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Der Beiruter Quizmaster und die Stadt im Jemen
International 3 Min. 12.11.2021 Aus unserem online-Archiv
Libanon

Der Beiruter Quizmaster und die Stadt im Jemen

Ein Porträt des libanesischen Informationsministers George Kordahi ist auf einer Plakatwand in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa zu sehen.
Libanon

Der Beiruter Quizmaster und die Stadt im Jemen

Ein Porträt des libanesischen Informationsministers George Kordahi ist auf einer Plakatwand in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa zu sehen.
Foto: AFP
International 3 Min. 12.11.2021 Aus unserem online-Archiv
Libanon

Der Beiruter Quizmaster und die Stadt im Jemen

Wie Saudi-Arabien und Iran ihren regionalen Machtkampf auf dem Rücken der libanesischen Bevölkerung austragen.

Von Michael Wrase

Als Moderator der arabischen Version von „Wer wird Millionär“ gehörte George Kordahi zu den bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten im Nahen Osten. Mehr als zehn Jahre moderierte der libanesische Christ die populäre Gameshow, bis er zu Beginn des Arabischen Frühlings von seinem Arbeitgeber, dem saudischen Medienkonzern MBC, entlassen wurde. Kordahi hatte bei einem Vortrag in Damaskus im Jahr 2011 Staatschef Baschar al-Assad als einen „echten Reformer“ gepriesen.

Interview sorgt für diplomatischen Eklat

Zehn Jahre später sorgt der inzwischen in die Politik gewechselte Entertainer erneut für Schlagzeilen: Einen Monat vor seiner Berufung zum libanesischen Informationsminister hatte der 71-Jährige in einem Interview mit dem katarischen Fernsehsender Al-Dschasira Saudi-Arabien als „Aggressor in einem absurden Krieg“ bezeichnet und behauptet, die Huthis würden sich nur verteidigen.

Als das Interview vor drei Wochen ausgestrahlt wurde, zogen Saudi-Arabien, die Emirate, Bahrain und Kuwait ihre Botschafter aus Beirut ab und forderten die libanesischen Diplomaten zum Verlassen des Landes auf. Jeglicher Handel mit dem Libanon wurde eingestellt. Zudem steht zu befürchten, dass Zehntausende von gut verdienenden Libanesen ihre Arbeit in den arabischen Golfstaaten verlieren könnten.

Der Grund für die Wut der Saudis sei der wachsende Einfluss der Hisbollah im Jemen, wo die schiitischen Huthis kurz vor der Einnahme der Ölprovinz Marib stünden.

Die Reaktionen der Saudis auf das Interview, das Kordahi vor seiner Berufung zum Informationsminister gegeben hatte, da sind sich alle politischen Beobachter im Libanon einig, waren völlig überzogen. Tatsächlich geht es bei dem Streit auch nicht um das Interview, betont Ahmed Nagi in einer Analyse für das Carnegie Middle East Center. Der Grund für die Wut der Saudis sei der wachsende Einfluss der Hisbollah im Jemen, wo die schiitischen Huthis kurz vor der Einnahme der Ölprovinz Marib stünden.

Die Saudis hätten dann den Krieg im Jemen endgültig verloren, analysiert der amerikanische Diplomat und Nahostexperte David Schenker: „Das ist das schlimmste Szenario, das für Riad eintreten kann“. Um zu retten, was vermutlich nicht mehr zu retten ist, versuchen die Saudis daher, die Bündnispartner der Huthis im Libanon, die pro-iranische Hisbollah, unter Druck zu setzen. Diese seien aus der Perspektive von Riad für die Erfolge der jemenitischen Schiitenmiliz verantwortlich, schreibt Ahmed Naggi.


14.08.2021, Libanon, Beirut: Die Menschen stehen vor einer Bäckerei Schlange, um Brot zu kaufen, während das Land aufgrund von Treibstoffmangel und Stromausfällen inmitten einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen der letzten Zeit steckt. Foto: Marwan Naamani/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Allerdings bezweifelt auch der Carnegie-Analyst, dass die gegen den gesamten Libanon gerichteten Vergeltungsmaßahmen der Saudis zu Fortschritten im Jemen (im Sinne von Riad) führen würden. Einen Deal „Beirut für Marib“ werde es vermutlich nicht geben.

Einlenken ist keine Option

Trotzdem wollen die Saudis ihren seit Jahren geführten Stellvertreterkrieg mit Iran, dem Mentor der Huthis und der Hisbollah, weiterhin auf dem Rücken der gesamten libanesischen Bevölkerung austragen. Es sei schließlich die Hisbollah, die im Libanon das Sagen habe, betonte der saudische Außenminister Faisal bin Farhan Al Saud zu Wochenbeginn stur. Beziehungen mit dem Libanon wären daher „völlig sinnlos“.

Auch für Iran kommt ein Einlenken im Dauerstreit mit den Saudis nicht in Frage. Das würde so kurz vor einem Erfolg der Huthis in Marib niemand verstehen, unterstreicht die International Crisis Group in einem aktuellen Bericht zur Lage im Jemen. Auch der vom Quizmaster zum Informationsminister aufgestiegene George Kordahi sieht keinen Grund dafür, sich bei den Saudis für seine kritischen, aber nicht völlig unzutreffenden Bemerkungen zu entschuldigen.


A picture taken on May 3, 2021 shows a giant portrait of President Bashar al-Assad at the Sabaa Bahrat square in Syria's capital Damascus ahead of this month's presidential elections. - A Syrian former minister and a member of the Damascus-tolerated opposition will face Bashar al-Assad in this month's presidential election, the constitutional court said Monday. The Assad-appointed body approved only three out of 51 applications to stand in the May 26 ballot, among them the 55-year-old president himself, (Photo by LOUAI BESHARA / AFP)
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Seinen Rücktritt, der ein erster Schritt zur Wiederannäherung mit Riad sein könnte, schließt der Minister bislang ebenfalls aus. Einfache Libanesen bezeichnen Kordahis Verhalten als „rücksichtslos“. Wieder einmal zahlten jetzt die einfachen Libanesen den Preis dafür, dass Minister sich weigerten, Verantwortung zu zeigen, empörte sich die libanesische Sängerin Elissa.

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The deaths are the latest among hundreds that the coalition says have been killed in recent fighting around Marib, and come during a second week of reported intense bombing. (Photo by AFP)
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Commune of Ranobe, Amboasary District.

People in the south-east of Madagascar are facing the most acute nutritional and food crisis the region has seen in recent years. MSF began setting up mobile clinics in Amboasary district in late March to screen and treat acute malnutrition in remote villages like those of Ranobe commune, providing ready-to-use therapeutic food and medical care. 

Fanny Taudière, 29, is carrying out her first mission as a doctor with MSF. She is the only doctor on the Ranobe mobile clinic.
Patients with urgent medical issues, but who aren’t included in the nutrition programme, also receive treatment. This is a medical desert, and often there’s no health care available or people can’t afford it. We’re seeing more and more cases of malaria.
All in all, the situation is dire. We have entire families, all of them undernourished, arriving at our mobile clinics. Even when we think we’ve covered an area, people keep coming. They walk here from further and further away and sleep overnight so that they can get treatment.
I remember one patient in particular, a mother who came with her 6-month old baby. Her daughter was suffering from acute severe malnutrition and medical complications. She weighed 3.2 kilos – less than half of what a baby her age should weigh – and her mid upper arm circumference was 75mm, which is tiny. She was also extremely dehydrated. A child in her condition should be hospitalised in an intensive nutritional rehabilitation centre, as outpatient care in our mobile clinic with one consultation every 14 days isn’t enough. But, the centres are a long way from the villages where we work and, when we suggested organising her referral to hospital, her parents refused, which compromised her chances of survival. Transport is provided, but families can’t afford to spend several days away from their villages and activities to live near the centres – food especially is a problem – the time it takes for the treatment. So
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