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Corona: Stille in Ischgl
International 2 Min. 23.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona: Stille in Ischgl

Schluss mit Lustig: In den Regionen Paznauntal mit dem Touristenort Ischgl herrschen nun strenge Ausgangsregelungen.

Corona: Stille in Ischgl

Schluss mit Lustig: In den Regionen Paznauntal mit dem Touristenort Ischgl herrschen nun strenge Ausgangsregelungen.
Foto: dpa
International 2 Min. 23.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona: Stille in Ischgl

Im österreichischen Skigebiet Ischgl sind nun die Lichter aus. Dort haben sich viele mit dem Corona-Virus infiziert.

Von LW-Korrespondent Stefan Schocher (Wien)

Ischgl ist heute Sperrzone. Ebenso ist es das gesamte Paznauntal. Wo sonst in dieser Jahreszeit die Skisaison ihrem lukrativem Finale zuläuft, herrscht jetzt Stille: Die Skigebiete haben geschlossen, über die gesamte Region wurden harte Ausgangsregelungen verhängt. 

Kein Ski-Ballermann, kein Skizirkus mehr... Ganz Tirol hat sich praktisch vom Rest des Landes abgekapselt. Alle Tiroler Gemeinden stehen unter Quarantäne. Spät, aber doch.

Profit statt Sperrung

Denn als in Norditalien bereits das Spitalswesen angesichts Covid-19 in die Knie ging, dachte man im Paznauntal noch an den Profit. Frei nach dem Motto: Wer in Norditalien nicht Skifahren kann, kann das doch sehr wohl im nahen Tirol. Offensiv wurde geworben um vergraulte Italien-Ski-Urlauber – mit verheerenden Folgen: Tirol und im speziellen das Paznauntal und Ischgl wurden so zu einem europäischen Verteilerkreis des Corona-Virus. 

Geschlossenes Après-Ski-Lokal "Kitzloch" in Ischgl:
Geschlossenes Après-Ski-Lokal "Kitzloch" in Ischgl:
Foto: AFP

Hunderte Menschen dürften sich in der Region angesteckt und das Virus über ganz Europa verteilt haben. Vor allem in Deutschland und Skandinavien. So konnten etwa rund die Hälfte der 750 Corona-Fälle in Norwegen Mitte März auf eine Ansteckung in Österreich zurückgeführt werden.


Ischgl Österreich Schnee Ski
Skigebiet Ischgl geschlossen
Ab Samstag ist das auch bei Luxemburgern beliebte Skigebiet wegen der Corona-Epidemie für zwei Wochen geschlossen.

Und nach und nach fügt sich nun ein Bild zusammen, das eine unheilvolle Allianz zwischen Politik, der Liftbetreiber-Lobby, Hoteliers, Gastronomen und Gesundheitsbehörden in der Region darstellt. 

Wie ein "Hottentotten-Staat"  

Da ist etwa ein SMS-Verkehr zwischen dem ÖVP-Abgordneten Franz Hörl und dem Betreiber der Bar "Kitzloch": Hörl bittet da den Wirt am 9. März (später an diesem Tag wurde das "Kitzloch" dann doch behördlich gesperrt), doch zuzusperren, um eine vorzeitige Beendigung der Wintersaison abzuwenden. Nach zehn Tagen werde Gras über die Sache gewachsen sein, so Hörl. Sollten die Medien aber beginnen, sich für das "Kitzloch" zu interessieren, würde Tirol dastehen wie ein "Hottentotten-Staat". Hörl hat die Echtheit des SMS-Austauschs bestätigt.

Hörl ist nicht nur Abgeordneter der ÖVP, er ist auch Landesobmann des Tiroler Wirtschaftsbundes und Obmann des Fachverbandes der Seilbahnwirtschaft. Und ein pikantes Detail am Rande: Am 4. und 5. März fanden Wirtschaftskammerwahlen statt, Hörl war damals gerade in seinen Branchen-repräsentativen Positionen wiedergewählt worden.

Es hat sich nun ausgefeiert in Ischgl.
Es hat sich nun ausgefeiert in Ischgl.
Foto: Jakob Gruber/APA/dpa

Klar ist: Die mächtige Liftbetreiber-Lobby in Tirol wollte eine vorzeitige Beendigung der Skisaison um anscheinend nahezu jeden Preis verhindern und tat dann, als klar war, dass sich eine solche Maßnahme nicht abwenden lassen werde, alles, um die Schließung der Skiressorts hinauszuzögern.

Über Kredite finanziert

Hinter dem Zögern stehen wohl Zahlen: Tirol hat gerade einmal 750.000 Einwohner und verzeichnet rund 50 Millionen Nächtigungen pro Jahr. Der Tourismus beschäftigt rund 55.000 Menschen in der Region. Rund ein Drittel des regionalen Umsatzes wird direkt oder indirekt im Tourismus erwirtschaftet – überwiegend im Winter. Vor allem aber: Die Betten-Burgen und Skischaukeln in den Ressorts sind in erster Linie über Kredite finanziert, eine schlechte Saison oder gar ihr Ausfall ist eine regionale Katastrophe.


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Und so machten die Tiroler Skigebiete schließlich auch erst am 15. März zu. All das zu einem Zeitpunkt, als seitens Norwegen, Deutschland, Schweden und Island bereits seit mehr als einer Woche Warnungen und Hinweise bei den Tiroler Behörden eingingen, dass Ischgl und das Paznauntal ein Ansteckungsherd sein müssen.

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