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Die etwas andere Reise nach Europa: "Lauft! Ihr Hurensöhne! Lauft!"
International 3 Min. 01.03.2015 Aus unserem online-Archiv

Die etwas andere Reise nach Europa: "Lauft! Ihr Hurensöhne! Lauft!"

Auf der Flucht: Wer es als Flüchtling nach Europa schaffen will, der braucht Durchhaltevermögen, Geld - und Glück.

Die etwas andere Reise nach Europa: "Lauft! Ihr Hurensöhne! Lauft!"

Auf der Flucht: Wer es als Flüchtling nach Europa schaffen will, der braucht Durchhaltevermögen, Geld - und Glück.
AFP
International 3 Min. 01.03.2015 Aus unserem online-Archiv

Die etwas andere Reise nach Europa: "Lauft! Ihr Hurensöhne! Lauft!"

Es ist eine Reisereportage der besonderen Art. Auf maroden Kuttern statt modernen Kreuzfahrtschiffen, in verkommenen Hinterhofabsteigen statt Fünf-Sterne-Herbergen. „Über das Meer“ schildert die Route syrischer Flüchtlinge von Ägypten nach Europa.

(mas) - 3,6 Millionen Syrer haben ihre Heimat in den vergangenen vier Jahren verlassen. Nicht freiwillig – fluchtartig. Sie sind Opfer eines Bürgerkrieges, in dem jeder gegen jeden kämpft und alle gegen Assad. Sie sind eine anonyme Masse, deren von Angst und Aussichtslosigkeit gezeichneten Gesichter seit vier Jahren fester Bestandteil der Berichterstattung von diesem nahöstlichen Kriegsterrain sind.

Wolfgang Bauer gibt den Gesichtern einen Namen. Sie heißen Amar, Hussan, Alaa. Bauer erzählt ihre Geschichten. Geschichten, bei denen Ende mit Schrecken und Schrecken ohne Ende dicht beieinander liegen. Gemeinsam mit dem Fotografen Stanislaw Krupar begibt sich der „Zeit“-Reporter mit syrischen Flüchtlingen auf den weiten Weg ins vermeintliche Eldorado: Europa.

Wie gefährlich dieses Unterfangen ist, daran lässt der Autor von Beginn an keinen Zweifel: „An der Berliner Mauer der DDR wurden in drei Jahrzehnten 125 Flüchtlinge getötet. Sie wurde dafür von der freien Welt als Symbol der Unmenschlichkeit kritisiert. An den Mauern, mit denen sich Europa nach dem Ende des Kalten Krieges umgab, starben bis Frühjahr 2014 knapp 20 000 Flüchtlinge. Die meisten davon ertranken im Mittelmeer. Keine Seegrenze der Welt fordert mehr Menschenleben. Das Mittelmeer ist die Geburtsstätte Europas und mittlerweile Schauplatz seines größten Versagens.“

Bestenfalls Schmarotzer, schlimmstenfalls Terroristen

Dass dennoch täglich Hunderte von Menschen die Reise ins Ungewisse antreten, wochenlang ein Leben voller Entbehrungen und Entwürdigungen auf sich nehmen, mit dem Tod als täglichem Begleiter, spiegelt die Perspektivlosigkeit des Daseins in ihrer Heimat wider.

Das Mittelmeer ist die Geburtsstätte Europas und mittlerweile Schauplatz seines größten Versagens.

Für Amar, 50 Jahre alt, ist es die zweite Flucht. 2011 flieht der Kaufmann mit seiner Frau und den drei Töchtern aus Homs nach Kairo. Dort baut er sich eine zweite Existenz auf, dennoch wird die Familie in Ägypten nicht heimisch – Syrer stehen ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie, gelten bestenfalls als Schmarotzer, schlimmstenfalls als Terroristen. Der Familienvater will nach Deutschland. Asyl beantragen. Die Familie zu sich holen. Einen Neuanfang wagen.

Amar wird es schaffen. Zwischen Kairo und Frankfurt liegen drei Monate und eine Odyssee, die ihn in der Türkei stranden lässt, nach Tansania und Sambia führt; er muss immer wieder zeitlich befristete und dennoch nicht enden wollende Wohngemeinschaften mit Gleichgesinnten auf engstem Raum bilden, macht erniedrigende Erfahrungen im Gefängnis, ist zwischen Aufgeben und Aushalten hin- und hergerissen.

Pingpongbälle der Behörden

Auch die Brüder Alaa und Hussan, 31 und 20 Jahre alt, dringen in die Festung Europa ein. Sie stammen aus einer Teppichhändlerfamilie aus Damaskus, sind im belebten Basar der Hauptstadt groß geworden und versuchen nun, in der schwedischen Kleinstadt Säffle heimisch zu werden. Bis dorthin machen sie die Erfahrung, in Europa nicht willkommen zu sein. Für die Ablehnung stehen der europäische Grenzschutz Frontex und Dublin II – jenes Abkommen, das die Zuständigkeit der EU-Staaten beim Asylverfahren regelt. Doch kein Land will wirklich zuständig sein. Pingpongbällen gleich werden die unerwünschten Syrer hin- und hergespielt.

Dafür erliegt jeder „Fluchthelfer“ der Versuchung, das Elend der Flüchtlinge finanziell auszunutzen. Die wie Tourismusunternehmen organisierten Schlepperbanden sowieso – wobei die Leistung, die sie ihren „Gästen“ gegen horrende Preise anbieten, elementarsten Standards nicht genügt. Doch auch die Europäer, ob Taxifahrer oder Schaffner oder Hotelier, wissen: Wer die Chance hat, nimmt die Flüchtlinge aus. Sie sind hilflos und schutzlos.

Aber sie sind nicht mittellos. Es ist Syriens Mittelstand, der sich die Flucht finanziell leisten kann. Wer arm ist, für den bleibt selbst die Flucht ein Traum; er schafft es vielleicht bis in ein Flüchtlingslager im Libanon. Tausende von Euro müssen Amar, Alaa, Hussan investieren, jeder will am lukrativen Geschäft verdienen. Bestechung, Erpressung, Feilschen um einen Bootsplatz oder ein Flugticket, Lösegeldforderungen: Das Abzockungsarsenal scheint unerschöpflich. Gelangen die Flüchtlinge ans Ziel, dann zumeist mit leeren Händen – mittellos.

„Über das Meer“, Wolfgang Bauer, Edition Suhrkamp, ISBN 978-3-518-06724-6, 131 Seiten.