Wählen Sie Ihre Nachrichten​

"Buchhalter von Auschwitz": Oskar Gröning ist tot
International 2 Min. 12.03.2018 Aus unserem online-Archiv

"Buchhalter von Auschwitz": Oskar Gröning ist tot

Oskar Gröning hatte aus Gesundheitsgründen Beschwerde gegen seine Haftstrafe eingelegt. Diese wurde abgewiesen.

"Buchhalter von Auschwitz": Oskar Gröning ist tot

Oskar Gröning hatte aus Gesundheitsgründen Beschwerde gegen seine Haftstrafe eingelegt. Diese wurde abgewiesen.
Foto: DPA
International 2 Min. 12.03.2018 Aus unserem online-Archiv

"Buchhalter von Auschwitz": Oskar Gröning ist tot

Als SS-Mann in Auschwitz zählte er das Geld der Häftlinge. Mehr als 70 Jahre später wurde Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen verurteilt. Doch ins Gefängnis kam er nicht mehr.

(dpa) - Der als „Buchhalter von Auschwitz“ bekanntgewordene frühere SS-Mann Oskar Gröning soll nach einem Schreiben seines Anwaltes tot sein. Der 96-Jährige sei danach bereits am Freitag in einem Krankenhaus gestorben, sagten dazu Sprecher des niedersächsischen Justizministeriums und der Staatsanwaltschaft Hannover am Montagabend. Eine unabhängige Bestätigung lag zunächst nicht vor. Zuvor hatte der „Spiegel“ darüber berichtet. „Ich möchte dazu nichts sagen, es aber auch nicht dementieren“, sagte Grönings Anwalt Hans Holtermann auf Anfrage. Eine Sterbeurkunde liege noch nicht vor, hieß es beim Justizministerium.

Gröning war im Lüneburger Auschwitz-Prozess wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen verurteilt worden. Das Landgericht verhängte im Juli 2015 eine Haftstrafe von vier Jahren. Der damals 94-Jährige hatte unter anderem eingeräumt, in dem Konzentrations- und Vernichtungslager Geld aus dem Gepäck der Verschleppten gezählt und weitergeleitet zu haben.

Jahrzehntelang waren die in Auschwitz am Holocaust Beteiligten nicht zur Verantwortung gezogen worden, wenn sie zwar wie Gröning Rad im Getriebe waren, aber nicht selbst getötet hatten. Die Gerichte verlangten den Nachweis einer bestimmten konkreten Tatbeteiligung. Das Landgericht entschied, auch das Verwalten der Gelder der Verschleppten und das Bewachen ihres Gepäcks sei Beihilfe gewesen. „Dieses Urteil hat Rechtsgeschichte geschrieben“, sagte damals Nebenkläger-Anwalt Thomas Walther.

"Es geht mir um das Urteil"

Mit einem Kollegen vertrat Walther in Lüneburg rund 50 Nebenkläger, die meisten waren Überlebende von Auschwitz-Birkenau. Gröning bestätigte vor Gericht ihre Berichte über das Grauen im Vernichtungslager. „Es geht mir nicht um die Strafe, es geht mir um das Urteil, die Stellungnahme der Gesellschaft“, erklärte die Überlebende Eva Pusztai-Fahidi damals. Von einer fast heilenden Wirkung des Prozesses sprach Walther. Im Fall Gröning bestätigte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe im September 2016 erstmals höchstrichterlich eine Verurteilung wegen Beihilfe zum massenhaften Mord in Auschwitz.


Oskar Groening, defendant and former Nazi SS officer dubbed the "bookkeeper of Auschwitz", is pictured in the courtroom during his trial in Lueneburg, Germany, July 15, 2015. The 94-year-old German man who worked as a bookkeeper at the Auschwitz death camp was convicted on Wednesday of being an accessory to the murder of 300,000 people and was sentenced to four years in prison, in what could be one of the last big Holocaust trials. REUTERS/Axel Heimken/Pool
"Buchhalter von Auschwitz" verurteilt
Vier Jahre Haft für den früheren deutschen SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Massenmord in Auschwitz. Doch kommt der gesundheitlich angeschlagene 94-Jährige tatsächlich ins Gefängnis?

Nachdem der Rechtsweg ausgeschöpft war, richtete Gröning zuletzt ein Gnadengesuch an Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU), eine Entscheidung stand bevor. Holtermann hatte zuvor über mehrere Instanzen hinweg einen Haftantritt zu verhindern versucht. Gröning sei nach Auffassung eines Sachverständigen nicht haftfähig, erklärte er - ohne Erfolg. Eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe wurde Ende Dezember vergangenen Jahres unter anderem mit Verweis auf die Schwere der Taten abgewiesen.

Gröning war seit Herbst 1942 in der sogenannten Häftlingsgeldverwaltung eingesetzt worden, weil er eine Banklehre gemacht hatte. 1944 wechselte er in eine Front-Einheit. Nach dem Krieg lebte er mit Frau und Kindern in der Lüneburger Heide. Erst Mitte der 1980er Jahre öffnete er sich. Der britischen BBC schilderte Gröning, was er in Auschwitz gesehen und getan hatte. Er sah sich dabei als „Rädchen im Getriebe“.

Journalisten und Nebenkläger beschrieben den am 10. Juni 1921 in Nienburg an der Weser geborenen Gröning als jemanden, der lange die Frage seiner persönlichen Schuld umkreiste, ohne sich ihr wirklich nähern zu können. „In Auschwitz durfte man nicht mitmachen“, fasste das Gericht in Lüneburg zusammen. Auch Gröning hatte den Satz von einem Opfer-Anwalt in seinem Schlusswort wiederholt.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Oskar Gröning hatte als Freiwilliger der Waffen-SS im KZ Auschwitz das Geld aus dem Gepäck der Verschleppten gezählt und weitergeleitet. Dafür wurde er Jahrzehnte später zu vier Jahren Haft verurteilt - wegen "Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen".
Oskar Gröning hatte aus Gesundheitsgründen Beschwerde gegen seine Haftstrafe eingelegt.
Oskar Gröning, der „Buchhalter von Auschwitz“, ist rechtskräftig verurteilt - wegen Beihilfe zu Hunderttausenden Morden. Damit ist höchstrichterlich klargestellt, dass an einem solchen Ort auch ein „Rädchen im Getriebe“ nicht ohne Schuld bleibt.
Oskar Groening hatte eingeräumt, das Geld der verschleppten Juden verwaltet und die Ankunft der Transporte an der sogenannten Rampe mit beaufsichtigt zu haben.
Vier Jahre Haft für den früheren deutschen SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Massenmord in Auschwitz. Doch kommt der gesundheitlich angeschlagene 94-Jährige tatsächlich ins Gefängnis?
Oskar Groening, defendant and former Nazi SS officer dubbed the "bookkeeper of Auschwitz", is pictured in the courtroom during his trial in Lueneburg, Germany, July 15, 2015. The 94-year-old German man who worked as a bookkeeper at the Auschwitz death camp was convicted on Wednesday of being an accessory to the murder of 300,000 people and was sentenced to four years in prison, in what could be one of the last big Holocaust trials. REUTERS/Axel Heimken/Pool
Voraussichtlich letzter Auschwitz-Prozess
Im deutschen Auschwitz-Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning hat die Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht Lüneburg dreieinhalb Jahre Haft gefordert.
Oskar Gröning gab die ihm vorgeworfenen Taten vor Gericht zu.
70 Jahre nach dem Ende des Holocaust hat ein früherer SS-Mann vor Gericht seine Mitschuld am Massenmord in Auschwitz eingeräumt. Der 93-Jährige bat um Vergebung.
Oskar Gröning hat die ihm vorgeworfenen Taten am Dienstag vor Gericht zugegeben.