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Die große Eisschmelze
International 4 Min. 31.10.2021
Klima- und Geopolitik in den USA

Die große Eisschmelze

Das schmelzende Eis sorgt für Begehrlickeiten in der Arktis. Jedes Land will Zugang zu den frei werdenden Schifffahrtsrouten und den im Meer schlummernden Bodenschätzen.
Klima- und Geopolitik in den USA

Die große Eisschmelze

Das schmelzende Eis sorgt für Begehrlickeiten in der Arktis. Jedes Land will Zugang zu den frei werdenden Schifffahrtsrouten und den im Meer schlummernden Bodenschätzen.
Foto: Getty Images
International 4 Min. 31.10.2021
Klima- und Geopolitik in den USA

Die große Eisschmelze

Wie der Klimawandel und die Eisschmelze zum nationalen Sicherheitsinteresse der USA werden.

Von Thomas Spang (Washington)

Wenn sich in der „Tschuktschensee“ vor Alaska die Herbststürme ankündigen, hoffen die Ureinwohner von Shishmaref auf das Beste. Viel mehr bleibt den Inupiat nicht übrig, weil die US-Regierung hartnäckig deren Wunsch ignoriert, ihre Häuser auf das Festland umzusiedeln. Die 600 Inselbewohner hatten 2001 und 2016 mehrheitlich dafür gestimmt, seit der Klimawandel ein Leben auf der vorgelagerten Insel nördlich der Beringstraße zu einem nicht kalkulierbaren Risiko macht. 

Weil das arktische Meer immer später im Jahr zufriert, wird die Insel im Herbst nicht mehr durch die Eisschicht geschützt. Die Stürme peitschen dann meterhohe Wellen an Land, die Shishmaref Stück für Stück im Meer verschwinden lassen. Vergangenen November spülte das Wasser die Verbindungsstraße weg, die das Dorf mit einer Lagune verbunden hatte, auf der die Inupiat ihren Müll entsorgen. 

Keinen Präzedenzfall schaffen 

„Geld fließt erst, wenn es zu einer Katastrophe kommt“, sagt Sally Russell Cox, die im Auftrag des Staates Alaska Shishmaref hilft, Pläne für die Umsiedlung zu entwickeln. Vorangekommen ist auf Shishmaref in der Praxis nicht viel. Wie auch nicht in den benachbarten Gemeinden von Shaktoolik, Newtok, Kivalina sowie den übrigen 27 Orten an der Nordwestküste Alaskas, deren Existenz laut eines Berichts des Rechnungshofs des US-Kongresses durch den Klimawandel bedroht ist. 

Die 600 Inselbewohner von Shishmaref im US-Bundesstaat hatten 2001 und 2016 mehrheitlich dafür gestimmt, dass ihre Häuser auf das Festland umgesiedelt werden.
Die 600 Inselbewohner von Shishmaref im US-Bundesstaat hatten 2001 und 2016 mehrheitlich dafür gestimmt, dass ihre Häuser auf das Festland umgesiedelt werden.
Foto: Thomas Spang

Bei den Betroffenen besteht der Verdacht, dass kein Präzedenzfall für rund 3,7 Millionen Menschen geschaffen werden soll, die in Regionen der USA leben, die von den steigenden Meeresspiegeln gefährdet sind. Allesamt Opfer der Erderwärmung, die nirgendwo so deutlich zu spüren ist, wie in der Arktis. Alle zehn Jahre steigen die Temperaturen hier im Schnitt um ein Grad Celsius an. Wobei durch immer größere eisfreie Wasserflächen ein Rückkoppelungseffekt entsteht, der die Erwärmung beschleunigt. 

Für Klimaforscher stellt sich nicht mehr die Frage, ob das Polarmeer im Sommer einmal eisfrei sein wird, sondern nur noch, wann es so weit ist. Wobei verschiedene Studien übereinstimmend erwarten lassen, dass dieser Punkt vielleicht schon 2035, spätestens aber 2050 erreicht wird. Selbst wenn der Weltklimagipfel COP26 in Glasgow die Treibhausgas-Emissionen in kürzester Zeit verringerte, reichte dies nicht mehr, die große Eisschmelze in der Arktis zu stoppen. 

Geld fließt erst, wenn es zu einer Katastrophe kommt..

Sally Russell Cox

Genauso langsam, wie die US-Regierung etwas für die Betroffenen in Alaska unternimmt, hat sie aus Sicht von Experten die geostrategischen Konsequenzen des Klimawandels im Polarkreis verschlafen. Während sich Russland und China seit Jahren aktiv auf die Öffnung neuer Schifffahrtsrouten und die Ausbeutung von Bodenschätzen vorbereiten, wachte Washington erst kürzlich auf. Genauer gesagt war es das von Ex-Präsident Donald Trump geäußerte Interesse, Grönland zu kaufen, das die Aufmerksamkeit der Amerikaner auf die Region lenkte. 

Sowohl die Nordostpassage, die vor der arktischen Küste Russlands verläuft, als auch die Nordwestpassage entlang der kanadischen Küste, versprechen die Handelswege von Asien nach Europa drastisch zu verkürzen. Was die Begehrlichkeiten Chinas erklärt, die neue Polarroute zum Teil ihrer neuen Seidenstraße zu machen. 


FILE - In this Sept. 15, 2009, file photo, a forest in the Amazon is illegally burnt on the outskirts of Novo Progresso, northern Brazilian state of Para. Annual destruction of the Amazon rain forest fell to its lowest recorded level this year, Brazilian authorities said Monday, hailing an enforcement crackdown for the drop. The destruction between August 2010 through July 2011 was about 2,410 square miles (6,240 square kilometers), according to the National Institute for Space Research. (AP Photo/Andre Penner, file)
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Damit Container-Schiffe sicher durch das Eismeer fahren können, benötigen sie weiterhin Eisbrecher. Die USA hängen hier soweit hinterher, dass sie im vergangenen Jahr Manöver der Küstenwache absagen mussten, weil einer ihrer insgesamt fünf Eisbrecher ausfiel. 

 China versucht sich in Grönland den Zugriff auf die Ausbeutung seltener Erden und Metalle zu sichern, während Russland, die USA und Kanada auf leichteren Zugang und Transport von Erdöl und Gas hoffen. Laut der „United States Geological Survey“ dürften unter dem schmelzenden Eis der Arktis ein Viertel der noch unentdeckten Erdöl- und Erdgasvorkommen der Welt schlummern. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Westsibirischen Becken, dem östlichen Barentsbecken und dem arktischen Alaska. 

Keine Militarisierung riskieren 

Die Konfliktpotenziale zwischen den Großmächten liegen auf der Hand. Womit dem Arktischen Rat eine neue Bedeutung zukommt. Diesem gehören neben Island, Schweden, Finnland, Dänemark, Norwegen und Kanada auch die Vereinigten Staaten und Russland an. China hat Beobachterstatus. Bei dem jüngsten Treffen im Mai warnte US-Außenminister Antony Blinken in Reykjavík vor der Gefahr einer militärischen Aufrüstung am Nordpol. „Wir müssen eine Militarisierung der Region verhindern.“ 


Britain's Prime Minister Boris Johnson speaks to the media as he visits a Covid-19 vaccination centre at Little Venice Sports Centre in London on October 22, 2021. - Daily virus cases in the UK on October 22 soared to over 50,000 a day for the first time since July but the government again resisted calls to reimpose restrictions. The UK has administered two vaccine doses to 79 percent of those aged 12 and over and the number of hospitalisations remains relatively low. It is pushing for all those not inoculated to get the vaccine and urging the over-50s and clinically vulnerable to take up the offer of a third booster vaccine as well as get flu jabs. (Photo by Matt Dunham / POOL / AFP)
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Blinken äußerte die Sorge, dass verstärkte militärische Aktivitäten in der Arktis die „Gefahr von Zwischenfällen“ erhöhten und das „gemeinsame Ziel einer friedlichen und nachhaltigen Zukunft der Region“ gefährdeten. Damit kommt die NATO auf den Plan und auch die Europäische Union versucht, eine eigene Strategie für die Region zu entwickeln. 

Der erste Klimatote 

Während Washington nun mit massiven Investitionen ihre Flotte wieder aufbaut und ihre U-Boot-Aktivitäten im Nordmeer verstärkt, warten die Inupiat von Shishmaref und den anderen gefährdeten Orten in Alaska weiter vergeblich auf Hilfe. Das Weiße Kreuz hinter der mit verblichenen Seidenblumen bedeckten Grabstelle auf dem Friedhof von Shishmaref erinnert an den Preis der Untätigkeit. 

Der Grabstein von Norman Kokoeok, dem vermutlich ersten Klimatoten von Alaska.
Der Grabstein von Norman Kokoeok, dem vermutlich ersten Klimatoten von Alaska.
Foto: Thomas Spang

Hier ruht Norman Kokoeok, der vermutlich erste Klimatote von Alaska. Der 25-jährige kam am 2. Juni 2007 bei der Entenjagd mit seinem Freund ums Leben. Sein Schneemobil brach auf dem Eis ein, das wegen der Erderwärmung für die Jahreszeit viel zu dünn war. 

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