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Der Grand Est im Auge des Corona-Sturms
International 4 Min. 24.03.2021

Der Grand Est im Auge des Corona-Sturms

Die gefürchete Triage: Das überforderte Krankenhauspersonal musste zu Beginn der Pandemie im Osten Frankreichs anfangen, zwischen den Kandidaten für Beatmungsplätze auszuwählen.

Der Grand Est im Auge des Corona-Sturms

Die gefürchete Triage: Das überforderte Krankenhauspersonal musste zu Beginn der Pandemie im Osten Frankreichs anfangen, zwischen den Kandidaten für Beatmungsplätze auszuwählen.
Foto: AFP
International 4 Min. 24.03.2021

Der Grand Est im Auge des Corona-Sturms

Der Grand Est war vor einem Jahr die am stärksten von Corona betroffene Region in Frankreich. Die Schließung der Grenze hinterließ Wunden.

Von Christine Longin (Paris)

Als Woche des Fastens und des Gebets war das Ereignis angekündigt. Mehr als 2.000 Gläubige kamen zur Einkehrwoche der Pfingstgemeinde „La Porte Ouverte“ in Mulhouse. Und sie taten dabei all das, was im Februar 2020 gefährlich war: Sich umarmen, an den Händen halten, singen. Das Corona-Virus wütete bereits in Italien, doch in Mulhouse, rund 30 Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt, war das noch gefühlt weit weg.

Bis zu jener religiösen Veranstaltung, die sich als enormer Cluster entpuppte und die Stadt zum größten Infektionsherd Frankreichs machte. Das Virus breitete sich mit voller Wucht in der gesamten Region Grand Est aus. „Uns ist Ende Februar eine Art Atombombe auf den Kopf gefallen und wir haben sie nicht gesehen“, beschrieb der damalige Leiter der regionalen Gesundheitsbehörde, Christophe Lannelongue, die Entwicklung.

In Mulhouse baute die französische Armee Ende März ein Feldlazarett mit 30 Intensivbetten auf.
In Mulhouse baute die französische Armee Ende März ein Feldlazarett mit 30 Intensivbetten auf.
Foto: AFP

Nicolas Lefebvre, Chefarzt der Infektiologie an der Universitätsklinik Straßburg, erinnert sich noch gut an jene dramatischen Wochen. Seine Abteilung identifizierte nämlich die ersten Corona-Fälle von Mulhouse. Erst einen, dann vier, dann 15. „Wir haben schnell gemerkt, dass diese Pandemie eine enorme Dynamik hat“, sagt der 45-Jährige am Telefon. Für ihn und sein Team folgten knapp zwei Monate höchster Beanspruchung mit Arbeitstagen von rund zwölf Stunden, auch am Wochenende.

Die Selektion von Patienten  

Noch schwieriger als in Straßburg war die Lage am Krankenhaus „Émile Muller“ in Mulhouse. Innerhalb weniger Tage waren die Beatmungsbetten belegt. Das überforderte Krankenhauspersonal musste anfangen, zwischen den Kandidaten für Beatmungsplätze auszuwählen. Die gefürchtete „Triage“, die Selektion von Patienten. Ende März kam dann Erleichterung durch ein Feldlazarett mit 30 Intensivbetten, das die Armee auf dem Parkplatz des Krankenhauses aufbaute. 

Außerdem wurden Patienten mit Spezialmaschinen in andere Regionen Frankreichs, aber auch nach Deutschland, nach Luxemburg und in die Schweiz ausgeflogen. Speziell dafür umgerüstete TGV übernahmen den Krankentransport Richtung Westfrankreich, wo in den Krankenhäusern noch Platz war.

Um die Krankenhäuser vor Ort zu entlasten, wurden Patienten zum Teil nach Luxemburg ausgeflogen.
Um die Krankenhäuser vor Ort zu entlasten, wurden Patienten zum Teil nach Luxemburg ausgeflogen.
Foto: AFP

Der Präsident der Region Grand Est, Jean Rottner, selbst Notfallmediziner, forderte immer wieder ausreichend Masken und Schutzkleidung für die Krankenhäuser. Viele Pfleger, Ärztinnen und Ärzte erkrankten an Covid-19, weil ihnen das Schutzmaterial fehlte. Fotos von Krankenschwestern, die sich mit zerschnittenen Müllsäcken vor dem Virus zu schützen versuchten, machten die Runde.

Französische Grenzpendler beschimpft

Deutschland reagierte schnell auf die nach oben schießenden Infektionszahlen: Mitte März schloss Innenminister Horst Seehofer ohne vorherige Absprache die Grenze zu Frankreich. In einem Gebiet, das laut dem gerade erst ratifizierten Aachener Vertrag noch mehr zusammenwachsen sollte, gingen nun die Schlagbäume nieder. Die Freundschaftsbrücke, die die beiden Dörfer Großbliederstroff und Kleinblittersdorf verbindet, wurde zum Symbol der neuen Trennung: Ein rot-weißes Plastikband markierte dort die Grenze, die die meisten Bewohner längst vergessen hatten. Auch zwischen anderen Dörfern standen plötzlich Barrieren, die absurde Szenen provozierten. 


Der Hegemon der Großregion
Die Regierung muss schnell ihre Rolle innerhalb der Großregion überdenken.

So angelte sich ein Bewohner des Dorfes Lauterbach sein Baguette über die Absperrungen hinweg mit der Angel von der französischen Bäckerin. Die freute sich über ihren treuen Kunden, doch anderswo kamen längst überwunden geglaubte Ressentiments wieder an die Oberfläche: Französische Grenzpendler wurden in Deutschland beschimpft und angefeindet. Die stellvertretende Ministerpräsidentin des Saarlandes, Anke Rehlinger, sprach von „beschämenden Auswüchsen“ und entschuldigte sich für die Vorfälle. „Sie stehen nicht für das Saarland.“

Als die Grenzen dann wieder offen waren, waren sich alle einig, dass sich die traumatische Erfahrung nicht wiederholen soll. Doch seit Ende Februar sind die Einreisebestimmungen zwischen dem Département Moselle und dem Saarland wieder verschärft. Die Übergänge bleiben diesmal offen, aber Grenzgänger müssen im Saarland einen weniger als 48 Stunden alten Test vorlegen. Für alle, die in Frankreich wohnen und in Deutschland arbeiten oder studieren, ist das ein gewaltiger Aufwand. In der Moselle grassiert die hoch ansteckende südafrikanische Virusvariante, deren Verbreitung Deutschland verhindern will. 

Im deutsch-französischen Grenzgebiet gelten seit kurzem wieder verstärkte Einreisebeschränkungen.
Im deutsch-französischen Grenzgebiet gelten seit kurzem wieder verstärkte Einreisebeschränkungen.
Foto: dpa

Die Region wird deshalb als Virusvariantengebiet eingestuft - mit allen Einschränkungen, die das bedeutet. Von einer „rüden, brutalen Entscheidung“, spricht Jean Rottner. Was er allerdings nicht sagt: Die französische Regierung kam laut einem Bericht des „Spiegel“ Zusagen nach einem strengeren Lockdown in der Region, den beispielsweise auch der Bürgermeister von Metz gefordert hatte, nicht nach. Außerdem hatte Frankreich selbst kurz zuvor die Verpflichtung eingeführt, bei Einreisen einen höchstens 72 Stunden alten PCR-Test vorzuzeigen.


Der Präsident von Grand Est: Ein Krisenmanager im Ärztekittel
Jean Rottner, der Präsident der Region Grand Est, ist selbst Arzt. In Zeiten der akuten Corona-Krise ist er zum Fürsprecher der überforderten Krankenhäuser geworden.

Dabei ist die Inzidenz in Frankreich deutlich höher als in Deutschland. Landesweit lag die Rate am Dienstag bei 307 pro 100.000 Einwohnern. Die Region Grand Est, die mehr als 6.000 Tote durch Covid-19 zählt, ist diesmal unter dem Landesdurchschnitt. Auch in den Krankenhäusern ist die Lage noch relativ stabil, während in Paris bereits wieder Patienten verlegt werden müssen. Die Kirche „La Porte Ouverte“ in Mulhouse empfängt inzwischen wieder Gläubige. Sie müssen sich allerdings vorher anmelden und Brot und Wein für das Abendmahl selbst mitbringen.


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