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Die Bergsteiger-Saison hat begonnen: Stau am Mount Everest
Viele Bergtouristen reisen aus aller Welt an, um die Faszination Everest zu erleben.

Die Bergsteiger-Saison hat begonnen: Stau am Mount Everest

Reuters
Viele Bergtouristen reisen aus aller Welt an, um die Faszination Everest zu erleben.
International 4 Min. 05.05.2017

Die Bergsteiger-Saison hat begonnen: Stau am Mount Everest

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Die Bergsteiger-Saison am höchsten Berg der Welt hat begonnen. Experten befürchten wegen der Rekord-Zahl von Kletter-Genehmigungen in diesem Jahr mehr Unfälle und Tote, berichtet LW-Korresponentin Agnes Tadler.

Von Agnes Tandler (Kathmandu)

„Ich bin froh, in dieser Saison wieder zum Mount Everest zurückzukehren“, erklärte der amerikanische Alpinist Jim Davidson. Seinen letzten Versuch, den höchsten Berg der Welt zu bezwingen, hatte Davidson 2015 aufgeben müssen, nachdem ein schweres Erdbeben die Klettersaison vorzeitig beendete.

18 Menschen starben, als im April vor zwei Jahren eine Lawine das Basislager am Everest verschüttete. Davidson ist nicht allein: auch andere Extrem-Bergsteiger haben ihre Expedition wieder aufgenommen.

371 Genehmigungen

Nepals Regierung hat in diesem Jahr 371 Genehmigungen für den Everest ausgestellt - mehr als je zuvor seit der Erstbesteigung des 8.848 Meter hohen Gipfel im Jahr 1953 durch den Neuseeländer Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay. Da fast jeder Bergsteiger von Sherpas begleitet wird, dürften sich ab Mitte Mai, wenn das Wetter besser wird, mehr als 1.000 Menschen vom Basislager auf das Dach der Welt aufmachen.

Das letzte Tageslicht erhellt den Everest, der über dem Berg Nuptse hinausragt.
Das letzte Tageslicht erhellt den Everest, der über dem Berg Nuptse hinausragt.
AP

Die Teams sind bereits seit Wochen vor Ort, um sich für ihre Tour in extremer Höhe zu akklimatisieren Im Moment machen Wind und Kälte auf der Südseite vom Berg den Alpinisten zu schaffen. „Dies ist ein Zeichen für Probleme“, schrieb Everest-Veteran Alan Arnette in seinem Himalaya-Blog.

„Es gibt die gute Chance, dass es in diesem Jahr zu Staus kommt“, befürchtet Sonam Sherpa. „Jeder wird in Eile sein, den Gipfel zu erreichen, wenn das Wetter aufklart. Es gibt kein System, nach dem die Kletterer einer nach dem anderen nach oben kommen“, sagte Sonam der indischen Presseagentur PTI.

Gefahr beim Abstieg

Sonam, der als Expeditionsbegleiter bereits fünfmal den Everest stand, sieht die Gefahr, dass durch Wartezeiten und Verzögerungen gerade die absteigenden Bergsteiger stärker gefährdet sind. Diejenigen, die vom Gipfel abstiegen, seien erschöpft und hätten weniger Sauerstoff bei sich, weil ihre Vorräte fast aufgebraucht seien.

1953 erklommen sie den höchsten Gipfel der Welt: Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay.
1953 erklommen sie den höchsten Gipfel der Welt: Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay.
REUTERS

Auch Mingma Sherpa, der Direktor von „Seven Summits Treks“, einer nepalesischen Expeditionsfirma befürchtete einen Massenandrang: Allein acht Mount-Everest-Touren veranstaltet er in dieser Saison. „Wenigstens 65 Kletterer werden den Berg von der nepalesischen Seite zu besteigen versuchen“.

Wegen Verzögerungen im letzten Jahr hätten bei zwei seiner Kunden Zehen amputiert werden müssen, die abgefroren waren. In der sogenannten Todeszone oberhalb von 7.500 Metern wachse mit jeder Minute die Gefahr, weil die Bedingungen in dieser Höhe so extrem seien.

Staus am letzten Engpass

Im vergangenen Jahr musste eine Gruppe von Mingman eine Stunde lang vor der „Hillary-Step“, eine zwölf Meter hohe, fast senkrechte Felswand warten. Staus am letzten Engpass vor dem nur esstischgroßen Gipfel führen regelmäßig zu Frustrationen, Unfällen und Streit unter den Bergsteigern.

Das Everest Base Camp am 18. April 2014, gesehen vom Crampon Point aus, kurz nach der verheerenden Lawine, die 16 Sherpas in den Tod riss.
Das Everest Base Camp am 18. April 2014, gesehen vom Crampon Point aus, kurz nach der verheerenden Lawine, die 16 Sherpas in den Tod riss.
AFP

Die Staus sind auch ein Zeichen für die radikale Veränderung durch die zunehmende Kommerzialisierung, die sich am höchsten Berg der Welt vollzieht. Das Basislager auf 5.400 Meter ist heutzutage Ausflugsziel für Touristen aus der Hauptstadt Kathmandu, die mit Helikoptern einfliegen, um in den Genuss der speziellen Atmosphäre zu kommen. Wer will, bekommt auch Champagner serviert. Mitte April wurde hier die „höchste Party der Welt“ gefeiert, DJs machten Musik für die Anwesenden.

Tourismus statt Alpinismus

Der Alpinist Reinhold Messner, der den Berg 1978 als erster Mensch ohne zusätzlichen Sauerstoff bestieg, kritisiert die Industrie, die sich um den Everest gebildet hat. Das Klettern habe sich total verändert. Es sei Tourismus und kein Alpinismus mehr. Die Wege seien so präpariert, dass jeder, der genug Geld ausgebe, nach oben komme. Die Kosten für eine Berg-Tour bis zum Gipfel liegen zwischen 50.000 und 100.000 Euro.

Allein die Kletter-Genehmigung für den Everest durch die nepalesische Regierung beträgt knapp 11.000 Euro pro Person – eine wichtige Einnahmequelle für das südasiatische Land. Vorstöße, die Vergabe stärker einzuschränken und Sicherheitsbestimmungen zu verbessern, werden daher zwar diskutiert, doch nicht in die Tat umgesetzt. Ein Gesetzes-Vorschlag aus dem Jahr 2015, der Personen unter 18 und über 75 Jahren die Everest-Besteigung verbietet, liegt ebenso auf Eis, wie eine Evaluierung von Kletterer nach Berg-Erfahrung und Gesundheitszustand.

Der Mount Everest, fotografiert aus einem Flugzeug.
Der Mount Everest, fotografiert aus einem Flugzeug.
AFP

In der Tat ist der Everest kaum mehr mit dem Berg zu vergleichen, den Hillary 1953 bestieg. Die klettertechnisch schwierigeren Stellen sind mit Fixseilen gesichert. Leitern ermöglichen es, den gefährlichen Khumbu-Eisbruch zu passieren.

So genannte „Eis-Doktoren“, ein Team von örtlichen Bergführern, sind schon im Frühjahr, vor Beginn der Saison unterwegs, und präparieren unter hohem Risiko die Strecke für ihre meist gut betuchte Kundschaft. Nur etwa fünf Prozent der Bergsteiger am Everest sind Extremsportler, die ohne Sauerstoff klettern.

Viel verloren, noch immer der König

Der Ende April verunglückte Bergsteiger Ueli Steck geriet 2014 bei einem Rekordversuch am Everest mit Sherpas, die Seile befestigten, in eine handfeste Auseinandersetzung.

Die Bergführer fühlten sich durch den Schweizer Kletterer in ihrer Arbeit gestört. Steck ist in diesem Jahr das erste Todesopfer der Everest-Saison. Trotz der Kommerzialisierung konnte Steck sich dem Bann des Everest nicht entziehen. „Der Everest ist der Everest und der Everest hat viel verloren, doch er ist immer noch der höchste Berg der Welt“, hatte Steck gesagt.


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