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Corona-Virus: China und das Märchen von der Nullinfektion
International 3 Min. 25.03.2020

Corona-Virus: China und das Märchen von der Nullinfektion

Wie bei der Armee: Das Reinigungspersonal steht vor ihrem Einsatz am Bahnhof von Wuhan.

Corona-Virus: China und das Märchen von der Nullinfektion

Wie bei der Armee: Das Reinigungspersonal steht vor ihrem Einsatz am Bahnhof von Wuhan.
Foto: AFP
International 3 Min. 25.03.2020

Corona-Virus: China und das Märchen von der Nullinfektion

Peking hat den Anschein erweckt, bald virusfrei zu sein. Neue Indizien werfen Zweifel über die Glaubwürdigkeit der Statistiken auf.

Von LW-Korrespondent Fabian Kretschmer (Peking)

Am Montag warnte Chinas Premier Li Keqiang seine Parteikader eindrücklich: Sie sollen keine Fälle vertuschen, nur um die Ansteckungen bei Null zu halten. Genau dies könnte sich derzeit jedoch zutragen: Nachdem Präsident Xi Jinping den Sieg gegenüber des Virus ausgerufen und eine Rückkehr zum Wirtschaftswachstum angeordnet hat, stehen die unteren Ebenen massiv unter Druck.

Das Spiel mit Statisitiken

Mehrere Tage lang hat die Nationale Gesundheitskommission keine einzigen Neuinfektionen vermeldet, sondern lediglich einige wenige „importierte Fälle“ aus dem Ausland, die jedoch sofort bei ihrer Einreise ohnehin sofort in 14-tägige Quarantäne gesteckt werden. Es entstand der Eindruck, als ob China kurz davor stünde, virusfrei zu werden.

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Foto: AFP

Am Sonntag hat das vergleichsweise kritische chinesische Magazin „Caixin“ berichtet, dass in Wuhan weiterhin täglich mehrere asymptotpische Fälle auftauchen – also Personen, die zwar positiv auf Covid-19 getestet werden, aber keine Symptome aufweisen. Diese werden in China nicht in die Statistik aufgenommen. Zudem behauptete Caixin, dass es sich bei einem neuen Patienten vom Dienstag um einen Arzt handele, der von einem ebensolchen asymptopischen Fall angesteckt wurde.

„Es macht absolut keinen Sinn für mich, dass eine Person zwar positiv ist, aber nicht gezählt wird, solange sie nicht krank ist“, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg den Virologen Nigel McMillan von der amerikanischen Griffith Universität. Denn wissenschaftlich deutet alles daraufhin, dass auch asymptopische Fälle den Virus weitergeben können.


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In den meisten Ländern der Welt, darunter Südkorea, Japan oder Deutschland, werden sämtliche positiv getestete Personen in den Statistiken aufgeführt. Vor allem Länder mit unzureichenden Testkapazitäten erfassen meist nur die wirklich schweren Infizierten. Welche Rolle daher Angesteckte ohne nennenswerte Symptome bei der Verbreitung spielen, ist noch weitgehend unerforscht.

Widersprüchliche Aussagen

In China berichtete die South China Morning Post, dass rund ein Drittel aller positiv getesteten Personen entweder keine oder nur stark verzögert Symptome aufweisen. 43.000 von ihnen sollen bis Ende Februar in Quarantäne gesteckt worden sein. Die Information beruht im Übrigen auf gesperrten Regierungsdokumenten – ohne einen mutigen Whistleblower hätte die Weltöffentlichkeit davon nicht erfahren.


Members of a medical assistance team from Jiangsu province chant slogans at a ceremony marking their departure after helping with the COVID-19 coronavirus recovery effort, in Wuhan, in China's central Hubei province on March 19, 2020. - Medical teams from across China began leaving Wuhan this week after the number of new coronavirus infections dropped. China on March 19 reported no new domestic cases of the coronavirus for the first time since it started recording them in January, but recorded a spike in infections from abroad. (Photo by STR / AFP) / China OUT
China: Erstmals keine inländischen Neuinfektionen
Selbst in Wuhan scheint die Epidemie unter Kontrolle, Gefahr droht jedoch durch „importierte Fälle“.

In einer Pressekonferenz vom Dienstag haben Mitarbeiter des Zentrums für Seuchenbekämpfung die Öffentlichkeit beruhigen wollen: „Asymptopische Personen werden in China die Infektionen nicht weiterverbreiten“, sagte Wu Zuyou. Diese seien schließlich alle aufgespürt und unter Quarantäne gesetzt worden. 

Zweifel am vermeintlichen Erfolg Chinas

Experten hegen starke Zweifel daran, dass es der Regierung gelungen ist, sämtliche Fälle ausfindig gemacht zu haben. „Ab Anfang März, als der Ausbruch in China unter Kontrolle gebracht wurde und sich stattdessen in anderen Ländern ausbreitete, wurde Chinas Position viel aggressiver“, analysiert Yun Sun von der Washingtoner Denkfabrik „Stimson Center“. Die Regierung in Peking versuche demnach gezielt, die Überlegenheit des eigenen Systems durch den „Misserfolg“ in anderen Erdteilen unter Beweis zu stellen.

Derzeit sehen wir jene „Gesichtsmasken-Diplomatie“, indem China seine Expertise und medizinische Hilfsgüter mit Italien, Spanien, Tschechien und Serbien teilt. Dass zuvor die Europäische Union ebenfalls über 50 Tonnen Hilfsausrüstung in die Volksrepublik entsandt hatte, ging in der medialen Wahrnehmung unter. Chinas Staatsmedien schlachten die „Gutmütigkeit“ ihrer Regierung exzessiv aus: „Wenn Handschläge in Europa nicht mehr gelten, kann Chinas helfende Hand einen Unterschied machen“, schrieb die Nachrichtenagentur Xinhua bei der ersten Lieferung nach Italien. 


Migrant workers and their relatives queue as they prepare to get on a special train before departing to Shenzhen, in Yichang in China's central Hubei province on March 23, 2020. - People in central China where the coronavirus was first detected are allowed to go back to work and public transport is restarting, as some normality slowly returns after a two-month lockdown. (Photo by STR / AFP) / China OUT
Corona-Virus: Provinz Hubei hebt Blockade auf
In der zentralchinesischen Provinz Hubei, wo der Ausbruch des Corona-Virus seinen Ausgang genommen hatte, sollen erste Beschränkungen wie Reiseverbote in Kürze aufgehoben werden.

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić spielte den Chinesen in die Hände, indem er in einer Stellungnahme die europäische Solidarität als „Märchen“ bezeichnete: „China ist das einzige Land, das uns helfen kann“.

Licht und Schatten bei der Virus-Bekämpfung

Wenn es heute jedoch heißt, China habe der Welt mit seinen einschneidenden Gegenmaßnahmen mehrere Wochen Zeit erkauft, dann muss man im Gegenzug auch anfügen: Zuvor hatte China das Virus ebenfalls mindestens zwei Wochen verschwiegen und verharmlost, was einen Ausbruch erst ermöglicht hatte.

Längst weiß man, dass bereits am 5. Januar ein Forschungszentrum aus Shanghai ein SARS-ähnliches Coronavirus identifiziert und dessen Genomsequenz vollständig kartiert habe. Auch wenn die Wissenschaftler umgehend die Nationale Gesundheitskommission unterrichteten, haben sie umgehend einen Maulkorb verpasst bekommen. 


A nurse anesthetist gestures during the disinfection of ambulances which carried six coronavirus patients at the Brest hospital, evacuated by air from the French eastern city of Mulhouse, in Brest, western France, on March 24, 2020, on the eight day of a lockdown aimed at curbing the spread of the COVID-19 (novel coronavirus) in France. (Photo by JEAN-FRANCOIS MONIER / AFP)
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Erst eine Woche später hatte die Regierung diese Information mit der Weltgesundheitsorganisation geteilt. Überhaupt hat Peking erst einen Virusausbruch zugegeben, nachdem zwei Tage zuvor US-Medien davon berichtet hatten. Heimische Ärzte aus Wuhan haben die Behörden mindestens zwei Wochen zuvor bereits informiert.  

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