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Das italienische Modell: Was Europa zum Umgang mit Corona lernen kann
International 3 Min. 17.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Das italienische Modell: Was Europa zum Umgang mit Corona lernen kann

Patienten in der neu geschaffenen Corona-Intensivstation einer Klinik in Brescia/ Lombardei.

Das italienische Modell: Was Europa zum Umgang mit Corona lernen kann

Patienten in der neu geschaffenen Corona-Intensivstation einer Klinik in Brescia/ Lombardei.
Foto: AFP
International 3 Min. 17.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Das italienische Modell: Was Europa zum Umgang mit Corona lernen kann

Die Italiener reagieren in bewundernswürdiger Art und Weise auf die Corona-Epidemie, findet unser Korrespondent. In Notlagen wächst das Land regelmäßig über sich hinaus. Eine Analyse.

Von LW-Korrespondent Dominik Straub (Rom)

2.150 Menschenleben hat die Epidemie in Italien bisher (Stand Montagabend) gefordert. Das entspricht fast dem Vierfachen aller Todesopfer bei den drei letzten großen Erdbeben in L'Aquila (2009), in der Emilia-Romagna (2012) und in Mittelitalien (2016) zusammengenommen. Die Toten müssen wegen der Quarantäne-Vorschriften in Abwesenheit ihrer Angehörigen bestattet werden. 

10.000 Covid-19-Patienten kämpfen in den Intensivstationen um ihr Leben. Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, hat die Regierung schon vor einer Woche über das ganze Land eine Ausgangssperre verhängt. Und was tun die Italienerinnen und Italiener? Sie treten auf die Balkons, um ein Ständchen zu halten und um den Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern zu applaudieren, die sich in 18-Stunden-Schichten für ihre Patienten aufopfern.

Im nordwestitalienischchen Alba hat eine Textilfabrik kurzfristig auf die Produktion von Schutzmasken aus Baumwolle umgestellt.
Im nordwestitalienischchen Alba hat eine Textilfabrik kurzfristig auf die Produktion von Schutzmasken aus Baumwolle umgestellt.
Foto: AFP

In diesen Tagen der Sorge und der Trauer zeigt sich das große Herz der Italiener: Sie singen die Nationalhymne und das Partisanenlied "Bella Ciao", aber auch Volks- und Liebeslieder, um sich trotz der verordneten physischen Distanz nahe zu fühlen, um sich solidarisch zu zeigen.

Und um sich selber und den Mitmenschen im ganzen Land Mut zu machen: "Andrà tutto bene" steht millionenfach auf Zetteln in den Fenstern und auf Plakaten auf den Mauern: Es wird alles gut. Die Solidarität der Italiener gilt ganz vor allem denjenigen, die vom Virus besonders bedroht sind: den Alten und Schwachen.

Ausgeprägt ist die Sorge um die Betagten insbesondere im Süden des Landes: "Für uns sind die ,nonni' (Großeltern) das Wertvollste, was wir haben: Sie wissen mehr als wir, und sie sind die Bewahrer unserer Familien- und Lebensgeschichte", sagt die Anthropologin Chiara Tommasello aus Reggio Calabria. "Aufgrund des Respekts und der Sorge um unsere Großeltern fällt es uns leichter, die von der Regierung verordneten Restriktionen einzuhalten."

Mit einer Schutzmaske geht ein Kunde auf einem Obst- und Gemüsemarkt in Rom einkaufen.
Mit einer Schutzmaske geht ein Kunde auf einem Obst- und Gemüsemarkt in Rom einkaufen.
Foto: AFP

Es ist in der Tat erstaunlich und bewundernswert, wie strikt und ohne zu murren sich die sonst so geselligen Italiener an das Verbot sozialer Kontakte halten. Regierungschef Giuseppe Conte hat betont, dass er "stolz auf das Verhalten der Italiener" sei. Er ist es zu Recht. Auch Conte selber hat in der Krise an Statur gewonnen. Der 55-jährige Rechtsprofessor aus Apulien, der vor eineinhalb Jahren zu seiner eigenen Überraschung Ministerpräsident geworden war, musste auf eine Notlage ohnegleichen reagieren und die einschneidendsten Restriktionen verfügen, die das Land seit der Gründung der Republik gesehen hat.


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Conte gelang es, trotz der explodierenden Fallzahlen den Überblick zu behalten, die richtigen Worte zu finden und sich als Krisenmanager zu bewähren. Unter Conte hat Italien - wie sowohl die WHO als auch die für die Gesundheit zuständige EU-Kommissarin Stella Kyriakides attestieren - alles in allem die richtigen Maßnahmen ergriffen.

Und es scheint, dass sich die Restriktionen allmählich auszahlen: Absolut gesehen steigen die Fallzahlen zwar auch in Italien weiterhin massiv an - aber die Zahl der Infizierten verdoppelt sich nun nicht mehr alle zwei bis drei Tage, sondern nur noch alle fünf Tage. Die Epidemiologen und Virologen warnen im Moment noch vor voreiligem Optimismus: Ob demnächst der Höhepunkt der Fallzahlen erreicht sein wird, werde sich wohl erst am Wochenende zeigen.

Auch in einer Textilfabrik in Govone im Nordwesten Italiens wurde die Produktion kurzfristig auf die Herstellung von Masken umgestellt.
Auch in einer Textilfabrik in Govone im Nordwesten Italiens wurde die Produktion kurzfristig auf die Herstellung von Masken umgestellt.
Foto: AFP

Als die Epidemie ausbrach und die Regierung zuerst elf Kleinstädte, dann die zwei wirtschaftlich stärksten Regionen im Norden und schließlich das ganze Land abriegelte und unter Quarantäne stellte, blickte Mittel- und Nordeuropa mit einer Mischung aus Mitgefühl, Grusel und anti-italienischen Vorurteilen nach Süden: "Italienische Verhältnisse" werde es bei uns nicht geben, hieß es in allen europäischen Staatskanzleien.


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Zwei Wochen später ist aus den "italienischen Verhältnissen" das "italienische Modell" geworden, das von allen kopiert wird - von Paris, Berlin, Bern, Wien und anderen Hauptstädten. Auch die Ständchen und der Applaus auf den Balkonen wären es wert, imitiert zu werden.


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