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Die Auslandsreportage: Die Kuh ist los
International 1 3 Min. 09.02.2019

Die Auslandsreportage: Die Kuh ist los

Kühe sind Hindus in Indien heilig, weil sie den Menschen mit lebensnotwendigen Dingen versorgen.

Die Auslandsreportage: Die Kuh ist los

Kühe sind Hindus in Indien heilig, weil sie den Menschen mit lebensnotwendigen Dingen versorgen.
AFP
International 1 3 Min. 09.02.2019

Die Auslandsreportage: Die Kuh ist los

Mitte Januar hätten eigentlich alle Kühe im Stall sein müssen: So jedenfalls hatte es Yogi Adityanath, der Regierungschef des indischen Bundesstaates Uttar Pradesh, versprochen. Stattdessen sind die Kühe überall: auf Autostraßen, unter Brücken, in den Städten, auf Märkten, Schulhöfen, vor Büros und Regierungsgebäuden.

Von LW-Korrespondentin Agnes Tandler aus New Delhi

Die streunenden Tiere stören den Verkehr, verursachen Unfälle, verwüsten Felder und fressen Getreide, Zuckerrohr und Kartoffeln im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens auf. Niemand weiß genau, wie viele herrenlose Tiere auf der Suche nach Futter nun frei herumspazieren. Schätzungen zufolge gibt es um die 20 Millionen Kühe im Bundesstaat. Nachdem die Regierung ein Schlachtverbot für die für Hindus heiligen Tiere erlassen hat, aber die versprochenen Gnadenhöfe für die Tiere weitgehend fehlen, erlebt der Bundesstaat eine wahre Kuhplage.

Um bei seiner hinduistischen Wählerbasis zu punkten, hatte Regierungschef Adityanath, selbst ein radikaler Hindu-Priester, 2017 ein absolutes Schlachtverbot für die heiligen Tiere erlassen. Damit fehlt den Bauern die Möglichkeit, Tiere, die keine Milch mehr geben, zu verkaufen, weil diese nicht mehr geschlachtet werden dürfen. Landwirte lassen nun die unerwünschten Tiere einfach frei oder binden sie irgendwo fest, um sie von ihren Feldern fernzuhalten.

Die Kühe sind überall: auf Autostraßen, unter Brücken, in den Städten, auf Märkten, Schulhöfen, vor Büros und Regierungsgebäuden.
Die Kühe sind überall: auf Autostraßen, unter Brücken, in den Städten, auf Märkten, Schulhöfen, vor Büros und Regierungsgebäuden.
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Die Regierung hat extra eine Kuhsteuer von 0,5 Prozent auf Alkohol und auf Straßenmaut eingeführt, ebenso wie eine einprozentige Abgabe auf den Verkaufserlös von Obst, Gemüse und Getreide auf dem Großmarkt. Mit den Steuereinnahmen sollen „Altersheime“ für Kühe und Bullen gebaut werden, die nicht mehr geschlachtet werden dürfen. Doch die Behörden haben offenbar die schiere Zahl der bedürftigen Tiere unterschätzt, so dass es nicht genug Gnadenhöfe gibt, um die Kühe unterzubringen.

Kühe mit Barcode

Die neuste Idee ist nun, alle herrenlosen Tiere mit einem Barcode zu versehen und in verwahrlosten, ungenutzten Gebäuden unterzubringen. Auch sollen Bauern, die ihre Tiere einfach aussetzen, hart bestraft werden. „Die Behörden sollen sicher stellen, dass es in den Kuhheimen für die Tiere Futter, Sicherheit, Wasser, medizinische Versorgung und Zäune gibt. Es sollen auch Pfleger angestellt werden, um die Kühe zu schützen“, erklärte Regierungschef Adityanath, nachdem sich die Situation immer mehr zuspitzte.

Anfang der Woche hatte nämlich eine Gruppe wütender Bauern 35 Kühe in eine staatliche Schule nahe der Stadt Agra getrieben. Die über 100 Schüler mussten daraufhin aus dem Gebäude auf den Schulhof fliehen, der Unterricht wurde abgesagt. Im Städtchen Radha Kund legten am gleichen Tag die Landwirte den Betrieb des örtlichen Krematoriums lahm, indem sie 50 Rinder dort einsperrten. Auch Krankenhäuser wurden schon von zornigen Landwirten und ihren Kühen heimgesucht.

Viele Bauern verbringen inzwischen ihre Nächte auf Kuhwache, um ihre Felder vor den hungrigen Eindringlingen zu schützen. „Unsere Pflanzen werden regelmäßig beschädigt. Wir sind sehr besorgt“, beschrieb ein Bauer im Bulandshahr-Distrikt die Situation. „Wir können unproduktive Kühe nicht füttern“, erklärte Surendera Pandey, ein anderer Bauer. Früher habe er 10 000 Rupien (ca. 120 Euro) für eine alte Kuh bekommen und habe damit den Kauf einer neuen Kuh finanzieren können. „Die Situation ist nun ganz anders“, sagte Pandey dem TV-Sender „India Today“.

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Das Kuh-Thema ist politisch sehr aufgeladen. Die Frage des Schutzes von Kühen hat an enormer Bedeutung gewonnen, seit Indiens Premierminister Narendra Modi, ein gläubiger Hindu, mit seiner hindunationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) 2014 einen haushohen Sieg errang. Viele sehen in dem angeblichen Tierschutz einen Stellvertreterkrieg gegen Minderheiten - besonders Muslime und Dalits, ehemalige Kastenlose. Beide Gruppen essen Rindfleisch und arbeiten in Fleisch- und Lederverarbeitungsindustrien. Laut der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ wurden seit 2015 mindestens 10 Menschen gelyncht, nachdem sie des Verzehrs von Rindfleisch beschuldigt wurden. Die Oper waren Muslime oder Dalits. Um die 80 Prozent von Indiens Bevölkerung sind Hindus, etwa 15 Prozent sind Muslime, Christen machen etwa zwei Prozent aus.