er selbst könne es schwer glauben, „aber sie stehen nun an der Weggabelung zu unserem Dorf“, sagte der Bewohner in einer Sprachnachricht. Taliban-Kämpfer hätten auch begonnen, die Häuser der Dorfbewohner auf Waffen zu durchsuchen. Die Dörfer selbst seien aber verlassen, denn die Menschen seien bis auf die Ältesten in die Berge geflohen. Seit mehreren Tagen bereits kehrten sie höchstens in der Nacht in ihre Häuser zurück, um Essen zu holen. Ein anderer Bewohner Pandschirs, der vor kurzem aus dem Land geflohen war, sagte: „Das ist das Ende. Ich muss jetzt eine neue Heimat finden.“


TOPSHOT - Taliban fighters atop vehicles with Taliban flags parade along a road to celebrate after the US pulled all its troops out of Afghanistan, in Kandahar on September 1, 2021 following the Taliban�s military takeover of the country. (Photo by JAVED TANVEER / AFP)
Warum ein Bürgerkrieg in Afghanistan wahrscheinlich ist
Die USA befürchtet, dass sich Al-Kaida formiert, die Extremisten des IS ihren Einfluss ausbauen und Milizen für die Befreiung kämpfen.

Der Fall Pandschirs wiegt für alle Taliban-Gegner schwer. Der Widerstand in der rund 170.000 Einwohner zählenden Provinz war das prominenteste Beispiel für Auflehnung gegen die Islamisten. Jahrelang saß in den Köpfen der Afghanen zudem die Überzeugung, die Taliban könnten vieles, aber nicht das Tal mit seinem steilen und schroffen Gebirge einnehmen.

Das ist das Ende. Ich muss jetzt eine neue Heimat finden.  

Ein Bewohner Pandschirs

Auch während ihrer ersten Herrschaft zwischen 1996 und 2001 hatten sich die Islamisten an Pandschir die Zähne ausgebissen, davor die Rote Armee. Sie konnten die Provinz nicht erobern. Das lag am erbitterten Widerstand, aber auch an der geografischen Gegebenheiten: Der Eingang zum Tal ist schmal und leicht zu verteidigen. 

Gespräche zusammengebrochen

Dieses Mal hätte es eigentlich gar nicht zu Kämpfen kommen sollen. Die Machtfrage in Pandschir, die einzige der 34 Provinzen des Landes, die die Taliban nicht im Zuge ihrer militärischen Großoffensive eingenommen hatten, sollte durch Verhandlungen gelöst werden. Die Gespräche brachen aber zusammen, Dienstag griffen die Islamisten am Taleingang an und rückten mit jedem Tag weiter vor.

Moment des Triumphs: Taliban-Kämpfer posieren neben der zerstörten früheren Basis des US-Geheimdienstes CIA im Distrikt Deh Sabz nordöstlich von Kabul.
Moment des Triumphs: Taliban-Kämpfer posieren neben der zerstörten früheren Basis des US-Geheimdienstes CIA im Distrikt Deh Sabz nordöstlich von Kabul.
Foto: AFP

Taliban-Sprecher Mudschahid rechtfertigte die gewaltsame Einnahme damit, dass zwei Personen die Gespräche verweigert hätten - damit meinte er offenbar den bisherigen Vizepräsidenten Amrullah Saleh und Achmad Massud, den Anführer der Nationalen Widerstandsfront (NRF) und Sohn des legendären Nordallianz-Führers, Achmad Schah Massud. Man sei daraufhin gezwungen gewesen, Streitkräfte zu entsenden und eine Operation zu starten.

Die Gefechte forderten mehrere prominente Opfer, darunter den Sprecher der NRF und bekannten Journalisten Fahim Daschti. Daschti hatte bereits an der Seite von Achmad Schah Massud in den 1990-er Jahren gegen die Taliban gekämpft. Er war bei dem Selbstmordanschlag zwei Tage vor dem 11. September 2001, bei dem Massud getötet wurde, verletzt worden.

In den vergangenen Nächten hatten dem Widerstand nahestehende Twitter-Nutzer, aber auch Amrullah Saleh, bereits berichtet, dass es schwierige Gefechte seien. Ein Nutzer, der sich als ehemaliger Soldat der Nationalarmee bezeichnet, schrieb auf Twitter, man habe eine Entscheidung treffen müssen: Basarak zu halten und die vollständige Eliminierung der Führung des Widerstands zu riskieren, oder sich auf höheres Terrain zurückzuziehen, um später, wenn Nachschubrouten gesichert seien, den Widerstand fortzusetzen. Auch ein bisheriger Parlamentarier aus der Provinz erklärte, es habe sich um einen taktischen Rückzug gehandelt. Medien berichteten, „Tausende“ Taliban seien in die Kämpfe involviert gewesen.

Nach den harten Kämpfen gab sich Mudschahid in seiner Pressekonferenz dafür streichelweich. Pandschir sei ein „Teil unseres Körpers“ und die Pandschiris „unsere Brüder“. Für Pandschir würden Behördenvertreter aus Pandschir ernannt und auch Sicherheitskräfte dort Dienst tun, die für alle akzeptabel seien.


An armed Taliban fighter (L) stands next to Mullah, a religious leader, speaking during Friday prayers at the Pul-e Khishti Mosque in Kabul on September 3, 2021. (Photo by HOSHANG HASHIMI / AFP)
Die Taliban sind nun unser Partner wider Willen
Afghanistan ist an die Taliban verloren. Doch der Westen muss dort aktiv bleiben - und sich weiter für seine früheren Ortskräfte einsetzen.

Mit diesen jüngsten Siegen sei Afghanistan vollständig aus dem „Strudel des Krieges“ herausgekommen und die Menschen führten künftig ein friedliches Leben, sagte Mudschahid weiter. Er schickte aber gleichzeitig eine Warnung mit: Jeder, der gegen die neue Regierung Afghanistans zu den Waffen greife, sei ein Feind des ganzen Landes.

Für den Afghanistan-Experten Thomas Ruttig vervollständigt die Einnahme von Pandschir die formale Kontrolle der Taliban über das Land, selbst wenn es weiter Guerillatätigkeit geben sollte. Diese könnte den Taliban aber auch als Vorwand für eine Verschärfung von Repressionen und polizeistaatlichen Tendenzen dienen.

Bereits während der ersten Taliban-Herrschaft bis 2001 habe es wiederholt auch Anschläge in Kabul gegeben, erinnert Ruttig. Diese wurden der damaligen Widerstandsbewegung zugeschrieben „und mit öffentlichen Hinrichtungen der angeblichen Täter beantwortet“. Allerdings kontrollierten die damaligen Anti-Taliban-Kräfte andere Gebiete im Land und konnten auf die Unterstützung regionaler Mächte wie Russland, Indien, Iran sowie westlicher Geheimdienste zählen.

Proteste aus dem Iran

Der Iran verurteilte hat die gewaltsame Eroberung Pandschirs aufs Schärfste. Die Angriffe und die Ermordung von afghanischen Widerstandsführern sei absolut inakzeptabel, sagte der Außenamtssprecher Said Chatibsadeh am Montag. Ohne Pakistan beim Namen zu nennen, verurteilte der Sprecher auch „jegliche ausländische Einmischung“ bei den Angriffen. Es gab zuletzt immer wieder Vorwürfe, Pakistan würde die Taliban unterstützen, was Islamabad dementiert. Der Besuch des Chefs des pakistanischen Geheimdienstes ISI, Faiz Hameed, in Kabul seit Sonntag befeuerten derartige Vorwürfe weiter.

Es ist weitgehend offen, wie es mit dem bewaffneten Widerstand in Pandschir weiter gehen könnte. Die Nächte in den Bergen sind jetzt bereits bitterkalt, und in spätestens einem Monat wird es schneien. Weiter ist unklar, ob wie früher irgendein Land den Widerstand von außen unterstützen würde.


This picture taken on August 23, 2021, shows a drought ground in Bastelicaccia on the French Mediterranean island of Corsica. - Northtern Corsica has been under drought alert for 3 days. The use of water is restricted in some areas. (Photo by Pascal POCHARD-CASABIANCA / AFP)
Ein Drittel der Bevölkerung auf Hilfslieferungen angewiesen
Afghanistan wird von der zweiten Dürre in vier Jahren heimgesucht. Doch die Hilfsorganisationen sind in Kontakt mit den neuen Machthabern.

Vom Widerstands-Anführer Massud, sonst gar nicht medienscheu, war am Sonntag nichts zu sehen. Er konnte lediglich, ganz wie früher Taliban-Führer, von einem unbekannten Ort in einer Audiobotschaft zu einem nationalen Aufstand aufrufen - nur eben gegen die Taliban. „Um der Ehre, Freiheit und dem Stolz unserer Heimat willen“, sagte er.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Nach Afghanistan-Niederlage
Kramp-Karrenbauer fordert, europäisch stärker zu werden, um auf Augenhöhe mit den USA agieren zu können.
German Defence Minister Annegret Kramp-Karrenbauer waits for Austria's Chancellor expected for talks on August 31, 2021 at the Defence Ministry in Berlin. (Photo by John MACDOUGALL / AFP)