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Corona und Hilfsprojekte: Wenn aus Entwicklungsarbeit Nothilfe wird
International 4 Min. 12.06.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona und Hilfsprojekte: Wenn aus Entwicklungsarbeit Nothilfe wird

In der Maison Shalom im ruandischen Kigali werden nun Schutzmasken hergestellt.

Corona und Hilfsprojekte: Wenn aus Entwicklungsarbeit Nothilfe wird

In der Maison Shalom im ruandischen Kigali werden nun Schutzmasken hergestellt.
Foto: Maison Shalom
International 4 Min. 12.06.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona und Hilfsprojekte: Wenn aus Entwicklungsarbeit Nothilfe wird

Michael MERTEN
Michael MERTEN
Die luxemburgische Stiftung Partage.lu unterstützt Hilfsorganisationen weltweit. In der Corona-Krise kämpfen diese ums Überleben - und müssen Soforthilfe leisten. Wie sind die Perspektiven?

Die Fastenzeit ist die wichtigste Zeit für die Fondation Partage Luxembourg/ Bridderlech Deelen. Denn dann läuft die jährliche Fastenaktion, es gibt Veranstaltungen mit Gästen aus aller Welt, Kollekten in den Kirchen, Spendensammlungen. Mit dem Erlös unterstützt die Stiftung Hilfsorganisationen und Projekte in Afrika, Lateinamerika und Asien. Zehntausende Menschen bekommen etwa durch Schul- und Ausbildungsprojekte die Chance auf einen Ausstieg aus der Armut.

Doch in der Fastenzeit 2020 war nichts, wie es in all den Jahren seit der Gründung 1966 jemals war – die startende Kampagne wurde ein Opfer des Corona-Confinements. Veranstaltungen mussten abgesagt werden, Gottesdienste fanden nur noch ohne Besucher statt. Das Horrorszenario wäre ein völliger Spendeneinbruch gewesen. Doch im Juni kann Partage-Geschäftsführer Patrick Godar eine positive Bilanz ziehen: „Wir sind umgestiegen auf Online-Informationen und liegen im Moment nicht wesentlich unter der Referenzperiode des letzten Jahres. Das heißt, die Leute waren sehr sensibel.“

Luxemburger Spender sind sensibel

Es sind also Spendengelder da, um die Partnerorganisationen zu unterstützen. Doch die Corona-Krise trifft die Länder des globalen Südens mit ansteigender Wucht. Wo in den vergangenen Jahren Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund stand, geht es bei manchen Projektpartnern nun darum, dass die unterstützten Menschen überhaupt überleben können. „Viele Partner haben Projekte zur Nahrungsmittelversorgung gestartet, und zum Teil müssen wir Gelder, die für Ausbildungsprojekte vorgesehen waren, nun für die Ernährungshilfe umstellen“, sagt Godar.

Die sagen im Allgemeinen: Wenn die Krise nicht zu lange dauert, können wir das noch irgendwie auffangen.  

Partage-Geschäftsführer Patrick Godar

Zum Teil bedeutet das: von Entwicklungs- auf Nothilfe umsteigen. Doch wirft das die Partner nicht um Jahre zurück? Patrik Godar und sein Team haben in den vergangenen Wochen einen engen Austausch zu den Verantwortlichen weltweit gepflegt. „Die sagen im Allgemeinen: Wenn die Krise nicht zu lange dauert, können wir das noch irgendwie auffangen.“

In der Maison Shalom in Ruanda laufen auch während Corona landwirtschaftliche Anbaumaßnahmen.
In der Maison Shalom in Ruanda laufen auch während Corona landwirtschaftliche Anbaumaßnahmen.
Foto: Maison Shalom

Noch seien die für 2020 geplanten Maßnahmen nicht komplett in Frage gestellt. Doch das könne sich ändern, wenn sich die Corona-Pandemie zu einer regelrechten Katastrophe auswachsen sollte. Derzeit könne man das schlecht bewerten, da es in vielen Staaten aufgrund von fehlenden Testmöglichkeiten keine verlässlichen Informationen gebe. „Aber wir wissen, dass die 54 Länder Afrikas zum größten Teil wirklich überhaupt nicht vorbereitet sind.“ Es fehle an der nötigen Infrastruktur. „Zum Teil gibt es ja nicht einmal Wasser, um sich die Hände zu waschen. Das ist eine tickende Zeitbombe“, ist Godar überzeugt. Daher gebe es derzeit verstärkt Anfragen, lokale Projekte zum Brunnenbauen zu unterstützen und zu beschleunigen. Das Kooperationsministerium, das Partage finanziell unterstützt, sei sehr kulant bei der Umstellung von Projektmitteln.

Schutzmasken an die Partner verteilen will Partage.lu nicht. Stattdessen unterstützen die Luxemburger örtliche Initiativen, die Masken nähen, was vor allem in Afrika gut funktioniere. „Dann haben wir nämlich einen doppelten Effekt: Die Schneider bekommen ein kleines Einkommen und wir müssen nichts von außen importieren.“

Gelder, die für Projektreisen vorgesehen waren, werden nun für Notmaßnahmen ausgegeben. Es sei absehbar, dass in diesem Jahr kaum Besuche vor Ort möglich seien. Es gebe hoch sensible Regionen, etwa Indio-Gebiete am Amazonas, wo selbst regionale Partnerorganisationen nicht mehr die Bevölkerung aufsuchten. „Das läuft dann alles über Funk, Telefon und andere Kanäle, ohne dass sie in die Reservate gehen.“ Sorgen, dass es dadurch zur Veruntreuung von Mitteln kommen könnte, hat Godar nicht. „Alle unsere Partner kennen wir seit 15, 20, 25 Jahren. Sie tun alles, um kontrollierbar zu bleiben.“ 

Eine solche langjährige Partnerschaft besteht zu Marguerite Barankitse. Die heute 63-jährige Tutsi war Lehrerin, als es 1993 in ihrem Heimatland Burundi zu politischen Unruhen und Massakern an Hunderttausenden Angehörigen der Tutsi kam. Daher gründete sie das Hilfswerk Maison Shalom und bot über ein Vierteljahrhundert hinweg Tausenden Kindern ein Zuhause. 2015 brachen erneut politische Unruhen aus, mussten Tausende Menschen fliehen – auch die Menschenrechtlerin selbst.

Marguerite Barankitse bei der Verleihung des Aurora-Preises am 24. April 2016.
Marguerite Barankitse bei der Verleihung des Aurora-Preises am 24. April 2016.
Foto:AFP

Wie Zehntausende andere Burundier, von denen ein Großteil in Flüchtlingscamps an der Grenze leben muss, verschlug es sie ins Nachbarland Ruanda, wo Maison Shalom nun vor allem in der Hauptstadt Kigali aktiv ist.

Das Virus vernichtet Existenzen

„Covid bringt leider viel, viel Destabilisation für meine Landsleute“, sagt Barankitse in einem Telefon-Interview. Denn viele Flüchtlinge lebten von Tagelöhnerjobs, etwa in Bars, Restaurants, Märkten oder Friseurläden. „Diese Jobs, von denen sie leben konnten, haben sie jetzt verloren.“ Eine soziale Absicherung gebe es für die Menschen nicht. Maison Shalom hilft in dieser Situation unkompliziert, etwa indem den Menschen via Handy Geld überwiesen wird. Auch während des Confinements laufen Projekte zum Anbau etwa von Mais und Soja weiter. In den Flüchtlingscamps stellen Burundier zudem nun Masken her.

Der Bau von neuen Gebäuden geht auch in Zeiten des Confinement weiter.
Der Bau von neuen Gebäuden geht auch in Zeiten des Confinement weiter.
Foto: Maison Shalom

Vier Mitarbeiter von Maison Shalom haben eine Sondergenehmigung und dürfen betreute Kinder aufsuchen. Trotz Corona geht auch Barankitse weiterhin nach draußen. „Wir sind eine große Familie“, sagt sie. „Eine Mutter riskiert ihr Leben für ihre Kinder. Ich konnte nicht zu Hause bleiben.“


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Den Einsatz von Menschen wie Barankitse will Partage dauerhaft unterstützen. Doch mit Sorge blickt Godar in die Zukunft. Viele Fastenaktionen machten sich mittelfristig große Existenzsorgen. Es sei absehbar, dass künftig weniger Geld für Entwicklungshilfe zur Verfügung stehe und dass das Spendenaufkommen sinken werde. Godar fürchtet: „Die Situation wird sich verschärfen.“

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