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Der Narzisst
International 8 Min. 09.11.2016 Aus unserem online-Archiv
Donald Trump im Porträt

Der Narzisst

Der 45. Präsident der USA: Donald J. Trump
Donald Trump im Porträt

Der Narzisst

Der 45. Präsident der USA: Donald J. Trump
Foto: REUTERS
International 8 Min. 09.11.2016 Aus unserem online-Archiv
Donald Trump im Porträt

Der Narzisst

Und der Gewinner heißt: Donald Trump! Wer ist der Mann, der Hass und Hetze salonfähig gemacht hat und die amerikanische Nation spaltet wie niemand zuvor? Ein Porträt von LW-Korrespondent Thomas Spang.

von  LW-Korrespondent Thomas Spang

Greta Tarbell (63) starrt mit offenem Mund in den strahlend blauen Sommerhimmel über der Iowa State Fair. „Da ist er“, ruft die Rentnerin entzückt auf, als sie am Heck der Sikorsky S–76 in fetten weißen Lettern den Namen des Kandidaten entdeckt: “T-R-U-M-P.”

Hunderte Fans verfolgen gebannt wie der schwarze Helikopter drei Ehrenrunden zieht bevor er zur Landung ansetzt.

Der Retter Amerikas?

Das Schlagen der Rotoren vermischt sich unter das Johlen der “Trumpers”. Kurz darauf steigt eine Staubwolke auf. Aus ihr hervor tritt der Mann, in dem seine Anhänger den Retter Amerikas sehen.

Donald Trump auf der Iowa State Fair.
Donald Trump auf der Iowa State Fair.
Foto: AFP

Dunkelblaue Club-Jacke, beige Hose, weiße Lederschuhe und rote Baseball-Kappe mit der Aufschrift „Make America Great Again“.

Donald Trump (70) schreitet mit breitem Haifisch-Grinsen und leicht verzögertem Gang auf die Menge zu. Der Geschäftsmann hat den einstudierten Auftritt mit einem Patent geschützt.

Wie eine Reality-TV-Show

Die mehr als 20 Millionen Fans der Erfolgsserie “The Apprentice”, die über Jahre zur besten Sendezeit auf NBC über die Mattscheibe flimmerte, erkennen das Markenzeichen sofort wieder.

Wie er in seiner Fernsehshow Kandidaten mit den Worten “You are fired” nach Hause schickte, verspricht Trump seinen Anhängern nun, die etablierten Politiker in Washington zu feuern.

Er versucht die Wahlen zum wichtigsten Amt der Welt, zur Reality-TV-Show zu verwandeln. Wobei der Sieger im November ins Weiße Haus einzieht.

Inszenierung der eigenen Wirklichkeit

Der Auftritt vergangenen August in Iowa lieferte einen Vorgeschmack auf einen Wahlkampf, wie ihn Amerika noch nicht erlebt hat. Mit einem Kandidaten, der die Wähler wie der Kinderbuch-Held Willy Wonka in seine wundersame Welt lockt.

Sei es mit der Verheißung, die Supermacht wieder großartig zu machen, oder sprichwörtlich - wie in Iowa - durch Rundflüge in seinem Helikopter.

Wie geht es jetzt in dem "Land der Freien" weiter?
Wie geht es jetzt in dem "Land der Freien" weiter?
Foto: REUTERS

Wie die Faschisten in den 1930er-Jahren am besten verstanden, das neue Medium Radio für ihre Propaganda zu nutzen, setzt Trump heute besser als die etablierten Konkurrenz die sozialen Medien und das Fernsehen ein, seine eigene Wirklichkeit zu inszenieren.

Mischung zwischen Berlusconi und Mussolini

Der Watergate-Enthüller Carl Bernstein sieht darin einen Schlüssel zum Verständnis des republikanischen Präsidentschaftskandidaten.

Ihn ihm träfen “Berühmtheit und Neo-Faschismus” auf “faszinierende Art” zusammen; eine amerikanische Mischung aus Silvio Berlusconi und Benito Mussolini.

Ist es Freude - oder das blanke Entsetzen?
Ist es Freude - oder das blanke Entsetzen?
Foto: REUTERS

Mit sicherem Instinkt kanalisierte Trump die Wut der weißen Kleinbürger und Arbeiter gegen das Establishment. Er spielt mit den Ängsten, Sorgen und Wünschen dieses Wählersegments, das sich von der Globalisierung bedroht fühlt, und sich die Zeiten zurückwünscht, in denen alles besser war und die Welt nach Amerika aufschaute.

Trump verkörpert die Sehnsüchte der Verlierer und derjenigen, die sich als solche betrachten. Sie hoffen, der Erfolg des Milliardärs werde im Präsidentenamt irgendwie auf sie abfärben.

Ein Unikat

Donald Trump: ein “Lehrbuchfall von Narzissmus”.
Donald Trump: ein “Lehrbuchfall von Narzissmus”.
Foto: AFP

“Ich werde so viel siegen, dass es Euch langweilig wird”, verspricht Trump in seinen mäandernden Reden, in denen er sich als Gottes Geschenk an Amerika verkauft.

“Es gibt niemanden, wie mich, niemanden”, gehört zu den Sätzen, mit denen der Kandidat seine Marke wie ein Waschmittel-Verkäufer anpreist.

Der Mann, der von Krawatten über Flugzeuge bis hin zu Wolkenkratzern überall seinen Namen anbringt, glaubt an seine eigene Herrlichkeit.

Für den klinischen Psychologen George Simon ist Trump ein “Lehrbuchfall von Narzissmus”. Er hebe Videoclips von ihm als Anschauungsbeispiel für seine Seminare auf. “Es gibt keine besseren Beispiele”.

Ratschläge vom Spiegelbild

Einmal danach gefragt, bei wem er sich Rat hole, sagte der blondierte Selbstdarsteller einem Reporter: “Bei mir selbst. Ich schaue mich im Spiegel an.” Dieser hängt gleich gegenüber seinem Schreibtisch im Trump Tower.

Eine Erklärung für die Selbstfixierung Trumps könnte die Strenge seines Vaters Fred sein, der in Queens und Brooklyn ein Imperium mit 27.000 Mietwohnungen aufgebaut hatte.

Dieser schickte den 13-jährigen Donald zur Disziplinierung auf eine Militärakademie am Hudson River. Dort muss er Uniform tragen, strammstehen, und sich von ehemaligen Feldwebeln zusammen brüllen lassen.

Trump, ein Mann mit Killer-Instinkten.
Trump, ein Mann mit Killer-Instinkten.
Foto: REUTERS

Der Vater bewunderte aber auch die “Killer-Instinkte” Donalds, die ihn von seinem älteren Bruder Robert - einem Schöngeist - und Fred - eines in jungen Jahren verstorbenen Alkoholikers - unterschieden.

Donald war mit gerade einmal 26 Jahren der auserkorene Erbe der “Trump”-Organisation, der sich nach Studium in der Bronx und der Wharton-Business School in die Fußspuren des Firmengründers begab.

Fall von Rassendiskriminierung

Mit viel Glück entging er einem frühen Rückschlag in seiner Karriere als ein Gericht 1975 in einem Fall von Rassendiskriminierung Gnade vor Recht ergehen ließ. Trump war bei einer Stichprobe aufgefallen, wie seine Verwaltung einem schwarzen Mieter eine Wohnung verweigerte, die er anschließend einem weißen anbot.

Trump während des Wahlkampfs.
Trump während des Wahlkampfs.
Foto: REUTERS

Mitte der 70er-Jahre weitete Donald das Geschäft in Manhattan aus. Von seinem Vater hatte er abgeschaut, wie er sich mithilfe einflussreicher Politiker vor Risiken absichern und lukrative Hilfen einstreichen konnte.

Mit 60 Millionen Dollar an Subventionen kaufte er das baufällige Commodore Hotel und eröffnete es 1980 renoviert als “Grand Hyatt”.

Das schöne Leben

Trump ließ sich in einem silbernen Cadillac durch die Stadt chauffieren, trieb sich in den feinsten Clubs mit hübschen Modells herum und füllte die Klatschspalten der Boulevardpresse.

Der Immobilienmogul mit seiner ersten Frau Ivana.
Der Immobilienmogul mit seiner ersten Frau Ivana.
Foto: REUTERS

Drei Jahre später, 1983, bat er die Steuerzahler einmal mehr zur Kasse. Diese subventionierten den Bau des 202 Meter hohen Trump-Towers nahe dem Central Park.

In dem Buch “The Art of the Deal”, der 51 Wochen lang die Bestseller-Liste der New York Times anführte, feierte sich Trump selber als unschlagbaren Geschäftemacher und erteilte Ratschläge in der Kunst der Verhandlung.

Die Gegner verunglimpfen

In seinem Übermut bot er sich als Unterhändler für die SALT-Atomgespräche mit der Sowjetunion an. In Oprah Winfreys Talkshow denkt er erstmals laut über eine Kandidatur für das Weiße Haus nach. “Ich bin es leid, mit anzusehen, was mit unserem Land passiert.”

Als Mann für alle Fälle steht ihm der Jurist Roy Cohn zur Seite, der früher schon den Kommunistenjäger Joseph McCarthy beraten hatte. Von diesem lernte Trump das düstere Handwerk der Verunglimpfung. Er überzeugte sich davon, dass man Lügen nur oft genug wiederholen müsse, bis sie die Leute für wahr hielten.

Ende der 1980er-Jahre überhebt sich Trump in Atlantic City mit dem für knapp eine Milliarde Dollar errichteten Spielkasino “Taj Mahal”.

Das Ende von Trumps Spielkasino "Taj Mahal" in Atlantic City.
Das Ende von Trumps Spielkasino "Taj Mahal" in Atlantic City.
Foto: REUTERS

Der Baumagnat hatte die Warnung von Analysten in den Wind geschlagen, die meinten, der Markt in dem Badeort an der Küste New Jerseys sei für sein als “achtes Weltwunder” angepriesene Projekt nicht groß genug.

Von den Banken gerettet

Der Trump-Organisation drohte der Bankrott. Und wieder hat Donald Glück. Die Banken wollen das geliehene Geld nicht abschreiben, sondern retten den Bauunternehmer vor dem Konkurs.

Kurz darauf geht seine Ehe mit seiner ersten Frau Ivana zu Ende. Die New York Post hatte auf der Titelseite über seine Affäre mit der Schauspielerin Marla Maples berichtet. Die Schlagzeile: “Der beste Sex meines Lebens”.

Mit der zweiten Frau, die Trump 1993 ehelichte, änderte er sein Geschäftsmodell. Fortan vermarktete er seine Berühmtheit. Die Risiken des Bauens überließ er überwiegend anderen.

Trump orientierte sich in das Show-Geschäft um und spielte wiederholt mit dem Gedanken, in die Politik einzusteigen.

Fremdenfeindliche Stimmungsmache

Als er am 16. Juni vergangenen Jahres mit seiner inzwischen dritten Ehefrau Melania die goldene Rolltreppe des Trump Towers herunterschwebte, um seine Präsidentschaftskandidatur bei den Republikanern anzukündigen, nahm seine Bewerbung kaum jemand ernst.

Donald und seine dritte Frau Melania.
Donald und seine dritte Frau Melania.
Foto: REUTERS

Es dauerte eine Weile ehe seine Mitbewerber und die Presse realisierten, wie sehr der Kandidat mit seinem in Europa abgeschauten National-Chauvinismus und fremdenfeindlicher Stimmungsmache einen Nerv bei den Republikanern traf.

Was andere US-Konservative zwischen den Zeilen sagen, spricht er direkt aus. Gegen den Vorwurf des Rassismus und Sexismus immunisiert sich Trump mit dem Argument, der Ernst der Lage erlaube keine “politische Korrektheit”.

Unbekümmert hetzt er gegen Muslime und Mexikaner, will die einen an der Einreise hindern und die anderen mit einer Mauer fernhalten.

Er verspricht, elf Millionen Einwanderer ohne Papiere zu deportieren, mutmaßliche Terroristen zu foltern und deren unschuldigen Familien zu bombardieren. Frauen die abtreiben, will er bestrafen.

„Ich liebe die schlecht Gebildeten”

Dass sich der bombastische Fernsehstar, dessen Marke von der Bekanntheit gleich hinter der Coca-Colas liegt, in einem Feld aus 16 blassen republikanischen Mitbewerbern bei den Vorwahlen durchsetzen konnte, überrascht nur, wer die Klientel der Republikaner nicht kennt.

Donald Trump umgeben von seiner Familie.
Donald Trump umgeben von seiner Familie.
Foto: REUTERS

Eine Partei, die in den vergangenen 30 Jahren immer weiter an den Rand rückte und zum Sammelbecken aller möglichen Rechtspopulisten geworden ist.

„Ich liebe die schlecht Gebildeten”, zog Trump auf einer Kundgebung in Nevada den Hut vor den Wählern, denen er zum guten Teil seinen Sieg bei den Vorwahlen verdankt.

Die “Trumpers” möchten sein wie er. Und sie verstehen die Sprache, die der Kandidat auf seinen Baustellen gelernt hat: Derb und direkt.

Lügen - und nochmals Lügen

Auf der Jagd nach Auflage und Einschaltquote ließen sich die US-Medien zu unkritischen Helfershelfern machen. Sie schenkten dem Kandidaten kostenlose Auftrittsflächen im Gegenwert von geschätzt zwei Milliarden US-Dollar.

Die Medien haben viel zu Trumps Aufstieg beigetragen.
Die Medien haben viel zu Trumps Aufstieg beigetragen.
Foto: AFP

Obwohl nach einer Analyse der unabhängigen Organisation “PolitiFact” Dreiviertel aller Aussagen “unwahr” sind, ließ die Presse den Schaumschläger ungeschoren davon kommen.

Viele republikanische Führer versuchen den Erfolg des “Ich”-Kandidaten schönzureden. Selbst nach seinen wenig präsidialen Auftritten in Gefolge des Terroranschlags von Orlando verbreiteten sie Zweckoptimismus. Der Kandidat werde sich schon irgendwie zum Mannschaftsspieler entwickeln.

Wie ein jähzorniger Bengel

An diesen Anblick wird man sich für die kommenden vier Jahre gewöhnen müssen.
An diesen Anblick wird man sich für die kommenden vier Jahre gewöhnen müssen.
Foto: REUTERS

Robert Trump kennt seinen jüngeren Bruder anders. Dass er sich an Regeln halte oder von anderen kontrollieren lasse, passe nicht zu dessen Charakter. “Donald war das Kind, das auf Geburtstagsfeiern den Kuchen warf”.

Die republikanischen Wähler fanden genau das attraktiv. Ob der Rest Amerikas einen Kandidaten mit dem Temperament eines jähzornigen Bengels in das
 Weiße Haus wählen will - diese Frage ist seit Dienstag beantwortet. 


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