Wählen Sie Ihre Nachrichten​

China: Big Brother auf Infiziertensuche
International 4 Min. 17.03.2020 Aus unserem online-Archiv

China: Big Brother auf Infiziertensuche

Auch Smartphones werden in China zur Überwachung und Ortung der Bürger genutzt.

China: Big Brother auf Infiziertensuche

Auch Smartphones werden in China zur Überwachung und Ortung der Bürger genutzt.
Illustration: Shutterstock
International 4 Min. 17.03.2020 Aus unserem online-Archiv

China: Big Brother auf Infiziertensuche

China, Taiwan und Südkorea benutzen Big Data und Überwachung, um den Virusausbruch einzudämmen. In Europa wäre dies aufgrund der Datenschutzgesetze nicht möglich.

Von LW-Korrespondent Fabian Kretschmer (Peking)

Bereits Ende Januar behauptete der Vizedirektor der Gesundheitskommission China: „Wir glauben, die technologische Entwicklung beim Kampf gegen den Virusausbruch ist auf unserer Seite“. Fortschrittliche Gesichtserkennungs-Software und ein Klarnamen-System der Regierung würden dabei helfen, mögliche Infizierte zu identifizieren und die Verbreitung des Erregers zu stoppen.

Erfolg dank Big Data

Fast zwei Monate später scheint dies gelungen: Am Dienstag vermeldeten die Behörden in Wuhan lediglich eine Neuansteckung, landesweit waren es 20 – allesamt importiert aus dem Ausland. Das Virus scheint – zumindest vorübergehend - unterdrückt.

Dass Big Data und öffentliche Überwachung einen großen Anteil an diesem epidemiologischen Erfolg haben, ist unbestreitbar. Kein Land auf der Welt ist in diesem Bereich fortgeschrittener als China. Ob beim Einkauf von Sim-Karten fürs Handy, Registrieren für eine App oder dem Buchen eines Flugtickets: Für jede Transaktion ist ein von der Regierung ausgegebener Personalausweis nötig. 

In China gibt es 200 Millionen Sicherheitskameras.
In China gibt es 200 Millionen Sicherheitskameras.
Foto: LW-Archiv/REUTERS

Zudem verfügt das Land über 200 Millionen Sicherheitskameras, von denen viele mit Gesichtserfassungssoftware ausgestattet sind. Ohne nennenswerte Datenschutzgesetze können sämtliche Informationen zentral verknüpft werden.

Jeder kann jederzeit geortet werden

Ein Fallbeispiel: Jeder Passagier, der am Pekinger Hauptbahnhof ankommt, muss beim Verlassen der Eingangshalle eine Kamera passieren, die die Körpertemperatur erfasst. Sobald jemand Fiebersymptome zeigt, wird der Verdächtige von den Sicherheitskräften aus der Menge herausgefischt – und im Notfall an ein Krankenhaus weitergeleitet. 

Im nächsten Schritt würden die Behörden jeden einzelnen Passagier im selben Zugwagon alarmieren, schließlich können sie die Identität und Telefonnummer durch den Ticketkauf leicht herausfinden. Die drei großen Telekommunikationsanbieter teilen ihre Daten sowohl mit dem Ministerium für Informationstechnologie als auch mit der Nationalen Gesundheitskommission. Damit kann praktisch jeder Bürger, der ein Smartphone bei sich führt, jederzeit geortet werden. 


People wear facemasks, amid concerns over the spread of the COVID-19 coronavirus, wal on the Bund promenade along the Huangpu River in Shanghai, on March 16, 2020. (Photo by Hector RETAMAL / AFP)
Angst vor importierten Corona-Fällen
Was für eine Wendung: In China bangt die Gesellschaft trotz niedriger Infektionszahlen erneut vor dem Virus - aus dem Ausland.

Allein in Wuhan gab es rund 1.800 Teams, die vor allem damit beschäftigt waren, mögliche infizierte Personen auf Grundlage der technischen Daten aufzuspüren. Einige Stadtgemeinden haben ebenfalls die Bewegungsabläufe von potenziellen Infizierten auf ihren social media accounts publiziert – um Anwohner zu warnen, die betroffenen Orte nicht aufzusuchen.

Von einer Drohne umkreist

Wie effizient das "mobile tracking" ist, zeigt ein Fall vom Februar: Als ein Imbiss-Besitzer aus der Stadt Wenzhou erkrankt ist, haben die Behörden in dessen Folge 40 Menschen unter Quarantäne gesteckt. Von den Daten der Mobilfunkanbieter konnte die Lokalregierung genau bestimmen, dass sich rund 3.600 Personen in letzter Zeit in der Nähe des Imbiss aufgehalten haben. Diese wurden dann einzeln angerufen, um nähere Details in Erfahrung zu bringen.

Anwohner unter Quarantäne wurden per Mobilfunksignal kontrolliert, ob sie nicht heimlich ihre Wohnungen verlassen haben.
Anwohner unter Quarantäne wurden per Mobilfunksignal kontrolliert, ob sie nicht heimlich ihre Wohnungen verlassen haben.
Foto: AFP

Auch auf sozialen Medien berichten Chinesen von ihren Erfahrungen mit der Überwachung: Eine Hotelbesitzerin aus Wuhan ist trotz ihrer Quarantäne kurz aus ihrer Wohnung herausgegangen, um beim Pförtner eine online bestellte Essenslieferung abzuholen. Nur wenige Schritte im Freien umkreiste die Chinesin eine Drohne, die sie per Sprachnachricht dazu aufforderte, umgehend wieder umzukehren.

Was für europäische Wertevorstellungen dystopisch klingt, wird in China kaum kritisiert – schlicht, weil es in dem totalitären Staat keine funktionierende Zivilgesellschaft oder freie Medien gibt. 

Transparenz auch in Taiwan

Doch auch in den demokratischen Nachbarn Ostasiens wird die radikale Transparenz tendenziell als Aufklärung für das Gemeinwohl begrüßt. Taiwans Erfolg im Kampf gegen das Virus beruht zu Teilen aufgrund des Einsatzes modernster Technik: mithilfe von Big Data informieren Smartphone-Apps, an welchen Apotheken noch Gesichtsmasken zu kaufen sind. 


This photo illustration taken on February 14, 2020 shows a man displaying a smartphone with an image of a cartoon of Taiwan's Premier Su Tseng-chang promoting the prevention of the deadly COVID-19 coronavirus, in Taipei. - While China deploys stern communist slogans in its battle against a deadly new coronavirus, democratic Taiwan has embraced cuddly mascots and humour to ease public anxiety and educate on best practices. Images of cute animals have featured in daily social media updates from government agencies to tackle disinformation and prevent infections spreading. (Photo by Sam Yeh / AFP) / TO GO WITH Taiwan-China-politics-health,FOCUS by Amber WANG
Corona: Keine Panik in Taiwan
In Taiwan gibt es bis Mittwoch 32 bestätigte Fälle von Corona-Virus-Infektionen. Harry Tseng, Taiwans Repräsentant in der EU und Belgien, sagt, dass die Menschen in Taiwan "eher ruhig als panisch" seien.

Zudem haben die Einwanderungsbehörde gemeinsam mit der staatlichen Krankenversicherung zusammengearbeitet: So konnten Krankenhäuser und selbst Apotheken beim Scannen der Krankenkarte von Taiwanern Zugriff auf deren Reiseaufenthalte der letzten zwei Wochen. So werden Risikopatienten umgehend identifiziert. 

Anwohner unter Quarantäne wurden per Mobilfunksignal kontrolliert, ob sie nicht heimlich ihre Wohnungen verlassen haben. Regelbrecher werden mit strikten Strafen belegt: Ein Paar musste umgerechnet fast zehntausend Euro zahlen, da es gegen seine auferlegte Quarantäne verstoßen hat. Drei Besucher aus Hongkong wurden zu jeweils 2.000 Euro verdonnert, nachdem sie eine Woche lang „verschwunden“ waren. 

Ausgang noch unklar

Zumindest empirisch scheint der Maßnahmenkatalog Taiwans effizient zu sein: Als im Januar das Virus sich vermehrt ausbreitete, prognostizierten Modellrechnungen, dass der Inselstaat direkt nach China am schwersten betroffen sein müsste: Schließlich liegt Taiwan nur 130 Kilometer vor dem chinesischen Festland und hat einen großen Anteil an Pendlern. Tatsächlich hat Taiwan bis heute (Dienstag) jedoch nur 54 aktive Fälle. 

Auch in Taiwan griffen die Behörden auf alle möglichen Mittel zurück, um das Virus in den Griff zu bekommen.
Auch in Taiwan griffen die Behörden auf alle möglichen Mittel zurück, um das Virus in den Griff zu bekommen.
Foto: AFP

In einer wissenschaftlichen Studie des „Journal of the American Medical Association“ heißt es allerdings: Es ist unklar, „ob die intensiven Maßnahmen bis zum Ende der Epidemie aufrechterhalten werden können und von der Bevölkerung mitgetragen werden“.

Bewegungsabläufe werden publiziert  

Südkorea hat gute Ergebnisse im Kampf gegen das Corona-Virus.
Südkorea hat gute Ergebnisse im Kampf gegen das Corona-Virus.
Foto: AFP

Auch in Südkorea gilt aufgrund eines Gesetzes zur „Prävention von Infektionskrankheiten“ radikale Transparenz: Nicht nur werden täglich zweimal Regierungs-Briefings online gestreamt, auch publizieren die Behörden die Bewegungsabläufe eines jeden Infizierten. Wer in der Nähe eines Hotspots mit vielen Infektionen wohnt, wird proaktiv von der Regierung per Alarm-SMS angeschrieben.


A health worker (R) wearing a protective suit prepares a swab for a motorist (L) at a drive-through testing centre for the COVID-19 coronavirus in Seoul on March 7, 2020. - South Korea has the biggest number of COVID-19 coronavirus cases outside China, with over 6,000 infections and 42 deaths, prompting the country to extend school breaks by three weeks. (Photo by Ed JONES / AFP)
Corona-Virus: Südkoreas Erfolgsstrategie
Früherkennung und radikale Transparenz: Südkorea beweist, dass der Kampf gegen das Virus zu gewinnen ist.

Einreisende aus Risikogebieten müssen sich am Flughafen eine App der Regierung herunterladen, bei der sie für die nächsten 14 Tage zweimal täglich ihre Körpertemperatur eingeben. 


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Bei der Parlamentsdebatte über das Corona-Virus und Maßnahmen gegen das Corona-Virus suchen die Oppositionsparteien trotz kritischer Zwischentöne den Schulterschluss mit der Regierung.
Politik, Chamber, aktuelle Stunde zum Corona-Virus, Ankündigung Xavier Bettel, Paulette Lenert, Foto: Lex Kleren/Luxemburger Wort
In Taiwan gibt es bis Mittwoch 32 bestätigte Fälle von Corona-Virus-Infektionen. Harry Tseng, Taiwans Repräsentant in der EU und Belgien, sagt, dass die Menschen in Taiwan "eher ruhig als panisch" seien.
This photo illustration taken on February 14, 2020 shows a man displaying a smartphone with an image of a cartoon of Taiwan's Premier Su Tseng-chang promoting the prevention of the deadly COVID-19 coronavirus, in Taipei. - While China deploys stern communist slogans in its battle against a deadly new coronavirus, democratic Taiwan has embraced cuddly mascots and humour to ease public anxiety and educate on best practices. Images of cute animals have featured in daily social media updates from government agencies to tackle disinformation and prevent infections spreading. (Photo by Sam Yeh / AFP) / TO GO WITH Taiwan-China-politics-health,FOCUS by Amber WANG