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Die Auslandsreportage: Der Schmerz sitzt tief
International 2 3 Min. 26.01.2019

Die Auslandsreportage: Der Schmerz sitzt tief

Soldaten üben vor dem einstigen Zarenpalast für eine Parade zum Gedenken an die Blockade von Leningrad.

Die Auslandsreportage: Der Schmerz sitzt tief

Soldaten üben vor dem einstigen Zarenpalast für eine Parade zum Gedenken an die Blockade von Leningrad.
Claudia Thaler/dpa
International 2 3 Min. 26.01.2019

Die Auslandsreportage: Der Schmerz sitzt tief

In den eiskalten Januartagen sieht man die Narbe der Geschichte in der russischen Metropole St. Petersburg an vielen Orten. Am berühmten Newski-Prospekt, auf dem die Touristen flanieren, liegen rote Nelken vor einem verschneiten Denkmal.

(dpa) - Die Blumen erinnern an die Blockade von Leningrad, wie die Stadt zu Sowjetzeiten hieß, und die Kriegsverbrechen der Wehrmacht in der Stadt - eines der grausamsten Kapitel im Zweiten Weltkrieg. Sie endete nach 900 Tagen am 27. Januar 1944. Russland feiert den 75. Jahrestag der Befreiung der Stadt mit einer riesigen Parade, bei der auch die modernsten Luftabwehrsysteme am einstigen Zarenpalast vorbeiziehen werden.

Von der Parade will eine ältere Russin nichts wissen, als sie mit ihrem Mann über den Gedenkfriedhof Piskarjowskoje im Norden von St. Petersburg spaziert. „Mir kommen die Tränen, wenn ich an die Blockade denke“, sagt die Frau, während klassische Musik aus dem Lautsprecher schallt. Ihre Familie habe wie so viele Bewohner der Stadt drei Jahre lang erbitterten Hunger und schier unvorstellbare Bedingungen ausgehalten. „Auch deswegen ist der Besuch auf dem riesigen Friedhof jedes Mal sehr emotional“, sagt die Frau.

Rote Nelken liegen vor einem Gedenkstein an die Opfer der Blockade von Leningrad. Mehr als eine Million Zivilisten verhungerten und erfroren.
Rote Nelken liegen vor einem Gedenkstein an die Opfer der Blockade von Leningrad. Mehr als eine Million Zivilisten verhungerten und erfroren.
Claudia Thaler/dpa

Hier liegen rund Hunderttausende Tote in einem Massengrab. Auch die Familie von Kremlchef Wladimir Putin durchlebte die Belagerung, sein Bruder starb in der Blockade-Zeit. Die Geschichte der Toten ist in Russland ein Thema, über das noch immer nur sehr selten offen gesprochen wird.

Die Truppen der Wehrmacht hatten knapp drei Monate nach dem Überfall auf die Sowjetunion gemeinsam mit finnischen Einheiten am 8. September 1941 Leningrad eingeschlossen. Auch wegen ihrer starken Rüstungsindustrie wollte Hitler die zweitgrößte Stadt der Sowjetunion dem Erdboden gleichmachen. Mehr als 100 000 Fliegerbomben gingen auf die Stadt der Oktoberrevolution von 1917 nieder. Schätzungen zufolge starben in den 900 Tagen Belagerung bis zu 1,5 Millionen Menschen - allen voran Zivilisten. Eine dünne Lebensader führte über den Ladoga-See, über den Lastwagen bei zugefrorenem Eis Lebensmittel in die Stadt bringen konnten.

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Als Heldenstadt ging das heutige St. Petersburg in die Geschichte ein. An diesem Status will trotz einiger Kritikpunkte niemand rütteln. Das spürte auch der russische Regisseur Alexej Krassowski, der mit seinem Satirefilm „Prasdnik“ privilegierte Familien während der Blockadezeit auf die Schippe nimmt. Während die Nachbarn an den Feiertagen an 125 Gramm Brot knabbern, steht eine privilegierte Familie mit Verbindungen zur Kommunisten-Partei vor der Frage: Wie rechtfertigt man das Festmahl vor den Hungernden?

„Blasphemie!“, wetterte ein Abgeordneter der Kremlpartei Geeintes Russland. An diesem heiklen Thema dürfe man nicht mal ansatzweise etwas Komisches finden. Die Freigabe des Films wurde lange diskutiert und schließlich wurde er nur auf der Internetplattform YouTube veröffentlicht. Für die Leiterin des Blockademuseums im Herzen von St. Petersburg ist der Fall eindeutig: „Es gibt Dinge, die man im Nachhinein nicht kritisieren darf. Das hat aber aus meiner Sicht weniger mit Zensur zu tun, sondern mit Respekt vor dem, was passiert ist“, sagt Jelena Lesik. Man müsse mit der Erinnerung verantwortungsvoll umgehen, die Diskussion dürfe man aber nicht scheuen.

Ein ähnliches Schicksal ereilte den Oppositionssender Doschd vor fünf Jahren, der mit einer Umfrage eine empfindliche Stelle in der russischen Geschichtsschreibung traf. Man wollte kritisch diskutieren, ob die Sowjetführung mit einer kampflosen Übergabe von Leningrad nicht Hunderttausende Leben hätte retten können. Das brachte dem Sender, der dem Kreml wegen seiner Berichterstattung schon länger ein Dorn im Auge war, den Entzug der Sendelizenz.

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„Das zeigt, wie dünnhäutig die russische Gesellschaft bei dem Thema ist. Die Wunde ist noch immer offen“, sagt Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau. „Zurzeit will man in Russland ein Geschichtsbild fördern, das stärker das Heldenhafte herausstellt.“ Wenn die Menschen einfach nur massenweise still wegstürben und verhungerten, dann passe das offenbar nicht gut in das Konzept des Heroismus, den man vermitteln wolle, sagt der Historiker.

Gerade deswegen sind die Paraden anlässlich der Weltkriegsjahrestage auch äußerst beliebt, vor allem bei jungen Menschen. „Die Paraden sind nicht unbedingt etwas Schlechtes. Es ist eine Tradition“, sagt Museumsleiterin Lesik. „Man muss aber erklären, wie tragisch der Krieg war. Das war weit mehr als jedes Hurra, das die Soldaten bei der Parade schreien.“ Dabei stimmt ihr Historiker Uhl zu: Paraden und Kriegsrekonstruktionen mit Schauspielern werde eher mehr zu einem Happening, fast zu einem Familienausflug. „Der Krieg verkommt dabei zu einer lustigen Waffenschau. Tod, Krankheit, Verrecken, Dreck – das spielt alles keine Rolle mehr.“

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