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Corona-Virus in Österreich: Notärzte bereiten sich auf Ausnahmezustand vor
International 4 Min. 26.03.2020

Corona-Virus in Österreich: Notärzte bereiten sich auf Ausnahmezustand vor

Anna Doblander (l.) des Roten Kreuzes, bereitet sich zusammen mit ihren Kollegen auf den Höhepunkt der Corona-Krise vor.

Corona-Virus in Österreich: Notärzte bereiten sich auf Ausnahmezustand vor

Anna Doblander (l.) des Roten Kreuzes, bereitet sich zusammen mit ihren Kollegen auf den Höhepunkt der Corona-Krise vor.
Foto: Stefan Schocher
International 4 Min. 26.03.2020

Corona-Virus in Österreich: Notärzte bereiten sich auf Ausnahmezustand vor

In Tirol ist die Skisaison wegen des Corona-Virus bereits beendet. Statt Knochenbrüchen bereiten sich die Ärzte des Roten Kreuzes auf "italienische Zustände" vor. Anna Doblander ist eine von ihnen.

Von LW-Korrespondent Stefan Schocher (Wien)

Es war eine Annahme. Ein Erdbeben irgendwo in der Welt, in Teams sollten die Auszubildenden die Lage erkunden, Dringlichkeiten abschätzen, in verschiedenen Stress-Situationen angemessen reagieren. Es galt einen Platz für ein Flüchtlingslager ausfindig zu machen, die medizinische Versorgung einzuschätzen, Checkpoints zu passieren. Das war Eisenerz in der Steiermark im Oktober. Und Anna Doblander war dabei. 

Für internationale Einsätze des Roten Kreuzes hatte sich die Notärztin gemeldet, wie alle, die an diesem Kurs teilnahmen. Und wie wohl niemand damals hatte auch sie nicht angenommen, dass die Situation, für die sie hier trainierten nicht viele Flugstunden entfernt stattfinden würde, sondern in der eigenen Heimat.


13.03.2020, Österreich, Ischgl: Ein Ortsschild mit durchgezogener roter Linie steht am Ende der Ortschaft Ischgl und zeigt an, das die Ortschaft an der Stelle endet. Die Regionen Paznauntal mit dem Touristenort Ischgl steht wegen einer erhöhten Zahl von Coronavirus-Fällen unter Quarantäne. Foto: Jakob Gruber/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Anna Doblander sitzt heute in ihrem Haus in Imst in Tirol, gleich in der Nähe vom Notarzt-Stützpunkt, den sie gemeinsam mit einem Kollegen leitet. Im Hintergrund sind ihre zwei Kinder zu hören. Und sie wartet auf die Welle, die kommen wird. „Noch“, so sagt sie „ist es ruhig wie selten zuvor“
Das vorzeitige Ende der Skisaison beschert der Ärztin weniger Knochenbrüche, die umfassenden Einschränkungen des Personenverkehrs in Tirol – alle Gemeinden stehen unter Quarantäne – machen die Straßen sicher wie selten zuvor.

Hatten sie auf ihrem Stützpunkt zuvor drei bis vier Notfälle pro Tag, so sind es heute ein bis zwei. Nur, dass sich das wohl sehr schnell ändern wird.
Imst, das ist jener Ort, in dem bereits im Januar ein Corona-Fall den Tiroler Landesbehörden gemeldet worden war. Eine infizierte Deutsche hatte in der Region Urlaub gemacht. Zum damaligen Zeitpunkt wurden laut lokalen Behörden alle entsprechenden Maßnahmen eingeleitet.

Noch ist es ruhig wie selten zuvor.

Anna Doblander

Vorbereitungen für den Ernstfall

Anna Doblander liest heute Nachrichten, vergleicht Zahlen und Kurven und wundert sich über sich selbst. Wie es sein kann, dass auch sie vor wenigen Wochen noch dachte, Covid-19 sei eine schlimmere Grippe. Dass auch sie die Lage unterschätzte, wie sie sagt, und erst langsam zu sickern begann was da abgeht, als in Italien das Massensterben begann und italienische Kollegen Notarzt- und Intensivprotokolle übermittelten, die eines zeigten: Covid-19 ist eben keine schwerere Grippe.

In Eisenerz war sie es, die bei lokalen Ärzten und Ortskundigen den Bedarf einer Katastrophenregion eruieren sollte: Wie viele Betten wird man brauchen, welchen Umfang an Schmerzmitteln, an Antibiotika, an Wasser? Was kann man schnell organisieren, wozu braucht es länger? Was brauchen die Menschen am dringlichsten?

Und heute? Heute spricht Anna Doblander davon, was sie und ihr Stützpunkt brauchen, woran es bald mangeln könnte, welche Szenarien ihr und ihrem Team bevorstehen. Und die Antwort ist klar: Schutzausrüstung, Atemschutzmasken, und in weiterer Folge Gesichtsschilde braucht es, denn anzunehmen ist, dass die Ruhe auf der Dienststelle sehr bald vorbei sein wird, sehr bald eine große Zahl an infizierten Patienten Hilfe benötigen wird. Der Nachschub ist derzeit seitens der Landessanitätsdirektion und des Landesverbands des Roten Kreuzes gesichert.

Überall das gleiche Bild in den Tiroler Alpen: Statt Tausender Skitouristen sind die Straßen menschenleer.
Überall das gleiche Bild in den Tiroler Alpen: Statt Tausender Skitouristen sind die Straßen menschenleer.
Foto: AFP

Es ist die andere Seite, auf der sie jetzt steht. Die, wo sie es ist, die gebannt auf die erste Hilfslieferung wartet. Wo sie es ist, die sich fragt: Wie viel an dem Material wird auf ihre Dienststelle abfallen? Vor allem aber: Wird es reichen?

An vorderster Front bei der Bekämpfung der Pandemie

Denn letztlich ist sie es dann, die mit ihren Kollegen im Ernstfall an vorderster Front steht. Derzeit ist die Vorgangsweise klar: Nur wenn ein begründeter Verdacht besteht, wird die volle Schutzmontur angelegt. Ansonsten eben Atemschutz, Augenschutz und Handschuhe. Das, weil einfach keiner weiß, ob denn die Vorräte an Masken und Schutzbekleidung ausreichen. Die Masken können Dampf-sterilisiert und wiederverwertet werden, derzeit aber nicht die Anzüge.

Es sind die Erfahrungen aus Italien, die die Ärztin nervös machen. In Italien sind zehn Prozent der Erkrankten medizinisches Personal. Und gerade beim Intubieren besteht nach jetzigem Stand der Dinge ein so hohes Ansteckungsrisiko – eine Maßnahme aber, die gerade für sie als Notärztin bei einer zu erwartenden großen Zahl an Corona-Fällen Standard sein wird.


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Es sind aber genauso die Erfahrungen aus dem nahen Italien, die den Medizinern in Tirol eben jetzt unter Umständen genau jenen entscheidenden Vorsprung vor einem massiven Ausbruch verschafft haben könnte, der letztlich den Ausschlag darüber geben wird, ob es in Tirol zu einem Kollaps des Gesundheitssystems kommt oder nicht.

Und es sind Leute wie Anna Doblaner, an denen es liegt: Die sich schlau gemacht haben, wie man sich nicht infiziert, die Abläufe trainiert, optimiert und der Lage angepasst haben, um die Risiken zu minimieren und das bestmögliche aus den gegebenen Ressourcen herauszuholen.

Die Furcht vor "italienischen Zuständen"

Anna Doblaner hat die vergangenen Wochen versucht, mit den niedergelassenen Ärzten ihrer Region und den Spitalsärzten ein Netzwerk aufzubauen. Es wurden Sachspenden gesammelt: Schutzmasken, Schutzkleidung, Schutzbrillen. Und von Studenten an der Universität Innsbruck wurden von Studenten Gesichtsschilde gebastelt, die gegen eine freie Spende an Gesundheitspersonal weitergegeben wurden. 

Abstand halten: Auch in Österreich nun das Gebot der Stunde.
Abstand halten: Auch in Österreich nun das Gebot der Stunde.
Foto: AFP

Sie haben über das Internet Protokolle von Kollegen aus aller Welt ausgewertet und studiert, um sich bereitzumachen, für das was kommen wird: Patienten mit massiven Lungen Beschwerden, schwerer Atemnot aber auch Herzmuskelentzündungen. Das klingt zum Teil wie Bastelanleitungen für Intensivmediziner. Wie kann man etwa Tauchermasten zu dichten Masken umbauen, die Patienten bei der Atmung unterstützen? Oder wie kann man ein Beatmungsgerät so umbauen, damit es statt einem vier Patienten beatmen kann?


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Noch unterscheidet die Ärztin bei ihren Einsätzen, ob mit der vollen Montur angefahren wird oder nicht. Noch spart sie Material. „Bald aber“, so sagt sie, „werden wir nicht mehr unterscheiden können, bald werden wir zu jedem Einsatz in voller Montur ausrücken müssen“ – zum Selbstschutz. Und sie sagt: Testen müsse man, massenhaft testen, um einen besseren Überblick zu bekommen, womit man es hier zu tun hat. Sie selbst wurde noch nicht getestet.

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