Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Die geopolitischen Folgen eines Machtwechsels
International 5 Min. 20.08.2021
Weltpolitik mit den Taliban?

Die geopolitischen Folgen eines Machtwechsels

Ein Mitglied der Taliban besetzt eine Straße nahe der Stadt Herat.
Weltpolitik mit den Taliban?

Die geopolitischen Folgen eines Machtwechsels

Ein Mitglied der Taliban besetzt eine Straße nahe der Stadt Herat.
Foto: AFP
International 5 Min. 20.08.2021
Weltpolitik mit den Taliban?

Die geopolitischen Folgen eines Machtwechsels

Der Westen ist auf den ersten Blick der große Verlierer des Machtwechsels in Kabul. Die Taliban dürften aber an Hilfen und Waren interessiert sein.

(dpa) - Der Umsturz in Afghanistan kam plötzlich, seine Folgen für die Menschen vor Ort sind dramatisch. Außenpolitisch wird sich für viele Staaten nach den hektischen Rettungsaktionen dieser Tage die Frage stellen: Wie weiter mit diesem Land, in dem nun eine militant-islamistische Gruppe über die Lebenswirklichkeit von Millionen Menschen entscheidet? Ist Kooperation möglich oder ist die Isolierung Afghanistans im globalen Konzert der Mächte angesagt? Während die USA erstmal schnell weg wollen vom Hindukusch, sinnen China und die Türkei auf mehr Einfluss in der Region. Für Indien könnte sich der Machtwechsel derweil zu einem herben Schlag für die globalen Einflussmöglichkeiten erweisen. Ein Überblick über die Interessen der einflussreichsten Mächte:

USA ohne klare Perspektive

Die Vereinigten Staaten sind derzeit mit ihrer Evakuierungsmission und mit der Debatte über das Scheitern des Einsatzes beschäftigt. Weitere Pläne zum künftigen Umgang mit dem neuen Taliban-Regime werden derzeit noch nicht öffentlich diskutiert. Der Sprecher des US-Außenministeriums sagte, man stehe im Kontakt mit anderen Regierungen, um sich über ein weiteres Vorgehen in der sich entwickelnden Lage abzustimmen.


TOPSHOT - Taliban fighters stand guard at an entrance gate outside the Interior Ministry in Kabul on August 17, 2021. (Photo by Javed Tanveer / AFP)
Das Motto der USA bleibt weiterhin "America First"
Vor allem die USA haben in Afghanistan versagt. Die Scherben auflesen müssen nun andere.

US-Präsident Joe Biden hat angekündigt, sich weiterhin „für die Grundrechte des afghanischen Volkes“ einzusetzen, insbesondere erwähnte er die Rechte der Frauen und Mädchen. Offen ließ er, wie das Engagement der USA - die bei den neuen Machthabern in Kabul keinen Einfluss mehr haben - konkret aussehen soll.

Erste Annäherungen aus Russland

In Russland sind die Taliban zwar als Terrororganisation verboten. Trotzdem gab es zuletzt auch in Moskau offizielle Verhandlungen mit Vertretern der militanten Islamisten. Außenminister Sergej Lawrow sagte, dass mit den politischen Kräften der Taliban, aber nicht mit Terroristen gesprochen werde. Ob Russland die neue Führung in Kabul anerkennt, ließ er offen. Der russische Botschafter in Kabul, Dmitri Schirnow, traf sich in dieser Woche mit Taliban-Vertretern und sprach von konstruktiven Gesprächen. Die Botschaft arbeitet weiter.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow ist offen für Gespräche - allerdings nicht mit Terroristen.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow ist offen für Gespräche - allerdings nicht mit Terroristen.
Foto: AFP

Russland agiert allerdings auch im Rückblick auf seinen 10-jährigen Afghanistan-Krieg zu Sowjetzeiten abwartend. Moskau sichert vor allem den um ihre Sicherheit besorgten zentralasiatischen Staaten - allen voran Tadschikistan und Usbekistan - Unterstützung zu. In Tadschikistan beteiligte sich Russland in diesem Sommer auch an Manövern zur Abwehr eines möglichen Einmarsches der Taliban. Verhindern will Russland außerdem, dass die USA nun in Zentralasien Militärstützpunkte errichten. Moskau sieht die Region auch 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als sein Einflussgebiet.

China, der „vertrauenswürdige Freund“

China sucht Stabilität in Afghanistan und will vermeiden, dass das Nachbarland ein Nährboden für Terrorismus wird. Es fürchtet sonst negative Auswirkungen auf die angrenzende, muslimisch besiedelte Region Xinjiang in Nordwestchina oder Projekte seiner Infrastruktur-Initiative der „Neuen Seidenstraße“ in Zentralasien oder auch Pakistan. So hatte sich Peking schon mit den Taliban arrangiert, noch bevor sie in Kabul die Macht übernommen haben.


A Chinese paramilitary police stands guard outside the Afghanistan embassy in Beijing on August 16, 2021. (Photo by Noel Celis / AFP)
Eine ungewollte Zweckgemeinschaft
Peking geht auf Kuschelkurs mit den Taliban. Dabei nimmt China die Islamisten vor allem als Sicherheitsrisiko wahr.

Um frühzeitig Pflöcke einzuschlagen, bereitete Außenminister Wang Yi einer ranghohen Taliban-Delegation am 28. Juli in Tianjin einen großen Empfang und wertete die Gotteskrieger international diplomatisch auf. China werde sich nicht in Afghanistan einmischen, versprach Wang Yi. Aber die Taliban müssten „klar“ mit allen terroristischen Gruppen und auch Separatisten brechen, die in Xinjiang für eine Unabhängigkeit des früheren Ostturkestans kämpften.

Taliban-Mitbegründer Mullah Abdul Ghani Baradar nannte China einen „vertrauenswürdigen Freund“. Er hoffe, dass China beim Wiederaufbau in Afghanistan eine wichtige Rolle spielen könne. Anders als die USA und Russland kann China in Afghanistan als Mitspieler ohne belastende kriegerische Vergangenheit auftreten. Als finanzstarke Regionalmacht, ständiges Mitglied mit Veto-Recht im UN-Sicherheitsrat, Freund der Russen und Rivale der USA könnte China für die Taliban ein wichtiger Kooperationspartner werden - der ihnen auch kein anderes politisches System aufzwingen will.

Irans unbeliebte neue Nachbarn

Die erzkonservative Regierung von Präsident Ebrahim Raisi ist noch unsicher, ob sie sich über den Machtwechsel im Nachbarland freuen soll oder nicht. Zwar ist der Erzfeind USA vorerst weg aus der Nachbarschaft, aber die militant-islamistischen Taliban als Nachfolger wollte man auch nicht unbedingt. Raisi hofft auf eine nationale Einigung im Rahmen interner Verhandlungen zwischen den afghanischen Gruppen, um so die Zusammenarbeit weiterzuführen. Für Beobachter mehr Wunschdenken als strategische Überlegung.


Politik, Interview Jean Asselborn, Foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
„Fatal getäuscht“
Außenminister Jean Asselborn fordert im Gegenzug für offizielle Anerkennung und humanitäre Hilfe klare Zusagen der Taliban.

Für viele im Iran sind die Taliban immer noch islamistische Sunniten, für die der schiitische Iran ein religiöser Erzfeind ist und bleiben wird. Auch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit ist angesichts der chaotischen Zustände in Afghanistan zumindest kurzfristig unrealistisch. Sorge gibt es vor einer Flüchtlingswelle wie 1979 nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan. Eine solche könnte der Iran derzeit wegen der akuten Wirtschaftskrise und der Corona-Pandemie kaum verkraften.

Indiens Grenzregionen in Bange

Wie die Regierung in Indien künftig zu einer Taliban-Regierung stehen wird, ist derzeit unklar. Bislang hatte das Land gute Beziehungen zu Afghanistan, in den vergangenen 20 Jahren wurden rund drei Milliarden Dollar in Entwicklungshilfeprojekte investiert. Diese großen Investitionen in die alte Regierung dürften nun gefährdet sein. Chinas Erzfeind Pakistan, in dem ebenfalls Taliban aktiv sind, dürfte hingegen eine stärkere Rolle in Afghanistan bekommen - was wiederum die Terrorgefahr in der indisch-pakistanischen Grenzregion Kaschmir erhöhen könnte.

In Indien lebende Afghanen beobachten den Einzug der Taliban mit Schrecken.
In Indien lebende Afghanen beobachten den Einzug der Taliban mit Schrecken.
Foto: AFP

Indien hat auch mit seinem anderen Nachbarland China angespannte Beziehungen - und da auch die Volksrepublik künftig eine größere Rolle in Afghanistan spielen dürfte, steht es um die geopolitische Lage Indiens in Südasien nun eher schlecht.

Türkei zeigt sich empfänglich

Die Türkei schlägt nicht erst seit der Machtübernahme Taliban-freundliche Töne an. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte bereits wiederholt seine Bereitschaft, Taliban-Anführer in Ankara zu empfangen. Man habe nichts gegen den Glauben der Taliban, sagte Erdogan der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge. Man stehe Afghanistan in guten und in schlechten Zeiten bei.


(FILES) In this file photo taken on February 10, 2020 migrants from Bangladesh, Afghanistan and Pakistan wait for being taken to the Spanish NGO Maydayterraneo's Aita Mari rescue boat during the rescue of 65 migrants in the Mediterranean international waters off the Libyan coast. - The Libyan coast guard picked up more than 13,000 people in the first half of this year, exceeding the total figure for 2020, according to the UN High Commissioner for Refugees (UNHCR). (Photo by Pablo Garcia / AFP)
Angst vor Flüchtlingswelle aus Afghanistan
Die Türkei und Griechenland wollen nach dem Machtwechsel in Afghanistan nicht Europas Einfallstor für Migranten werden.

Vor der Machtübernahme der Taliban wurde vielfach diskutiert, inwiefern die Türkei nach dem Ende der Nato-Mission weiterhin den internationalen Flughafen sichern könnte. Ankara zeigte und zeigt sich dazu bereit. Analysten bewerteten das als Versuch des außenpolitisch weitgehend isolierten Landes, die Beziehungen zu den USA und anderen Ländern zu verbessern und den Einfluss in der Region auszubauen. Wie das Land dieses Interesse unter den neuen Umständen zu verwirklichen versuchen könnte, ist derzeit noch offen. Über den Iran kommen seit Jahren viele geflüchtete Menschen aus Afghanistan in die Türkei. In der Bevölkerung haben die Nachrichten aus Afghanistan in den vergangenen Wochen häufig flüchtlingsfeindliche Rhetorik provoziert. Die Opposition im Land nutzt das Thema, um Stimmung gegen Erdogan zu machen.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Seit Tagen versuchen zahlreiche Staaten, ihre Bürger und Helfer aus Afghanistan auszufliegen. Am Flughafen ist die Lage unübersichtlich.
This handout photo taken and released by the French Etat-major des Armees on August 18, 2021 shows people getting off a French Air Force Airbus A400M at the air base of Al Dhafra, near Abu Dhabi after being evacuated from Kabul as part of the operation "Apagan". - The military operation dubbed "Apagan" was launched on August 15, 2021 in order to evacuate people from Afghanistan where the Taliban have taken over the country. (Photo by Handout / ETAT MAJOR DES ARMEES / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / ETAT MAJOR DES ARMEES " - NO MARKETING - NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS
Asselborn über die Lage in Afghanistan
Außenminister Jean Asselborn fordert im Gegenzug für offizielle Anerkennung und humanitäre Hilfe klare Zusagen der Taliban.
Politik, Interview Jean Asselborn, Foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort