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Die Lage in Haiti ist angespannt
International 4 3 Min. 08.07.2021
Festnahmen nach Präsidentenmord

Die Lage in Haiti ist angespannt

Zwei Verdächtige werden zur Polizeistation in Pétionville gebracht.
Festnahmen nach Präsidentenmord

Die Lage in Haiti ist angespannt

Zwei Verdächtige werden zur Polizeistation in Pétionville gebracht.
Foto: AFP
International 4 3 Min. 08.07.2021
Festnahmen nach Präsidentenmord

Die Lage in Haiti ist angespannt

Haiti steckt seit langem in einer tiefen Krise aus Armut, Gewalt und Korruption - und nun wird auch noch der Präsident ermordet. Die Polizei hat mehrere mutmaßliche Täter gefasst. Allerdings gibt es mehr Fragen als Antworten.

(dpa) - Trotz erster Festnahmen ist die Lage in Haiti nach der Ermordung des Präsidenten Jovenel Moïse weiter angespannt. Die Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince waren am Donnerstag ungewöhnlich leer. Wer hinter dem Attentat steckt, blieb weiter unklar. Der Karibikstaat steckt seit vielen Jahren in einer schweren Krise. Durch den Mord am Präsidenten hat sich die Lage nun noch verschlimmert.


(FILES) In this file photo taken on October 22, 2019 President Jovenel Moise sits at the Presidential Palace during an interview with AFP in Port-au-Prince, October 22, 2019. - Haitian President Jovenel Moise was assassinated on July 7, 2021, at his home by a commando, interim Prime Minister Claude Joseph announced. Joseph said he was now in charge of the country. (Photo by Valerie Baeriswyl / AFP)
Präsident von Haiti in seiner Privatresidenz ermordet
Jovenel Moïse wurde in der Nacht zum Mittwoch von Unbekannten in seiner Residenz getötet.

Nach Angaben der Polizei wurden vier mutmaßliche Täter getötet und zwei festgenommen. Die Verdächtigen seien nach dem Attentat am Rand der Hauptstadt abgefangen worden, sagte Polizeichef Léon Charles am Mittwochabend (Ortszeit) im Fernsehen. Einzelheiten zu deren Identität nannte er nicht. Haitis Botschafter in den USA, Bocchit Edmond, bezeichnete die Attentäter als gut ausgebildete und schwer bewaffnete ausländische Söldner. Sie hätten sich als Agenten der US-Drogenbehörde DEA ausgegeben.

Zwischenzeitlich berichtet die Washington Post unter Berufung auf die Regierung Haitis, einer der Festgenommenen sei US-Bürger mit haitianischen Wurzeln. Vom zweiten werde das zumindest angenommen. Die Polizei müsse die Verdächtigen vor einem wütenden Mob beschützen. 

Moïse (53) war in der Nacht zum Mittwoch gegen 1.00 Uhr (Ortszeit) in seiner Residenz erschossen worden. Seine Ehefrau Martine wurde dabei schwer verletzt. Sie wurde zur Behandlung nach Miami in den USA gebracht, gut 1.000 Kilometer entfernt. Die Zeitung „Le Nouvelliste“ berichtete, Moïses Leichnam habe zwölf Einschusslöcher, zum Teil von großkalibrigen Waffen. Sein Büro und sein Schlafzimmer seien durchwühlt worden. Seine Tochter habe sich im Zimmer ihres Bruders versteckt. Zwei Angestellte seien gefesselt worden.

Machtvakuum

Das Attentat hinterlässt ein Machtvakuum. Da eine für Oktober 2019 vorgesehene Parlamentswahl unter anderem wegen heftiger Proteste gegen Moïse ausgefallen war, gibt es dort seit Januar 2020 kein handlungsfähiges Parlament mehr. Moïse regierte seither per Dekret.


Direction Centrale de la Police Judiciaire(DCPJ) police patrol the area with forensics as they look for evidence outside of the  presidential residence on July 7, 2021 in Port-au-Prince, Haiti. - Haiti President Jovenel Moise was assassinated and his wife wounded early July 7, 2021 in an attack at their home, the interim prime minister announced, an act that risks further destabilizing the Caribbean nation beset by gang violence and political volatility. Claude Joseph said he was now in charge of the country and urged the public to remain calm, while insisting the police and army would ensure the population's safety.The capital Port-au-prince as quiet on Wednesday morning with no extra security forces on patrol, witnesses reported. (Photo by VALERIE BAERISWYL / AFP)
Tote und Festnahmen nach Mord an Präsidenten
Nach der Ermordung des haitianischen Präsidenten Jovenel Moïse sind vier Tatverdächtige getötet worden.

Kurz vor seiner Ermordung hatte Moïse am Montag den Neurochirurgen Ariel Henry zum Interims-Premierminister ernannt. Den Titel hatte seit April Außenminister Claude Joseph inne, der allerdings mangels eines Parlaments nie verfassungsmäßig im Amt bestätigt wurde. Weil Henry bisher nicht vereidigt wurde, nahm Joseph das Heft in die Hand: Er berief eine Sitzung des Ministerrats ein, trat vor die Kameras und unterschrieb Erlasse für 15 Tage Belagerungszustand und Staatstrauer.

In einem Interview mit „Le Nouvelliste“ gab sich Henry zurückhaltend. „Ich möchte nicht noch Öl ins Feuer gießen“, betonte er. Über Joseph sagte er aber auch: „Meiner Meinung nach ist er nicht mehr Premierminister.“ Henry bezeichnete den Belagerungszustand als unnötig. Dieser erlaubt es der Regierung unter anderem, das Militär für Polizeiaufgaben einzusetzen und Rechte der Bürger einzuschränken.

Unbeliebter Präsident

Moïse, der seit 2017 regierte, war äußerst unbeliebt. Ihm wurden Korruption, Verbindungen zu brutalen Banden und autokratische Tendenzen vorgeworfen. Proteste legten Haiti in den vergangenen drei Jahren immer wieder lahm. Zuletzt trieben blutige Kämpfe zwischen Banden um die Kontrolle über Teile der Hauptstadt Tausende Menschen in die Flucht. Am 26. September sind Präsidenten- und Parlamentswahlen sowie ein Verfassungsreferendum geplant. Joseph hat erklärt, an dem Datum festhalten zu wollen.

Der UN-Sicherheitsrat will sich am Donnerstag in einem Treffen hinter verschlossenen Türen mit der Lage in Haiti beschäftigen. Es gibt Forderungen, eine internationale Friedenstruppe nach Haiti zu schicken, die für Sicherheit sorgen soll. Manche haitianische Twitter-Nutzer reagierten empört. „Ausländische Interventionen, besonders militärische, sollten niemals eine Option sein“, schrieb etwa der Filmemacher Etant Dupain.

Bereits 2004 - nach einem Putsch gegen Haitis ersten demokratisch gewählten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide - war die UN-Stabilisierungsmission Minustah in das Karibikland geschickt worden. Die Sicherheitslage verbesserte sich zwar, die Blauhelme unter brasilianischer Führung machten sich bis zu ihrem Abzug 2017 allerdings äußerst unbeliebt: Sie schleppten Cholera in das Land ein und sollen auch zahlreiche Sexualverbrechen begangen haben.


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