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Corona-Krise in Italien: Die "Schlacht um Mailand" steht bevor
International 5 Min. 21.03.2020

Corona-Krise in Italien: Die "Schlacht um Mailand" steht bevor

Die Lombardei rüstet sich: In Cremona - in unmittelbare Nähe der Millionenstadt Mailand - wird ein provisorisches Zeltkrankenhaus errichtet mit 60 Betten und acht Intensivstationen.

Corona-Krise in Italien: Die "Schlacht um Mailand" steht bevor

Die Lombardei rüstet sich: In Cremona - in unmittelbare Nähe der Millionenstadt Mailand - wird ein provisorisches Zeltkrankenhaus errichtet mit 60 Betten und acht Intensivstationen.
Foto: AFP
International 5 Min. 21.03.2020

Corona-Krise in Italien: Die "Schlacht um Mailand" steht bevor

In der lombardischen Stadt Bergamo demonstriert das Coronavirus seit Wochen auf grausame Weise seine Gefährlichkeit - nun zeichnet sich eine leichte Entspannung ab. Derweil bereiten sich die Behörden auf die "Schlacht um Mailand" vor.

 Von LW-Korrespondent Dominik Straub (Bergamo)

In der vergangenen Woche sind aus Bergamo Bilder um die Welt gegangen, die im kollektiven Gedächtnis haften bleiben werden: Ein langer Militärkonvoi, der in der Nacht auf Donnerstag 65 Särge mit verstorbenen Covid-19-Patienten in andere Provinzen abtransportierte, weil sich auf dem Friedhof der Stadt kein Platz mehr fand und das Krematorium überlastet war. Und kurz darauf dramatische Exklusiv-Aufnahmen eines britischen TV-Senders aus der Intensivstation des Spitals Papst Johannes XXIII, in denen Dutzende Patienten unter Plastikhauben zu sehen waren, die sie vor dem Ersticken bewahren sollten.

Das Spital Papst Johannes XXIII ist das drittgrösste in der Lombardei - und es ist in den letzten drei Wochen zu einer Art nationalem Schützengraben im Krieg gegen das Corona-Virus geworden. "Ich werde das nicht vergessen können: Von überall kommen Patienten mit schweren Lungen- und Atemproblemen, die röcheln und um Luft ringen - viele müssen wir in den Korridoren und in grossen Sälen behandeln", berichtete der Chefarzt für Lungenkrankheiten des Spitals, Fabiano Di Marco, am Samstag dem "Corriere della Sera". 

In Bergamo arbeitet das medizinische Personal am Limit: 500 Covid-19-Patienten müssen hier gleichzeitig versorgt werden.
In Bergamo arbeitet das medizinische Personal am Limit: 500 Covid-19-Patienten müssen hier gleichzeitig versorgt werden.
Foto: AFP

Inzwischen würden im Krankenhaus von Bergamo 500 Covid-Patienten gleichzeitig behandelt: "Auf der Intensivstation verbrauchen wir 8.600 Liter Sauerstoff pro Stunde", sagt der Arzt. Das gesamte Personal des Spitals sei an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit.

Bergamo: 300 Tote in fünf Tagen

Für viele Patienten kommt die Hilfe zu spät - sie überleben die Infektion mit dem Corona-Virus trotz künstlicher Beatmung nicht. In Bergamo sind allein in den letzten fünf Tagen 300 Menschen an Covid-19 verstorben. Die Zahl der Todesfälle pro Kopf der Bevölkerung ist auf das Zehnfache des Vorjahrs gestiegen. 

Überdurchschnittlich stark betroffen vom Corona-Virus ist ausgerechnet das medizinische Personal, das zumindest zu Beginn der Epidemie nicht ausreichend gegen eine mögliche Übertragung geschützt war: In Bergamo haben sich 77 Hausärzte und Dutzende von Spitalärzten und Pflegern angesteckt; es gab auch schon Todesfälle. 

Krankenhausmitarbeiter, die in engem Kontakt zu den Infizierten stehen, sind besonders gefährdet: Aleine in Bergamo haben sich 77 Hausärzte und Dutzende von Spitalärzten und Pflegern angesteckt.
Krankenhausmitarbeiter, die in engem Kontakt zu den Infizierten stehen, sind besonders gefährdet: Aleine in Bergamo haben sich 77 Hausärzte und Dutzende von Spitalärzten und Pflegern angesteckt.
Foto: AFP

Auch unter Priestern und Bestattern grassiert das Virus: Auch sie kommen täglich in Kontakt mit den Toten und den Angehörigen.

Am Spital Papst Johannes XXIII können längst nicht mehr alle Patienten aufgenommen werden, die es nötig hätten: Beinahe pausenlos heben vor dem Krankenhaus Hubschrauber ab, die Patienten in andere Spitäler ausfliegen, oft auch in andere Regionen, die bisher weniger stark von der Epidemie betroffen sind. Oft sterben Covid-19-Patienten aber auch einfach zu Hause. 


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Einzelschicksale

"Mein Vater ist gestorben wie ein Hund", beklagte in der vergangenen Wochen eine junge Frau in den sozialen Medien: Er habe keinen Platz in einem Spital gefunden. Die tatsächliche Zahl der Toten, das bestätigen auch Experten, dürfte in der ganzen Lombardei noch deutlich über den bereits beklemmend hohen offiziellen Fallzahlen liegen.

Immerhin: Am Wochenende zeichnete sich in Bergamo und im ebenfalls stark von der Epidemie betroffenen Brescia eine leichte Entspannung ab: Als die Regierung von Giuseppe Conte am 8. März die Lombardei und 14 weitere Provinzen zur "roten Zone" erklärte, hatte die Zahl der Infizierten in Bergamo noch täglich um 25-30 Prozent zugenommen - heute beträgt die Zunahme noch 10 Prozent. 

Als Zeichen der Solidarität erstrahlen in ganz Italien öffentliche Gebäude in den Farben der Nationalflagge.
Als Zeichen der Solidarität erstrahlen in ganz Italien öffentliche Gebäude in den Farben der Nationalflagge.
Foto: AFP

Ähnlich ist die Situation in Brescia, wo das Ansteigen der offiziellen Fallzahlen im gleichen Zeitraum von durchschnittlich 27 auf 13 Prozent gesunken ist. Weil die Fall-Statistik von vielen Variablen abhängt, ist es laut Experten noch zu früh, um Entwarnung zu geben - aber die Verlangsamung des Anstiegs der Fallzahlen ist immerhin ein erstes Anzeichen dafür, dass die Quarantäne-Massnahmen der Regierung allmählich Wirkung entfalten.

Fokus richtet sich nun auf Mailand und Umgebung

Gegenläufig ist die Tendenz dagegen in der Agglomeration Mailand, wo weiterhin täglich über 600 neue Fälle gemeldet werden, obwohl nur noch Personen mit starken Symptomen auf das Virus getestet werden. "In Mailand liegt die prozentuale Zunahme inzwischen deutlich über jener von Bergamo und Brescia, und das bereitet uns grosse Sorgen", betonte der Gesundheits- und Sozialminister der Region Lombardei, Giulio Gallera, am Wochenende. Er spricht bereits von einer bevorstehenden "Schlacht um Mailand", die man nicht verlieren dürfe. 


A hospital employee wearing protection mask and gear shows a swab, a cotton wab for taking mouth specimen, used at a temporary emergency structure set up outside the accident and emergency department, where any new arrivals presenting suspect new coronavirus symptoms will be tested, at the Brescia hospital, Lombardy, on March 13, 2020. (Photo by Miguel MEDINA / AFP)
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Auch Regionalpräsident Attilo Fontana zeigt sich beunruhigt: "Die Entwicklung der Zahlen ist gar nicht gut - weder jene der Neuinfektionen noch jene der Toten", betonte Fontana.

In Mailand liegt der Anteil der Infizierten an der Gesamtbevölkerung zwar noch deutlich niedriger ist als in Bergamo und Brescia - aber die Spitäler der Metropole mit 1,4 Millionen Einwohnern sind ebenfalls bereits an der Grenze der Belastbarkeit angekommen, weil sie viele Patienten aus der übrigen Lombardei aufgenommen haben

Das Feldlazarett in Cremona ist bereits operationell. Auf dem Mailänder Messegelände soll ein weiteres provisorische Krankenhaus entstehen.
Das Feldlazarett in Cremona ist bereits operationell. Auf dem Mailänder Messegelände soll ein weiteres provisorische Krankenhaus entstehen.
Foto: AFP

Um auf einen wahrscheinlichen weiteren Anstieg von Covid-19-Patienten vorbereitet zu sein, haben die Behörden die Zahl der Betten in den Intensivstationen innerhalb von zwei Wochen von 750 auf 1.250 erhöht, wie Fontana erklärte. Auf dem Mailänder Messegelände soll ausserdem ein Feld-Lazarett mit 300 Betten entstehen. 

In Cremona ist ein solches bereits in Betrieb genommen worden; in Bergamo wird ebenfalls eines eingerichtet. In den Feld-Lazaretten werden auch Ärzte mit Covid-19-Erfahrung aus China zum Einsatz kommen.

Hohe Sterberate in der Lombardei

Sorgen bereitet den Behörden und Experten auch die hohe Sterberate bei den Corona-Infizierten in der Lombardei. In der Region liegt sie bei 10 Prozent - also weit höher als etwa in Wuhan, wo die von den chinesischen Behörden mit 1,5 bis 2 Prozent angegeben wurde. Zu einem guten Teil mag der Unterschied durch die Testmethodik begründet sein - aber letztlich rätseln die Virologen und Immunologen über die gewaltigen Unterschiede. 


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"Wir müssen schnellstens herausfinden, woran das liegt", betont die Virologin Ilaria Capua von der Universität in Florida. "Was in Bergamo passiert, ist schon katastrophal. Aber wenn sich die Anomalie der hohen Sterberate auch nach Mailand ausbreitet, dann gibt es ein Massensterben", betont Capua. Ein Massensterben, das sich auch in anderen Millionenstädten wie London, Paris oder Berlin ereignen könnte.  

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