Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Der Dompteur von Westminster: John Bercow verlässt Parlament
International 1 4 Min. 30.10.2019 Aus unserem online-Archiv

Der Dompteur von Westminster: John Bercow verlässt Parlament

John Bercow kämpfte an seinem vorletzten Arbeitstag mit den Tränen.

Der Dompteur von Westminster: John Bercow verlässt Parlament

John Bercow kämpfte an seinem vorletzten Arbeitstag mit den Tränen.
Foto: AFP
International 1 4 Min. 30.10.2019 Aus unserem online-Archiv

Der Dompteur von Westminster: John Bercow verlässt Parlament

Schrille Krawatten, wortgewaltig und von hohem Unterhaltungswert: John Bercow gibt sein Amt als Präsident des britischen Unterhauses auf. Im Streit um den Brexit hat er eine gewichtige Rolle gespielt.

(dpa/jt) - Seine markanten „Ordeeer“-Rufe werden fehlen. Der kleine John Bercow hat sich mitten im Brexit-Streit nicht nur mit seiner markanten Stimme zur großen Kultfigur gemausert. Am Donnerstag ist sein letzter Tag als Präsident des britischen Unterhauses; er hat nach über zehn Jahren genug.

Irgendwann sei mal Schluss. Er habe es seiner Familie - seiner Frau Sally und den drei Kindern - versprochen, sagte der umtriebige „Speaker of the House of Commons“. Als er sich am Mittwoch bei einer seiner letzten Sitzungen für deren Unterstützung bedankte, konnte er die Tränen kaum zurückhalten.

Ich fürchte, ich bin ein Marmite-Charakter, man liebt mich - oder man hasst mich.

John Bercow über sich selbst

Selbst Premierminister Boris Johnson, der mit Bercow häufig über Kreuz lag, würdigte den Parlamentssprecher am Mittwoch in einer launigen Rede als "großartigen Diener dieses Parlaments und des Unterhauses". Mit seinen scherzhaften Bemerkungen, Bercow habe in dieser Sitzungsperiode "die Zeit weiter gedehnt als Stephen Hawking" und den "wohl längsten Abgang seit Frank Sinatra" hingelegt, erntete Johnson viele Lacher.


An Bercow scheiden sich die Geister: Die einen lieben ihn über alles und loben seine Art, das Unterhaus in die richtigen Bahnen zu lenken, wenn es wieder mal so richtig hoch hergeht. Selbst im Ausland hat er viele Fans, die am Fernseher seine Auftritte im Parlament staunend verfolgten. Die anderen halten ihn für einen viel zu europafreundlichen Politiker, der sogar eine mehr als 400 Jahre alte Regel herauskramte, um eine Entscheidung zum Brexit-Abkommen der früheren Premierministerin Theresa May zu begründen. Als Speaker leitet Bercow die Debatten im Unterhaus und passt unter anderem auf, dass die Parlamentarier nicht gegen Regeln verstoßen.

Anhaben konnten ihm seine Kritiker aber nichts. Im Gegenteil: Seine eigene Rolle im Drama um den EU-Auftritt gefiel dem Exzentriker sichtlich. Seine „Waffen“ waren stets die Rhetorik, die er von seinem Vater, einem Taxifahrer, gelernt hat, und eine große Portion Gewieftheit. So wurde er auch von seinen Gegnern wahrgenommen. Seinen Vorgängern - Bercow ist der 157. Speaker - erging es mitunter anders: Sie wurden geköpft.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Auch die ganz Großen machten Bercow keine Angst, jedenfalls nicht erkennbar. So bekam er denn auch viel Beifall für seine Ankündigung, Donald Trump bei einem Staatsbesuch nicht im Parlament zu empfangen. Indirekt warf er dem US-Präsidenten Rassismus und Sexismus vor.

Selbst wenn er in harte Auseinandersetzungen im Parlament eingriff, war immer noch ein verschmitztes Grinsen auf seinem Gesicht zu erkennen. Nur bei seiner Rücktrittsankündigung wirkte er emotional: „Während meiner Zeit als Sprecher habe ich versucht, die relative Autorität des Parlaments zu erhöhen, wofür ich mich absolut bei niemandem, nirgendwo, zu keiner Zeit entschuldigen werde.“


HANDOUT - Zum Themendienst-Bericht von Christoph Driessen vom 10. Oktober 2019: In diesem Saal wird derzeit recht leidenschaftlich debattiert: das Unterhaus. Der Raum ist in Wirklichkeit enger als er erscheint. Foto: UK Parliament/dpa-tmn - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung des vorstehenden Credits - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++
Zu Besuch im Unterhaus
Das britische Parlament mit seinen eigenwilligen Gepflogenheiten hat durch die Brexit-Debatten viel Interesse auf sich gezogen. Wer einmal selbst im Unterhaus gestanden hat, versteht manches besser.

Bercow redet „zu gern und im Zweifel zu viel“, wie er einräumte. Schon als Kind las er Zeitung, kandidierte für das Schülerparlament und protestierte gegen das Schulessen. Die spätere Premierministerin Margaret Thatcher – die Eiserne Lady – überzeugte den Jungen, den Konservativen beizutreten. Bercow entwickelte sich im Laufe der Zeit aber eher zum Partei-Rebellen, auch äußerlich. Neben seinem Redetalent fiel er auch durch schrille Krawatten auf. Auf die damals übliche Perücke des Präsidenten verzichtete Bercow.

Geliebt und gehasst

Doch es gab auch immer wieder massive Vorwürfe von Ex-Mitarbeitern und Kollegen gegen den 56-Jährigen. Sein Ex-Privatsekretär Angus Sinclair etwa behauptete, Bercow habe ihn vor anderen Mitarbeitern angeschrien. Mehrere Parlamentarierinnen soll er beleidigt haben.

„Ich fürchte, ich bin ein Marmite-Charakter“, sagte Bercow im Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Der britische Brotaufstrich wird von den einen geliebt, von den anderen gehasst.

Liebe über Parteigrenzen hinweg: John Bercow mit seiner Frau Sally.
Liebe über Parteigrenzen hinweg: John Bercow mit seiner Frau Sally.
Foto: Kirsty O'Connor/PA Wire/dpa

Für Aufsehen sorgte auch sein Familienleben: Ehefrau Sally, die Bercow um einen Kopf überragt und eine Anhängerin der oppositionellen Labour-Partei ist, fiel mehrfach mit erotischen Fotos und frivolen Äußerungen auf. Ihr Einzug ins Big-Brother-Haus löste bei ihrem Mann keine Begeisterung aus - er packte die Sachen und reiste nach Indien.


A video grab from footage broadcast by the UK Parliament's Parliamentary Recording Unit (PRU) shows Speaker of the House of Commons John Bercow chairing after the results of a motion for an early parliamentary general election, a motion that did not carry, were announced in the House of Commons in London on September 10, 2019. - British MPs rejected a second attempt by Prime Minister Boris Johnson on September 10 to call an early election to break the Brexit deadlock, in a final show of defiance before he controversially suspends parliament. (Photo by HO / PRU / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT " AFP PHOTO / PRU " - NO USE FOR ENTERTAINMENT, SATIRICAL, MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS - EDITORS NOTE THE IMAGE HAS BEEN DIGITALLY ALTERED AT SOURCE TO OBSCURE VISIBLE DOCUMENTS
Tumult im Unterhaus: John Bercow und der fliegende Flamingo
Unter wütenden Protesten von Abgeordneten geht das britische Parlament in eine fünfwöchige Zwangspause. Speaker John Bercow hält frühmorgens eine bitterböse Ansprache.

Sein letzter Arbeitstag als Präsident des Unterhauses wird für Bercow ziemlich normal verlaufen, wie eine Sprecherin seines Büros sagte. Er leite die Debatten wie immer. Der Vorsitzende des Unterhauses, Jacob Rees-Mogg, und andere wollen ihm zum Abschied wohlwollende Worte mit auf den Weg geben. „Bercow wird seinen letzten Tag gegen 18.00/18.30 Uhr (MEZ) beenden“, so die Sprecherin. Am Montag soll seine Nachfolge gewählt werden. „Acht bis zehn Personen haben Interesse bekundet.“

Doch kein endgültiger Abgang?

Abgeordnete fragten am Dienstagabend Bercow, ob er wegen der Neuwahl nicht doch noch ein paar Tage länger sein Amt ausüben könne. Das sei nicht sein Bestreben, sagte Bercow. Ganz ausschließen wollte er das aber auch nicht, falls er offiziell darum gebeten werde. Seine Sprecherin betonte am Mittwoch: „Bislang bleibt es beim Plan.“

Da die Regierung von Premierminister Boris Johnson keine Mehrheit im Unterhaus hat, dürfte sie wieder mit einem für sie unangenehmen Präsidenten konfrontiert werden. Wer immer es wird: Der nächste Speaker wird in die großen Fußstapfen des kleinen Bercow treten müssen.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Der Nachfolger von John Bercow
Der neue Speaker des Unterhauses, Lindsay Hoyle, ist ein weniger bunter Charakter als sein Vorgänger John Bercow. Seine ruhige Art wird ihm helfen, die kommenden Brexit-Debatten zu meistern.
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger John Bercow, der zu einem der bekanntesten Gesichter im Brexit-Drama wurde, ist Hoyle ein weniger auffälliger Charakter.
Theresa Mays gefährlichste Gegner im Ringen um den Brexit
Er ist ein glühender Verteidiger der parlamentarischen Demokratie, sie will mit allen Mitteln einen Brexit ohne Abkommen verhindern: Parlamentssprecher John Bercow und die Labour-Abgeordnete Yvette Cooper sind derzeit Theresa Mays gefährlichste Gegner.
Parlamentssprecher John Bercow und die Labour-Abgeordnete Yvette Cooper sind derzeit Theresa Mays gefährlichste Gegner im Brexit-Kampf.