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Deutschland will Geimpften mehr Freiheiten zurückgeben
International 3 Min. 04.04.2021

Deutschland will Geimpften mehr Freiheiten zurückgeben

Corona-impfpässe könnten – neben obligatorischen PCR-Tests – in Europa bald zu einem wichtigen Reisedokument werden. In den USA ist das jetzt bereits der Fall.

Deutschland will Geimpften mehr Freiheiten zurückgeben

Corona-impfpässe könnten – neben obligatorischen PCR-Tests – in Europa bald zu einem wichtigen Reisedokument werden. In den USA ist das jetzt bereits der Fall.
Foto: David Becker/ZUMA Wire/dpa
International 3 Min. 04.04.2021

Deutschland will Geimpften mehr Freiheiten zurückgeben

Das Nachbarland will die Test- und Quarantänebefreiung für Geimpfte bereits in den nächsten Wochen umsetzen.

(KNA/dpa/jt) - Geimpfte sollen nach Plänen des deutschen Gesundheitsministers Jens Spahn bald Freiheiten zurückbekommen. Für sie soll die Test- und Quarantänepflicht zügig aufgehoben werden. Unterstützung bekam der Minister am Sonntag von SPD und Linken. Kritik kam von der AfD.

Spahn sagte der "Bild am Sonntag": "Wer vollständig geimpft wurde, kann in Zukunft wie jemand behandelt werden, der negativ getestet wurde." 

Wenn die dritte Welle der Corona-Pandemie gebrochen sei und weitere auf Schnelltests beruhende Öffnungsschritte wie beim Einzelhandel gegangen würden, komme diese Grundsatzentscheidung zum Tragen. "Wer geimpft ist, kann ohne weiteren Test ins Geschäft oder zum Friseur. Zudem müssen nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) vollständig Geimpfte auch nicht mehr in Quarantäne", so Spahn. Dies erleichtere den Alltag in der Pandemie. Der Minister will die Test- und Quarantänebefreiung für Geimpfte zügig in den nächsten Wochen umsetzen.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn will mehr Freiheiten für Geimpfte bei Reisen und beim Shoppen.
Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn will mehr Freiheiten für Geimpfte bei Reisen und beim Shoppen.
Foto: Michael Kappeler/dpa

Geringeres Risiko einer Virusübertragung

Grundlage für diesen Richtungswechsel ist eine Auswertung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse durch das RKI. In einem Bericht an das Bundesgesundheitsministerium, der der Zeitung vorliegt, heißt es: "Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist das Risiko einer Virusübertragung durch Personen, die vollständig geimpft wurden, spätestens zum Zeitpunkt ab dem 15. Tag nach Gabe der zweiten Impfdosis geringer als bei Vorliegen eines negativen Antigen-Schnelltests bei symptomlosen infizierten Personen." Der Bericht wurde am Samstag an die Bundesländer verschickt.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach unterstützte den Vorstoß von Spahn. Es habe sich gezeigt, dass Geimpfte sich nur noch selten ansteckten und sie wahrscheinlich bei Ansteckung nicht mehr ansteckend für andere seien, sagte Lauterbach dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. "Allerdings sollte das jeweils nur nach der zweiten Impfung gelten." Auch Linksfraktionschef Dietmar Bartsch erklärte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Natürlich müssen, wenn die wissenschaftlichen Daten die Unbedenklichkeit bestätigen, Geimpfte alle Rechte wieder in Anspruch nehmen können.“

Kritik der AfD und vom Patientenschutz

Die Vorsitzende der AfD-Fraktion im Bundestag, Alice Weidel, sprach dagegen von einer Impfpflicht durch die Hintertür. "Nun ist die Katze also aus dem Sack. Erst kommt die Testpflicht in allen möglichen Lebensbereichen und kurz danach verkündet der Gesundheitsminister eine Befreiung von genau dieser Testpflicht für Geimpfte", erklärte sie in Berlin. Mit diesem Vorgehen säe die Bundesregierung einen Spaltpilz in die Gesellschaft. "Mit Privilegien für Geimpfte droht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die Wahrnehmung zentraler Grundrechte an die vorbehaltlose Preisgabe persönlicher Daten geknüpft ist." Weidel forderte stattdessen, "alle Grundrechtseinschränkungen unverzüglich für alle Bürger aufzuheben".

Kritik kam auch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. "Die österliche Botschaft des Bundesgesundheitsministers von mehr Freiheiten löst sich bei genauem Hinschauen schnell in Rauch auf", erklärte Vorstand Eugen Brysch. Unklar bleibe etwa, ab welchem Inzidenzwert die dritte Welle gebrochen sein solle, und mit welchem Ausweis eine Impfung dokumentiert werden könne. "Selbst für die 95 Prozent geimpften 900.000 Pflegeheimbewohner wird der Shutdown also weitergehen", fügte Brysch hinzu.

Streit um den Impfpass

Die Debatte über Freiheiten für vollständig Geimpfte beschäftigt derzeit viele Staaten, darunter auch Luxemburg. Vorreiter sind die USA: Dort müssen voll geimpfte Personen künftig bei Reisen im Inland nicht mehr zwingend in Quarantäne gehen oder einen negativen Corona-Test vorweisen. Auch in Europa wird erwartet, dass ein Impfpass spätestens im Sommer zu einem unverzichtbaren Reisedokument wird. In Israel haben Bürger den „Grünen Pass“ schon jetzt dabei, wenn sie ins Restaurant gehen oder ein Konzert besuchen möchten. Portugal bereitet sich indes auf „Pilotversuche“ in den Bereichen Kultur und Unterhaltung vor.


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Andernorts toben zu dem Thema noch heftige Debatten. In Großbritannien ist ein Streit um mögliche Impf-Pässe ausgebrochen, die auch bei größeren Events zum Einsatz kommen könnten. Die Regierung will Berichten zufolge solche Zertifikate einführen, um geimpften Bürgern - oder alternativ negativ getesteten - sicheren Zugang zu solchen Veranstaltungen zu ermöglichen. In den kommenden Wochen sollen Pilotprojekte getestet werden. In der Opposition, aber auch in Teilen der regierenden Tory-Partei regt sich allerdings Widerstand. Ein solches System sei „gefährlich, diskriminierend und kontraproduktiv“ und könne zu Spaltung führen, so die Kritiker.

Der kleinste EU-Mitgliedsstaat Malta bereitet währenddessen Lockerungen bei den Einreisebeschränkungen für geimpfte Flug- und Schiffspassagiere vor: Sie dürften ab Juni mit einem entsprechenden Nachweis ins Land, alle anderen müssen weiterhin einen Negativtest vorlegen.



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