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Die Hoffnung im Südsudan lebt weiter
International 3 Min. 09.07.2021 Aus unserem online-Archiv
Zehn Jahre Unabhängigkeit

Die Hoffnung im Südsudan lebt weiter

9. Juli 2011: Eine große Menschenmenge schwenkt die Flagge der neuen Republik Südsudan bei der Enthüllung einer Statue des mittlerweile verstorbenen Rebellenführers und ersten Vizepräsidenten John Garang während einer Unabhängigkeitsfeier in der Hauptstadt Juba.
Zehn Jahre Unabhängigkeit

Die Hoffnung im Südsudan lebt weiter

9. Juli 2011: Eine große Menschenmenge schwenkt die Flagge der neuen Republik Südsudan bei der Enthüllung einer Statue des mittlerweile verstorbenen Rebellenführers und ersten Vizepräsidenten John Garang während einer Unabhängigkeitsfeier in der Hauptstadt Juba.
Foto. AFP
International 3 Min. 09.07.2021 Aus unserem online-Archiv
Zehn Jahre Unabhängigkeit

Die Hoffnung im Südsudan lebt weiter

Am 9. Juli feiert der Südsudan zehn Jahre Unabhängigkeit. Doch die meisten Einwohner sind noch immer traumatisiert vom jahrelangen Bürgerkrieg.

Von Markus Schönherr (Kapstadt)

Freiheitslieder und Trommeln über der Hauptstadt Juba: Vor zehn Jahren schwenkten die Südsudanesen erstmals die Flagge ihrer frisch unabhängig gewordenen Heimat. Voller Hoffnung feierten sie das Ende der kulturellen und politischen Unterdrückung durch den Norden. Bald jedoch wurde ihre Euphorie jäh unterbrochen von dem Knattern der Maschinenpistolen. Mehr als 400.000 Südsudanesen verloren bei dem Bürgerkrieg ab 2013 ihr Leben. Mehr als zwei Millionen leben als Flüchtlinge im Ausland. Weshalb am 9. Juli trotzdem gefeiert wird.

„Natürlich gibt es etwas zu feiern“, sagt Augustino Deng Alier, Direktor der Organisation South Sudan Peace and Development in Juba. Er kennt die „zahlreichen Probleme“, die sein Land plagen, darunter Konflikte, wirtschaftliche Herausforderungen und eingeschränkte Meinungsfreiheit. „Aber wir müssen schließlich auch unsere kulturelle Vielfalt und unsere Nation feiern. Darum geht es mir.“

Salva Kiir Mayardit ist seit der Unabhängigkeit Präsident des Südsudan.
Salva Kiir Mayardit ist seit der Unabhängigkeit Präsident des Südsudan.
Foto: AFP

2013 war im Südsudan ein Bürgerkrieg zwischen Präsident Salva Kiir Mayardit und dessen Vize Riek Machar ausgebrochen. „Damit erlosch für viele Südsudanesen die Hoffnung auf Frieden, Entwicklung und Wohlstand“, erinnert sich der Konfliktforscher Hassan Kannenje, Direktor der Denkfabrik Horn Institute in Kenia. Zerstört wurden die Träume vor allem durch die „räuberische Natur“ von Südsudans Eliten. Beiden Bürgerkriegsgegnern werden während des jahrelangen Blutvergießens Menschenrechtsverletzungen nachgesagt. Nachbarländer, Kirchen und Aktivisten vermittelten. Jedoch scheiterten die Friedensbemühungen wiederholt an dem Misstrauen, das Kiir und Machar füreinander hegen. Erst 2020 gelang es den beiden Rivalen auf wachsenden internationalen Druck hin, doch noch eine gemeinsame Regierung zu bilden. Der Bürgerkrieg gilt seither als beendet.

Konflikt hat sich verlagert

Die Organisation von Friedensaktivist Deng arbeitet überwiegend mit Jugendlichen. „Wir wollen sie stärken, indem wir ihnen ein Forum zur Verfügung stellen, wo sie über Alltagsprobleme und ein friedliches Zusammenleben diskutieren.“ Außerdem gebe es ein Mentorenprogramm. Diese Bemühungen braucht die jüngste Nation der Welt dringender als je zuvor - denn die Waffen sind immer noch nicht verstummt.


Members of the Palestinian Islamic Jihad militant group take part in a military parade during a condolences ceremony for the movement's former leader Ramadan Shalah in Gaza city, on June 8, 2020, two days after his death in neighbouring Lebanon. - The 62-year-old was buried in Syria on June 7, a day following his death after a long illness. (Photo by Mohammed ABED / AFP)
Wirtschaftliche Folgen der Pandemie bedrohen Frieden
Jedes Jahr begutachtet das Institute for Economics and Peace, wie es um den Frieden in der Welt steht. Die Coronavirus-Pandemie verheißt nichts Gutes.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs verlagerte sich der Konflikt auf verfeindete Kommunen: Viehdiebstahl und Zusammenstöße zwischen verschiedenen Ethnien kosten immer noch Tausende Leben. Der UN-Sondergesandte für den Südsudan, Nicholas Haysom, warnte vor dem Weltsicherheitsrat kürzlich vor „grassierender Unsicherheit“. Auch die Entwicklung des Südsudans hat die Gewalt ausgebremst: Laut UNO hätten bloß 28 Prozent der Südsudanesen Zugang zu Strom, weniger als die Hälfte der Bevölkerung verfüge über ein Telefon. Was das Leben ebenfalls erschwere, sei die Tatsache, dass etwa 60 Prozent der Straßen während der Regensaison unbefahrbar würden.

Der Südsudan hat enorme Ressourcen, aber die Menschen sind blind, diese zu sehen, da sie entweder wütend oder auf der Flucht sind.

Emmanuel Taban

Emmanuel Taban floh 1994 als Jugendlicher aus dem Südsudan. Heute arbeitet der Familienvater als Lungenfacharzt in Johannesburg und rettet Covid-Patienten das Leben. Das Problem vermutet er in der „Denkweise“ vieler Südsudanesen: „Der Südsudan hat enorme Ressourcen, aber die Menschen sind blind, diese zu sehen, da sie entweder wütend oder auf der Flucht sind.“ Jeder fühle sich „unfair behandelt“. Dies in Verbindung mit einfachem Zugang zu Waffen habe seine Heimat zerstört. Nichtsdestotrotz will er irgendwann zurückkehren. Denn die Hoffnung lebe weiter.


TOPSHOT - An injured Tigray Defence Forces (TDF) soldier who was shot his cheek lays in bed after surgery at the Ayder Referral Hospital in Mekele, the capital of Tigray region, Ethiopia, on July 2, 2021. (Photo by Yasuyoshi Chiba / AFP)
"Alle sollen wissen, was hier passiert"
Im Haydar-Hospital liegen die Opfer des Konflikts um die äthiopische Provinz Tigray. LW-Korrespondent Johannes Dieterich hat sie besucht.

2022 soll im Südsudan zum ersten Mal gewählt werden. Der Urnengang stellt die Nation jetzt schon auf die Probe - und mit ihr die fragile Waffenruhe zwischen den Bürgerkriegsgegnern. Viele Beobachter bezweifeln, dass aktuell faire Wahlen stattfinden könnten. Es fehle an einem Wählerregister, mehr als 1,6 Millionen Südsudanesen seien als Binnenflüchtlinge vertrieben. Eine Wahlverschiebung ist im derzeitigen Klima der Angst wahrscheinlich. Dennoch ist der südsudanesische Menschenrechtsanwalt Biel Boutros Biel überzeugt, dass der Südsudan seine Probleme in den Griff bekommt: „Nach der Unabhängigkeit erlebten wir schlechte Regierungsführung. Die kann korrigiert werden.“

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TOPSHOT - An injured Tigray Defence Forces (TDF) soldier who was shot his cheek lays in bed after surgery at the Ayder Referral Hospital in Mekele, the capital of Tigray region, Ethiopia, on July 2, 2021. (Photo by Yasuyoshi Chiba / AFP)
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REFILE - REMOVING RESTRICTIONSSouth Sudanese policemen and soldiers stand guard along a street following renewed fighting in South Sudan's capital Juba, July 10, 2016. REUTERS/Stringer
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