Der dritte König Charles
Der dritte König Charles
Die Namenswahl bei Monarchinnen und Monarchen ist nicht ganz so knifflig wie die bei Päpsten - aber fast. Während die Oberhäupter der katholischen Kirche sich aus einer Vielzahl von Heiligen und Amtsvorgängern entscheiden können, und mit der Namenswahl zumindest einen Hinweis auf ihr kirchenpolitisches Programm geben, sind designierte Könige auf ihre Taufnamen festgelegt.
König Charles III., der am Samstag als Nachfolger seiner Mutter Elizabeth II. proklamiert wurde, hätte aber zumindest die Wahl zwischen seinen vier Vornamen Charles Philip Arthur George gehabt, von denen natürlich auch jeder einzelne historisch konnotiert ist. Er entschied sich für seinen Rufnamen, unter dem ihn die Welt bereits kennt.
Die Wahl ließ Historiker und Adelsexperten aufhorchen, denn Charles I. und Charles II., Vater und Sohn aus der Stuart-Dynastie, die England im 17. Jahrhundert regierten, werden oft etwas reduziert wahrgenommen - der Vater als Tyrann, der Sohn als Playboy. Doch beide haben mit ihrer jeweiligen Regentschaft Großbritannien geprägt.
Charles I.
Charles I. aus dem Hause Stuart regierte zwischen 1625 und 1649 in England, Schottland und Irland. Die Komiker-Truppe Monty Python scherzte einmal: Das Interessanteste an ihm sei, dass er zu Beginn seiner Herrschaft rund 1,68 Meter groß war, am Ende aber nur noch etwa 1,42 Meter. Natürlich ist genau deswegen noch mehr an ihm interessant: Charles I. ist der einzige britische König, dessen Herrschaft zu einer Revolution und der Abschaffung der Monarchie führte. Er selbst wurde 1649 im Alter von 48 Jahren wegen Hochverrats geköpft.
Dem vorausgegangen war 1642 sein Versuch, fünf Parlamentarier durch 400 Soldaten unter Waffen im Unterhaus verhaften zu lassen. Der König selbst hatte den Einmarsch ins Parlament angeführt, doch die fünf Gesuchten konnten fliehen. Dieser erfolglose königliche Staatsstreich, ein klarer Verfassungsbruch, führte nicht nur zur seither streng beachteten Tradition, dass kein Monarch den Sitzungssaal des Unterhauses zu betreten hat.
In direkter Folge war die Aktion auch der Auslöser eines siebenjährigen Bürgerkriegs. Auf der einen Seite standen der absolutistisch gesinnte König und seine Anhänger („Cavaliers“), auf der anderen die des Parlaments („Roundheads“). Es ging um die Macht des Parlaments, aber auch um das Verhältnis der verschiedenen religiösen Strömungen Anglikanismus, Puritanismus, Presbyterianismus und Katholizismus zueinander. Die Royalisten verloren die militärische Auseinandersetzung gegen Oliver Cromwells Parlamentsarmee, die „New Model Army“.
Am 30. Januar 1649 wurde Karl I. in London enthauptet, wenige Wochen später erklärte das Unterhaus England zur Republik unter Führung des Puritaners Cromwell.
Charles II.
Der Sohn von Charles I. war schon als Jugendlicher während des Bürgerkriegs ins Exil gegangen; nach dem Tod seines Vaters wurde er zwar 1649 in Jersey zum König proklamiert, hatte aber während der elf Jahre bestehenden Republik kein Land. Bis 1660 lebte er in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Deutschland, im Mai 1660 zog er, nach dem Ende der Republik vom Parlament mit der Königswürde ausgestattet, in London ein.
Mit Charles II. begann die Epoche der Restauration, er war der letzte britische König, der absolutistisch regierte - oder das zumindest versuchte, denn im Vergleich zu seinem Vater war seine Macht deutlich eingeschränkt. Charles II. war auf die Zustimmung des Parlaments mehr denn je angewiesen, die konstitutionelle Monarchie als prägendes Herrschaftsprinzip entwickelte sich.
In die Regentschaft Charles II. fällt nicht nur die politische Restauration, sondern auch eine gesellschaftliche: Die Puritaner unter Cromwell hatten öffentliche Vergnügungen abgeschafft, Theater geschlossen und Weihnachtsfeiern bei Strafe verboten. Die Republik hatte gegen Ende einer Militärdiktatur geglichen. Charles machte diese Regeln rückgängig, öffnete die Theater, schaffte die Pressezensur ab – und ließ sogar Cromwells Leiche 1661 exhumieren und den seit drei Jahren toten ehemaligen Lordprotektor symbolisch enthaupten.
Charles I. soll klein, schüchtern, linkisch und mit einem Sprachfehler behaftet gewesen sein. Sein Sohn Charles II. dagegen wird als groß gewachsen und sehr attraktiv beschrieben. Der jüngere Charles war berühmt-berüchtigt für seine zum Teil zeitgleichen Affären mit zahlreichen Mätressen, aus denen eine zweistellige Anzahl Kinder entstammt. Diese erkannte er fast alle an. Die „Dunkelziffer“ von Kindern, die er nicht mit „offiziellen“ Mätressen zeugte, ist zudem immens, von bis zu 350 ist die Rede. Interessantes Detail: Beide Ehefrauen des neuen Königs Charles III., Diana, Princess of Wales und Königsgemahlin Camilla sind Nachkommen von Charles II. Thronerben zeugte Charles bis zu seinem Tod 1685 indes nicht, ihm folgte sein jüngerer Bruder James II. auf den Thron.
Charles II. nur auf seine zahlreichen Liebschaften zu reduzieren, greift allerdings viel zu kurz. Zwar geht sein Beiname „The Merry Monarch“, der fröhliche König, natürlich auf seinen Hang zu feinen Speisen und Getränken, schönen Frauen und Feierlichkeiten, auch gerne mit dem einfachen Volk, zurück. In seiner Herrschaft war er unter anderem mit dem letzten großen Ausbruch der Pest in England 1665/66 konfrontiert; gleich im Anschluss folgte „The Great Fire of London“, die Feuersbrunst, die London fast komplett zerstörte und rund 100.000 Menschen obdachlos machte.
Charles war ein großer Förderer der Künste und Wissenschaften, er unterstützte die 1660 gegründete „Royal Society“, der die späterhin berühmten Wissenschaftler Isaac Newton und Robert Boyle angehörten. Und er förderte persönlich den Architekten Christopher Wren, ebenfalls Gründungsmitglied der Royal Society, der London nach dem Großbrand wieder aufbaute und der Stadt ihr heute noch erkennbares Gesicht gab.
Auch außenpolitisch gelingen ihm Erfolge: 1664 erobert die Royal Navy die holländische Kolonie Nieuw Amsterdam, die daraufhin in New York umbenannt wird. Und auch mit friedlicheren Mitteln vergrößert sich das Empire: Charles heiratet die portugiesische Prinzessin Katharina von Braganza. Zwar bleibt die Ehe kinderlos, allerdings bringt die Prinzessin die Hafenstädte Tanger (Marokko) und Bombay (heute Mumbai, Indien) als Mitgift ein.
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