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Corona-Risikogebiet Tirol: Wie die Behörden versagt haben
International 3 Min. 17.03.2020

Corona-Risikogebiet Tirol: Wie die Behörden versagt haben

Ischgl: Sonst Österreichs Winterparadies - nun der Corona-Schrecken des Landes.

Corona-Risikogebiet Tirol: Wie die Behörden versagt haben

Ischgl: Sonst Österreichs Winterparadies - nun der Corona-Schrecken des Landes.
Foto: Archiv
International 3 Min. 17.03.2020

Corona-Risikogebiet Tirol: Wie die Behörden versagt haben

Noch bis zum Wochenende herrschte Hochbetrieb im Skigebiet von Tirol. Die Region war wohl eine Drehscheibe bei der Verbreitung des Corona-Virus in ganz Europa. Wie gehen die Behörden nun vor?

Von LW-Korrespondent Stefan Schocher (Wien)

Im Paznauntal geht nichts mehr. Ebenso in St. Anton. Wo normalerweise zu dieser Jahreszeit die Kassen klingeln und Jahresumsätze erwirtschaftet werden, herrscht jetzt Stille. Die Orte sind isoliert, stehen unter Quarantäne. Jetzt. Noch vor einer Woche tobte hier der Ski-Ballermann. Und die Handhabe der Krise durch die Tiroler Behörden macht so manchen Experten fassungslos.

Erst am vergangenen Samstag wurde der Skibetrieb zuerst in der Region Ischgl sowie im Paznauntal und erst ab Sonntag in ganz Tirol eingestellt. Und so langsam wird klar: Tirol und im Speziellen das Paznauntal und Ischgl waren anscheinend eine Drehscheibe bei der Verbreitung des Corona-Virus in ganz Europa. 

Im Paznauntal hat man sicher einiges verschlafen.  

Ein Tiroler Mediziner

Der zuständige Landesrat Bernhard Tilg allerdings beteuerte zuletzt in einem TV-Interview sanft lächelnd: „Die Behörden haben alles richtig gemacht.“ Die ausländischen Medien würden einen falschen Eindruck erwecken, so der Landesrat. Wie es dagegen ein Tiroler Mediziner ausdrückt: „Im Paznauntal hat man sicher einiges verschlafen.“ Und viel werde da in der Aufarbeitung der Krise wohl noch zutage treten.

Eine der auf der Hand liegenden Vermutungen: Hier könnte die in Tirol mächtige Liftbetreiber-Lobby wieder einmal kräftig mitgemischt haben. Also jene Lobby, die in der Vergangenheit schon immer wieder durch dubiose Flächenumwidmungen und abgedrehte Umweltverträglichkeitsprüfungen aufhorchen ließ.

Denn sie ist an sich lückenlos nachvollziehbar, die Kette der Verschleppung von Maßnahmen in Tirol.

Im Kampf gegen das Coronavirus müssen in Österreich - wie hier in Salzburg - viele Geschäfte vorübergehend schließen.
Im Kampf gegen das Coronavirus müssen in Österreich - wie hier in Salzburg - viele Geschäfte vorübergehend schließen.
Foto: dpa

Und so verzog sich auch das Lächeln von Landesrat Tilg im Laufe des ORF-Interviews sehr rasch zu einer steinernen Miene. Nachdem 15 Isländer nach ihrer Heimkehr aus Tirol positiv auf Covid-19 getestet worden waren, erklärten die isländischen Behörden Tirol bereits am 5. März zum Gefahrengebiet. Eine Liste der Patientennamen wurde an die Behörden in Tirol übermittelt, um deren Unterkünfte nachvollziehen zu können. Und in Tirol zu diesem Zeitpunkt? Nichts. Aber zumindest begann man einmal mit Testungen – nur um dann aber die Ergebnisse herunterzuspielen.

Sie ist an sich lückenlos nachvollziehbar, die Kette der Verschleppung von Maßnahmen in Tirol.  

Noch am 8. März, einen Tag nachdem ein Barkeeper in der Ischgler Apres-Ski-Bar Kitzloch positiv getestet wurde, erklärte der Tiroler Landessanitätsdirektor: Eine Ansteckung in der Bar sei aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich – eine der wohl sonderbarsten Bemerkungen in diesem Fall, sind derartige Bars doch Abend für Abend brechend voll. Und schon zu diesem Zeitpunkt sprachen die Bundesbehörden davon, dass man doch besser ein bis zwei Meter Abstand zu anderen Personen halten solle, um eine Infektion zu vermeiden. Unmöglich in einer solchen Location. Die Bar blieb also offen.


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Auch Tags darauf, nachdem 15 Personen aus dem Umfeld des Barkeepers positiv getestet worden waren. Erst am 10. März wurde die Bar schließlich geschlossen. Am selben Tag erklärte der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter, dass das Problem seiner Ansicht nach aber eher in Italien angesiedelt sei und es eine Quarantäne für Ischgl nicht geben solle, ebenso wie „drastische Maßnahmen“ wie die Beendigung der Skisaison.

Erst seit Sonntag sind alle Skigebiete geschlossen

Letzteres wurde dann umgesetzt; seit Sonntag sind jetzt alle Tiroler Skigebiete geschlossen. Das Sahnehäubchen auf dem Tiroler Fiasko schließlich: Als die ausländischen Touristen dann letztlich doch aus dem Paznauntal gebracht wurden, quartierten sich viele Gäste unkoordiniert seitens der Behörden in Innsbruck ein, wo sie auf Ihre Flüge nach Hause warteten.


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Befürchtet wird nun, dass sich inmitten des Tiroler Corona-Chaos möglicherweise über 1 000 Menschen unkontrolliert angesteckt haben. Und dennoch: Landesrat Bernhard Tilg ist der Ansicht, dass die Behörden durchwegs die richtigen Entscheidungen getroffen hätten. Tirol selbst gilt jetzt als Hoch-Risikogebiet.

311 Corona-Fälle waren bis Dienstagvormittag in Tirol bestätigt. Es gilt wie auch im Rest Österreichs quasi eine Ausgangssperre. Tirol wurde zudem praktisch abgeriegelt. Laut Anna Doblander, Leiterin der Rot-Kreuz-Notrufstelle in Imst in Tirol, ist der Notruf-Betrieb derzeit vor allem auch angesichts der Bewegungs-Beschränkungen extrem ruhig.

Die Ruhe vor dem Sturm, wie Doblander sagt. Denn worauf sich die Mediziner derzeit vorbereiten, ist eine Welle an Akutfällen in den kommenden Tagen. Dazu würden Abläufe optimiert, Hygienebestimmungen laufend aktualisiert und vor allem aber Kapazitäten freigestellt. Doch es gibt einen Mangel an Material.


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