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Die Auslandsreportage: Südafrikaner rätseln über weiße Townships
Zeichnet Google tatsächlich ein falsches Bild von südafrikanischen Slums?

Die Auslandsreportage: Südafrikaner rätseln über weiße Townships

© James Cheadle/Solent News
Zeichnet Google tatsächlich ein falsches Bild von südafrikanischen Slums?
International 1 2 Min. 16.06.2018

Die Auslandsreportage: Südafrikaner rätseln über weiße Townships

Versucht Google Südafrikas Geschichte neu zu schreiben oder hat die Suchmaschine einfach nur eine verzerrte Wahrnehmung? Die Südafrikaner jedenfalls rätselten diese Woche, weshalb die Suche nach „Armensiedlungen in Südafrika“ fast ausschließlich Bilder von weißen Township-Bewohnern liefert. Einige bezeichneten den Internet-Giganten als „rassistisch“. Andere vermuten politische Motive.

Von LW-Korrespondent Markus Schönherr aus Kapstadt

„Welches Südafrika ist das?“, fragten sich einige Beobachter, nachdem Xolisa Dyeshana, ein bekannter Werbefachmann aus Johannesburg, seinen Landsleuten eine Aufgabe mit auf den Weg gegeben hatte: Sucht nach Armensiedlungen in Südafrika und seht euch die Bilder an! Damit sorgte er für hitzige Diskussionen in sozialen Medien.

Denn nach der Auffassung von Google sehen die Townships der Kaprepublik so aus: Kinder in zerlumpten Pullovern, abgemagerte Gestalten, die nach einer gespendeten Suppe greifen, Großvater und Großmutter in einer Wellblechhütte - und ausschließlich alle mit weißer Hautfarbe.

Fest steht: In Südafrika, das 1994 die Rassentrennung überwand, existiert durchaus weiße Armut. Das stellte bereits 2013 der britische Rundfunksender BBC fest, der mit einer Dokumentation über weiße Slums weltweit für Aufsehen sorgte. Demnach sollen 400 000 weiße Südafrikaner bitterarm in Townships leben und von Aushändigungen zehren.

Die meisten Bilder auf Google stammen aus einer Reportage der britischen Daily Mail über die "white squatter camps".
Die meisten Bilder auf Google stammen aus einer Reportage der britischen Daily Mail über die "white squatter camps".
© James Cheadle/Solent News

Der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) und die Opposition reagierten empört. Sie warfen dem Sender einseitige Berichterstattung vor, da er nicht das große, allgegenwärtige Bild von Armut zeige: Dieses ist auch 24 Jahre nach der Apartheid überwiegend schwarz. Heute noch liegt das Einkommen eines weißen Haushalts sechsmal höher als das eines schwarzen.

Sauer auf Google

Viele Südafrikaner nahmen Google deshalb nun auch seine Suchergebnisse übel. Laut der Südafrikanerin Mpho Sedibe gingen diese über eine „grobe Fehldarstellung” hinaus. „Wir erleben hier die unheilvolle Absicht, die Landdebatte zu beeinflussen“, ist eine weitere Beobachterin überzeugt - eine Anspielung auf die jüngsten politischen Entwicklungen im Land.

Vor kurzem hatte sich der ANC dafür ausgesprochen, Land ohne Entschädigung für die derzeitigen Besitzer zu beschlagnahmen. Dies soll den historischen Landraub von Kolonialismus und Apartheid ausgleichen. Fruchtbarer Boden ist trotz der Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß immer noch ein wunder Punkt in Südafrika. 79 Prozent des Landes befinden sich in Privatbesitz, der Großteil immer noch in weißen Händen. Entsprechend vermutet ein weiterer Beobachter gar, dass die rechtsnationale Lobbygruppe „AfriForum“ hinter Googles Suchergebnissen stecke. Diese setzt sich vorwiegend für die Belange der weißen Minderheit ein. Die geplanten Landreformen will sie mit einer Klage vor Gericht verhindern.

Südafrikanische Zeitungen lösten das Rätsel um die weißen Townships allerdings schnell: Welche Bilder ganz oben in den Treffern angezeigt werden, bestimme ein Suchalgorithmus. Dieser berücksichtige über 200 Faktoren, etwa wie viele Bilder eine Website enthalte und wie viele Nutzer darauf zugriffen. Wesentlichen Einfluss auf das umstrittene Suchergebnis könnte demnach ausgerechnet der staatliche Rundfunksender SABC gehabt haben: Dieser zeigte vergangenen März einen viel diskutierten Beitrag über ein weißes Township in der ländlichen Provinz Mpumalanga.


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