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Dauerlösung für Rohingya in weiter Ferne
International 5 Min. 23.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Dauerlösung für Rohingya in weiter Ferne

Rund 100.000 Rohingya sollen auf die Insel Bhasan Char an der Küste Bangladeschs umgesiedelt werden.

Dauerlösung für Rohingya in weiter Ferne

Rund 100.000 Rohingya sollen auf die Insel Bhasan Char an der Küste Bangladeschs umgesiedelt werden.
Foto: Getty Images
International 5 Min. 23.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Dauerlösung für Rohingya in weiter Ferne

Françoise HANFF
Françoise HANFF
Friendship-Luxembourg-Präsident Marc Elvinger über das Schicksal der Rohingya, die aus Myanmar nach Bangladesch geflüchtet sind.

Aus Furcht vor brutalen Übergriffen des Militärs flohen im Sommer 2017 etwa 700.000 Rohingya von Myanmar nach Bangladesch. Heute lebt dort rund eine Million Flüchtlinge der muslimischen Minderheit, vornehmlich in den Lagern von Cox's Bazar, im Südosten des Landes. Marc Elvinger, Präsident von Friendship Luxembourg, hat die Gegend mehrmals bereist und war auch auf der Insel Bhasan Char, auf die rund 100.000 Geflüchtete umgesiedelt werden sollen – eine Aktion, die international in der Kritik steht.

Marc Elvinger, Sie waren im Februar auf Bhasan Char. Wie kann man sich die Insel vorstellen?

Bhasan Char hat ähnliche Merkmale wie andere Inseln entlang der Küste Bangladeschs, mit dem Unterschied, dass sie erst seit rund 20 Jahren besteht. Sie ist auch nicht weiter entlegen als umliegende Inseln. In der internationalen Presse bekommt man den Eindruck, dass Bhasan Char irgendwo verloren im Meer und Stürmen und Überschwemmungen besonders stark ausgesetzt ist. Es stimmt, dass diese Insel so wie andere Inseln dort und auch die gesamte Küstengegend des Landes Stürmen und Überschwemmungen ausgesetzt sind. Aber das ist das gemeinsame Schicksal der gesamten Region und aller Menschen, die dort leben.

Marc Elvinger ist seit zehn Jahren Präsident von Friendship Luxembourg.
Marc Elvinger ist seit zehn Jahren Präsident von Friendship Luxembourg.
Foto: Lex Kleren

Die Regierung Bangladeschs hat auf Bhasan Char eine Infrastruktur errichtet, in der bis zu 100.000 Menschen wohnen können. Es handelt sich dabei um Ansammlungen von jeweils acht Reihenhäusern mit insgesamt 16 Wohnungen, die um einen höher gelegenen Zyklonen-Schutzraum herumgebaut sind. Ferner gibt es Gebäude für zwei Kliniken und Schulen. Friendship betreibt zurzeit eine Krankenstation dort. Momentan befinden sich 12.000 bis 13.000 Flüchtlinge auf Bhasan Char. Hinzu kommen die Mitarbeiter von 43 lokalen Nichtregierungsorganisationen, von denen jedoch noch nicht alle operationell aktiv sind.

Wie erklären Sie sich die schlechte Presse über Bhasan Char?

Ich glaube, da ist eine ungesunde Dynamik entstanden. Bislang hat die UNO einer Unterstützung für Bhasan Char nicht zugestimmt, weil sich die Organisation bis vergangene Woche nicht in der Lage sah, die notwendigen Überprüfungen durchzuführen, um zu entscheiden, ob die Umsiedlung eines Teils der Flüchtlinge den internationalen Standards entspricht.

Auch die Tatsache, dass es sich um eine Insel handelt, spielt eine Rolle. Diesbezüglich entspricht die Bewegungsfreiheit der Umgesiedelten nicht jener, die auf dem Festland in Cox's Bazar in den Flüchtlingslagern leben – auch wenn diese sich prinzipiell in Bangladesch nicht bewegen dürfen, wie sie wollen.


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Auch die Freiwilligkeit des Umzugs ist Teil der Diskussion. Dabei war eine Episode ganz am Anfang der Umsiedlung entscheidend. Die ersten Flüchtlinge, die nach Bhasan Char gebracht wurden, waren Personen, die die Lager von Cox's Bazar verlassen und versucht hatten, mit Schiffen Malaysia zu erreichen. Dort durften sie jedoch nicht an Land gehen. Nach einer wochenlangen Irrfahrt auf dem Meer nahm Bangladesch die Geflüchteten wieder auf und transferierte sie nach Bhasan Char – für die meisten oder gar alle gegen ihren Willen. Diese Zwangsansiedlung ist das, was von dem Ereignis in Erinnerung bleibt. Dass weder Malaysia noch Thailand die Flüchtlinge aufnehmen wollten, davon spricht niemand. Diese Zwangsansiedlung betraf eine kleine Anzahl von Leuten – 250 bis 300 Personen. 

Im Zentrum der einzelnen Wohnblocks stehen höher gelegene Zyklonen-Schutzräume.
Im Zentrum der einzelnen Wohnblocks stehen höher gelegene Zyklonen-Schutzräume.
Foto: Runa Khan

Es gibt keinen Grund zu glauben, das die Menschen, die mittlerweile nach Bhasan Char gekommen sind, hierzu gezwungen wurden. Wenn Sie sich Cox's Bazar anschauen, dann ist es nicht verwunderlich, dass Menschen bereit sind, dorthin umzuziehen, wo die Infrastruktur besser ist. Die Wohnungen in Cox's Bazar und Bhasan Char sind nicht vergleichbar.

Warum werden die Flüchtlinge nach Bhasan Char umgesiedelt?

In Cox's Bazar lebt rund eine Million Menschen, es werden aufgrund von Geburten immer mehr. Wir sprechen dabei nicht von der Ortschaft Cox's Bazar, sondern von dem gleichnamigen Distrikt. Die Camps sind eher im Hinterland angesiedelt – in einer hügeligen Gegend mit einem hohen Erdrutsch-Risiko. Dort eine längerfristige Infrastruktur zu schaffen, ist schwer vorstellbar. Die Gegend befindet sich direkt an der Grenze zu Myanmar, es gibt große Probleme mit Drogen- und anderem Schmuggel. Es ist einfach eine Mega-Konzentration von Menschen auf engstem Raum unter schwierigen Bedingungen.

Wie sieht die lokale Bevölkerung die Aufnahme von rund einer Million Rohingya?

Am Anfang wurden die Flüchtlinge willkommen geheißen. Als in ein paar Wochen rund 700.000 neue Schutzsuchende kamen, wurden diese von der lokalen Bevölkerung quasi durchgefüttert. Mittlerweile haben sich Spannungen entwickelt, insbesondere weil in der Wahrnehmung der Einheimischen die Hilfe von außen vor allem den Flüchtlingen zugutekommt. Und die dort lebenden Bangladescher sind alles andere als reich. Es wird aber vieles getan, um auch die lokalen Bewohner zu unterstützen. Aber durch die Krise und die Anwesenheit der Hilfsorganisationen vor Ort sind die Preise in Cox's Bazar stark gestiegen. Hinzu kommen Sicherheitsprobleme. Zudem wird die Kritik an den Umsiedlungen nach Bhasan Char in Bangladesch als unfair aufgenommen.

Friendship betreibt zurzeit eine Krankenstation auf Bhasan Char.
Friendship betreibt zurzeit eine Krankenstation auf Bhasan Char.
Foto: Runa Khan

Der Konflikt zwischen der UNO und der Regierung in Dhaka um die Unterstützung der Rohingya auf Bhasan Char ist offenbar beigelegt?

Als Vorbedingung für eine Unterstützung verlangte die UNO eine humanitäre und technische Überprüfung der Lebensumstände der Flüchtlinge auf der Insel. Vergangene Woche reiste eine Delegation der Vereinten Nationen vor Ort. Aus einem „dialogue des sourds“ wird nun hoffentlich ein „dialogue effectif“.

Wie hoch ist das UN-Budget für die Rohingya?

Insgesamt wird für 2021 eine Milliarde Dollar für 850.000 Rohingya und 440.000 Einheimische benötigt – zurzeit sind diese zu 68 Prozent finanziert.

Ist eine Lösung für das Problem der Rohingya mit dem Militärputsch in Myanmar in weite Ferne gerückt?


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Eine Lösung ist damit noch weniger in Sicht als vor dem Putsch. Auch davor hat sich in der Praxis nichts bewegt. Der Militärputsch hat verdeutlicht, dass es längerfristig oder vielleicht sogar definitiv keine Rückkehrperspektive gibt. Man sollte das aber vonseiten Myanmars nicht unbedingt so akzeptieren. Es ist fraglich, wie lange die Rohingya in Cox's Bazar bleiben können. Dabei ist Bhasan Char ebenfalls nur eine provisorische Lösung – auch in den Augen der Regierung Bangladeschs, was international möglicherweise nicht richtig verstanden wurde.

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