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Deutsche "das verkrampfteste Volk auf der Welt"
International 3 Min. 07.03.2019

Deutsche "das verkrampfteste Volk auf der Welt"

Annegret Kramp-Karrenbauer während ihrer Rede am Aschermittwoch in Demmin in Norddeutschland.

Deutsche "das verkrampfteste Volk auf der Welt"

Annegret Kramp-Karrenbauer während ihrer Rede am Aschermittwoch in Demmin in Norddeutschland.
Foto: AFP/Danny Gohlke
International 3 Min. 07.03.2019

Deutsche "das verkrampfteste Volk auf der Welt"

Annegret Kramp-Karrenbauer rechnet zum politischen Aschermittwoch mit ihren Kritikern ab – und nennt „Blödsinn“, dass sie ihr fehlenden Respekt vor Minderheiten vorhalten. Dann aber schaltet AKK um – und wird sehr kanzlerisch.

Von Cornelie Barthelme (Demmin)

Dass in Mecklenburg-Vorpommern im Nordosten Deutschlands die Uhren anders gehen, kann Annegret Kramp-Karrenbauer – kurz AKK – schon sehen, als sie die Halle betritt. „24. Politischer Aschermittwoch“ steht auf dem Transparent hinter der Bühne – und daneben haben die Designer zwei Masken skizziert, die eine lacht, die andere weint, man kennt das. Selbstverständlich ist hier, bei der CDU, die lachende schwarz und die weinende rot. Nur ist, zum einen, ja „am Aschermittwoch alles vorbei“, karnevalsmäßig. Und zum anderen hat das Maskenmotiv so wenig mit der Fastnacht zu tun wie Demmin mit dem Politischen Aschermittwoch. 


dpatopbilder - 28.02.2019, Baden-Württemberg, Staufen: Die Bundesvorsitzende der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, steht vor dem Narrengericht und verzieht das Gesicht. Das Narrengericht in Stockach zitiert jedes Jahr politische Prominenz vor seine Schranken. Die Veranstaltung gilt als einer der Fastnachtshöhepunkte im Südwesten. Foto: Patrick Seeger/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Kramp-Karrenbauer spöttelt über Intersexuelle
Männer, Frauen – und divers. Manche Menschen lassen sich nicht einfach einem Geschlecht zuordnen. Die CDU-Chefin nimmt das zum Aufhänger für einen Fastnachtswitz über Männer und ihre Toilettengewohnheiten.

Hier im Norden würden sie das wüst bestreiten, selbstverständlich. Knapp ein Vierteljahrhundert – das ist ja schon was. Gemessen am Ganzen indes, auf das es die Niederbayern 2019 punktgenau bringen, sind 24 Jahre – auf gut Bayrisch – ein Dreck. Da hilft es auch nichts, dass Demmin genauso eine Drei-Flüsse-Stadt ist wie Vilshofen, die Wiege der politischen Dicktuerei, und auch Passau, wohin Franz Josef Strauß 1975 mit der CSU weiterzog, aus Platzgründen. 

Niemand muss sich langweilen in Demmin. Und doch: Berauscht sind sie nicht.  

Strauß’ Bruder im politischen Geiste Wilfried Scharnagl, der Chef des Parteiblatts „Bayernkurier“, warnte davor, das Hochamt des christsozialen Jahres aus dem legendären „Wolferstetter Keller“ in eine Halle zu verlagern. Sein Argument war so schlicht wie massiv: „Das“, sagte Scharnagl über Vilshofen, „ist das Original.“ 

So betrachtet ist Demmin nichts als eine Kopie der Kopie. Und wenn man, aschermittwochsgemäß, weitermachen will mit den Derbheiten, dann gilt das auch für AKK. Jahr um Jahr kam Angela Merkel hierher, redete um die 20 Minuten, als stünde sie im Bundestag, keinen Scherz gönnte sie ihrem Publikum und kein grobes Wort. 

Zusammengefasst hat Merkel sich dem Prinzip Politischer Aschermittwoch kühl entzogen. Kramp-Karrenbauer hingegen, das weiß Deutschland, scheut das Deftige nicht. Wie sie in einem Fastnachtsscherz Intersexuelle und Sitzpinkler in Verbindung brachte, fanden manche zum Jubeln, andere eine blanke Respektlosigkeit. 

In Bayern würden sie Letzteres auch darüber sagen, dass es hier Wiener Würstchen und Bouletten gibt – an einem Fastentag! Und dazu Pils! Aus Plastikbechern! So wie die Stimmung in der Union noch vor einem Jahr gewesen ist, hätten die Christsozialen in Passau die Christdemokraten in Demmin kulturlose Atheisten geschimpft. Mindestens. 

Publikum in den Rausch reden 

Nun aber hat sich Markus Söder am Vormittag lieber die Grünen und die AfD vorgenommen. Er hat Premiere als Parteichef – wie AKK. Und er ist, für Aschermittwochsverhältnisse, fast peinlich zahm gewesen. 

Das ist dann am frühen Abend auch das Publikum in Demmin. Ein bisschen bejubelt es die Neue beim Einzug, ein bisschen beklatscht es die abwesende Kanzlerin, als die Blasmusik sie hochleben lässt. In Vorpommern ist auch am Aschermittwoch noch Karneval, mit Büttenrede und mit Tusch. 

AKK: "Wenn wir da so verkrampfen, wie wir es in den letzten Tagen getan haben, dann geht ein Stück Tradition und Kultur in Deutschland kaputt und das sollten wir nicht zulassen."
AKK: "Wenn wir da so verkrampfen, wie wir es in den letzten Tagen getan haben, dann geht ein Stück Tradition und Kultur in Deutschland kaputt und das sollten wir nicht zulassen."
Foto: Stefan Sauer/dpa

Fasching – das kann AKK. Seit 2011 geht sie als „Putzfrau Gretl“ in die Bütt. Aber die Aschermittwochsnummer geht ja, genau genommen, ganz anders. Wenn man sie kann, hat der Ex-CSU-Vorsitzende Erwin Huber gesagt, komme man größer heraus als Redner „als man reingegangen ist“. Das klappt, wenn man den Saal in einen Rausch reden kann.

Und sie versucht es. Geht sofort in die Offensive. Attackiert die Kritiker ihrer Rede beim Stockacher Narrengericht. Bezichtigt sie der künstlichen Aufregung. Und sagt, sie „habe das Gefühl“, das glücklichste Volk der Welt von 1989 habe sich in „das verkrampfteste Volk“ verwandelt. In den Applaus mischt sich Jubel. Ihre Sprache ist klar, ihre Vorstellungen auch. Den Brexit nennt sie „Irrsinn“, die Einheit Europas unabdingbar, die Umweltpolitik will sie keinesfalls den Grünen überlassen. 

Niemand muss sich langweilen in Demmin. Und doch: Berauscht sind sie nicht. Weil die Neue am Ende doch eine Rede gehalten hat wie die Alte. Sehr kanzlerisch über sehr weite Strecken. Nur lebhafter und schärfer vorgetragen als die Amtsinhaberin es tut. Und sie hat sich und ihre CDU in eine Reihe gestellt mit Adenauer, Kohl, Merkel. Hat kaum einer mitgekriegt. Diesmal noch nicht.



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