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Brüssel, Paris, Mailand, London: Wie Corona die Verkehrswende bringt
International 1 8 Min. 22.05.2020

Brüssel, Paris, Mailand, London: Wie Corona die Verkehrswende bringt

Auf einer der neuen geschützten Radspuren in Nice lässt es sich gut radeln.

Brüssel, Paris, Mailand, London: Wie Corona die Verkehrswende bringt

Auf einer der neuen geschützten Radspuren in Nice lässt es sich gut radeln.
Foto: AFP
International 1 8 Min. 22.05.2020

Brüssel, Paris, Mailand, London: Wie Corona die Verkehrswende bringt

1,50 Meter? Zum Abstandhalten sind Fuß- und Radwege meist zu eng. Corona hat nun vielerorts Schwung in die Verkehrswende gebracht: In vielen Städten wird derzeit die sanfte Mobilität entdeckt.

Von Michael Merten (Luxemburg) und Diego Velazquez (Brüssel)

Im morgendlichen Berufsverkehr: Stau. Zur Mittagszeit: zäher Verkehr. Im nachmittäglichen Berufsverkehr: Stau. Ein bekanntes Bild überall auf der Welt - auch in Luxemburg. Überall da, wo Tausende Menschen mit dem eigenen Auto in die Städte einpendeln, kommt der Verkehr selbst auf vielspurigen Straßen zum Erliegen. Blechkarawanen, Lärm und hohe Schadstoffbelastungen in der Luft sind die tagtäglichen Begleiterscheinungen.

Doch seit das Corona-Virus die Welt in den Shutdown gezwungen hat und ein Großteil der Berufstätigen auf Heimarbeit umgestiegen ist, haben unzählige Metropolen eine Atempause verschafft bekommen. Die Pendlerströme sind weltweit zum Erliegen gekommen; die Straßen sind freier, leiser, ruhiger geworden. Angesichts von Ausgangssperren in vielen Ländern sind die Menschen froh, wenn sie zum Einkaufen mal ein paar Schritte zu Fuß unterwegs sein können.

Auch ein bisschen Farbe tut es manchmal: Radfahrer fahren auf einem der neuen Londoner Fahrradwege, nachdem die britische Regierung während der Corona-Pandemie in neue Infrastruktur investiert hat.
Auch ein bisschen Farbe tut es manchmal: Radfahrer fahren auf einem der neuen Londoner Fahrradwege, nachdem die britische Regierung während der Corona-Pandemie in neue Infrastruktur investiert hat.
Foto: dpa

Und noch eine Begleiterscheinung der Corona-Restriktionen zeigt sich vielerorts: Menschen entdecken den Nutzen des Fahrrads neu. Denn dieses ist nicht nur ein Freizeit- und Sportgerät, sondern auch ein probates Verkehrsmittel, mit dem sich Fahrten zur Arbeit oder zum Einkaufen erledigen lassen. Das ist in Städten wie Amsterdam und Kopenhagen schon seit Jahrzehnten üblich, doch in Metropolen wie Rom oder Mailand kaum, da es flächendeckend an Radwegen fehlt. Dass nun die Straßen deutlich freier sind, nimmt vielen Menschen die Angst, sich in den fließenden Verkehr zu begeben.

Doch die Corona-Krise zeigt auch ein großes Problem auf: Zwar wollen mehr und mehr Menschen draußen sein, Luft schnappen, radeln, joggen, flanieren, spielen. Doch der Platz, um dies mit dem nötigen Sicherheitsabstand zu tun, reicht bei Weitem nicht aus. Es ist zu eng auf den Fußwegen, es ist zu eng auf den Radwegen (was beides oftmals identisch ist), den Großteil des Verkehrsraums beanspruchen Straßen: Mehrspurige Fahrbahnen, in denen das Tempo hoch ist und Radfahrer tendenziell als Störfaktoren wahrgenommen werden.

Und selbst in Zeiten, in denen die Verkehrsdichte abnimmt, leiden Radfahrer darunter, dass mehr gerast wird, dass sie teils noch rücksichtsloser bedrängt, überholt und geschnitten werden als sonst. Wo nur wenige Radwege vorhanden sind und sie ständig in Konflikt mit Passanten geraten, da bedrängen Radfahrer ihrerseits nicht selten Fußgänger.

In Wandsworth im südwestlichen London ist mit geringem Aufwand eine Corona-Radspur entstanden.
In Wandsworth im südwestlichen London ist mit geringem Aufwand eine Corona-Radspur entstanden.
Foto: AFP

Städte wie Berlin und Paris haben das Dilemma schon vor Jahren erkannt – und arbeiten bereits länger an der Verkehrswende. In Paris ist es Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die eine Vélorution anstrebt und in den vergangenen Jahren Radwege entlang vielbefahrener Alleen einrichtete. So trauten sich viele Pariser, die bislang Angst vor dem schnellen Verkehr hatten, erstmals mit dem Velo auf die Straße.

«... que la bicyclette soit la petite reine du déconfinement»

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In Berlin gab es 2016 einen Volksentscheid Fahrrad, der großen Zuspruch hatte. 2018 folgte dann ein Mobilitätsgesetz, nach dem bei künftigen Straßenbaumaßnahmen die sanfte gegenüber der automobilen Mobilität bevorzugt werden muss.

Die Stadt London hat mehrere Straßenspuren abtrennen und in geschützte Radstreifen umwandeln lassen.
Die Stadt London hat mehrere Straßenspuren abtrennen und in geschützte Radstreifen umwandeln lassen.
Foto: AFP

Doch die Umsetzung ging schleppend voran. Nun, in Zeiten der Corona-Krise, ziehen beide Hauptstädte die schon fertigen Pläne aus der Tasche. Binnen Wochen werden Maßnahmen umgesetzt, die sonst Monate und Jahre Zeit brauchen.


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Auf vielspurigen Alleen wandeln die Behörden den rechten Fahrstreifen um, etwa indem sie provisorische Radstreifen aufmalen. Deutlich sicherer und auch für ungeübte Radler, Kinder und Ältere ansprechend sind die „Protected Bike Lanes“: Geschützte Radwege, die mit Pollern von der Fahrbahn abgetrennt sind und somit auch nicht zugeparkt werden können.

In der Rue de Rivoli in Paris ist nun der Zugang für Autos und Busse gesperrt.
In der Rue de Rivoli in Paris ist nun der Zugang für Autos und Busse gesperrt.
Foto: AFP

"In vielen kommunalen Verwaltungen sehen wir die Tendenz, mehr Fahrradwege zu bauen", stellt der Berliner Sozial- und Verkehrsforscher Andreas Knie  in der "Süddeutschen Zeitung" fest. "Und das geht leider nur, indem man dem Autoverkehr Platz nimmt. Dieser Trend beschleunigt sich nun massiv, da wirkt Corona wie ein Brennglas. Wir werden auch mehr Zebrastreifen oder Tempo-30-Zonen bekommen. Die Akzeptanz in der Bevölkerung dafür ist hoch."

Auch in der notorisch verstopften Metropole Mailand hat man die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Jahrelang wurde vergeblich versucht, den Autoverkehr zu reduzieren. Die Krise nutzen die Verantwortlichen nun: „Das ist eine einmalige Gelegenheit, um einen frischen Blick auf die Straßen zu werfen“, sagte die Verkehrsexpertin Janette Sadik-Khan dem Guardian.

Manche Maßnahmen liegen schon länger in den Plänen, werden nun auf die Schnelle umgesetzt, sind aber dauerhaft angelegt. Manche Maßnahmen sind hingegen nur provisorisch für die Monate der Corona-Krise vorgesehen. Ob sie danach jedoch zurückgebaut werden, wenn die Menschen sich an Gastro-Tische, Sitzbänke und Grün auf früheren Parkflächen und entspanntes Radeln auf früheren Autospuren gewöhnt haben, das ist fraglich.

In jedem Fall haben die Maßnahmen das Potenzial, das Verständnis der Menschen vom Straßenverkehr zu verändern.

Abstände einhalten geht nur, wenn Platz da ist

Wie die belgische Hauptstadt Brüssel die Corona-Pandemie zur Chance macht, um Radfahrer und Fußgänger mehr Platz einzuräumen: Eindrücke von LW-Korrespondent Diego Velazquez (Brüssel) 

Florian Raffelt radelt nunmehr jeden Tag durch Brüssel. Der siebzehnjährige Schüler erkennt in Zeiten von Corona nur Vorteile darin: Anders als in den Bussen oder in der U-Bahn ist die Ansteckungsgefahr auf dem Rad gleich null, der verallgemeinerte Homeoffice leert die Straßen, dazu noch das schöne Wetter. Obendrein haben die Behörden spontan entschieden, auf einigen großen Achsen wie der Rue de la Loi, den Radfahrern mehr Platz einzuräumen diese Straße, die das EU-Viertel mit dem Zentrum verbindet, verlor über Nacht eine Autospur und die Biker gewannen dagegen zwei neue Wege.

Foto: Diego Velazquez

„Das ist großartig“, meint Florian Raffelt. Und tatsächlich: Eine Fahrradtour durch Brüssel fühlt sich derzeit sehr entspannt an. Doch das war nicht immer so. Denn Brüssel ist nicht Kopenhagen. Beileibe nicht: Die belgische Hauptstadt galt lange als Fahrrad-Hölle – das Auto dagegen war König. Im Vergleich zu den flämischen Nachbarstädten Gent und Leuven sah die Hauptsstadt ganz schön alt aus, zumindest verkehrstechnisch gesehen.  

So radelt es sich mit den neuen geschützten Radstreifen im verkehrsberuhigten Brüssel - ein Kurzvideo von LW-Korrespondent Diego Velazquez:

Das hat auch Gründe, für die die Stadt nichts kann. Anders als Gent ist Brüssel hügelig – sehr sogar –, was abschreckend sein kann. Zudem ist die Eine-Million-Einwohner-Stadt ein wirtschaftliches Magnet für ganz Belgien, was viel Verkehr mit sich bringt. Und Verkehr war lange Synonym für Auto. Die Behörden waren auch wenig daran interessiert, dass sich das ändert. Resultat: Die Luftqualität war notorisch schlecht, die Autofahrer oft gereizt, die Straßen zunehmend unsicher.

Verkehr war lange Synonym für Auto

Bis dann vor wenigen Jahren ein Umdenken kam. „Wenn eine Stadt attraktiv für Radfahrer ist, dann wird es auch mehr Radfahrer geben“, erzählt die grüne regionale Transportministerin Elke Van den Brandt. Und das passierte auch. Allmählich wurden in Brüssel die Fahrradwege sichtbar. Und das Konzept stimmte: Eine vierspurige Fahrradbahn umringt die Innenstadt. Dadurch sind alle Stadtteile miteinander verbunden.

Eine durch Abtrennung von der Fahrbahn geschützte Radspur erhöht die Sicherheit deutlich. In der Rue de la Loi passierte das innerhalb von 24 Stunden.
Eine durch Abtrennung von der Fahrbahn geschützte Radspur erhöht die Sicherheit deutlich. In der Rue de la Loi passierte das innerhalb von 24 Stunden.
Foto: Diego Velazquez

Resultat: Viele Brüsseler sind auf das Fahrrad umgesprungen, um den nervenaufreibenden Stau zu vermeiden. Und dann kam die Pandemie. Van den Brandt erkannte darin vor allem eine Chance, zumindest in der Verkehrspolitik: „Man kann den Leuten nicht sagen, sie müssten Abstände einhalten, ohne ihnen auch den dafür notwendigen öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen.“

Foto: Diego Velazquez

Über Nacht schossen neue Fahrradwege aus dem Boden, in der Innenstadt liegt das Tempolimit für Autos nun bei 20 Stundenkilometer – Fußgänger und Fahrradfahrer haben die absolute Priorität. „Man hat mehr Platz“, stellt Florian Raffelt zufrieden fest. „Ob das wegen den neuen Regeln ist oder, weil ohnehin weniger Autos unterwegs sind, lässt sich nur schwer sagen“, beobachtet er. Aber egal – er ist sich sicher: Das Fahrrad ist nunmehr zur Gewohnheit geworden, die auch nach der Pandemie bleiben wird.


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