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Briten entscheiden über "in" oder "out": Der Kampf um England
Am 23. Juni wird sich entscheiden, ob die Briten in der EU bleiben - oder nicht.

Briten entscheiden über "in" oder "out": Der Kampf um England

Foto: AFP
Am 23. Juni wird sich entscheiden, ob die Briten in der EU bleiben - oder nicht.
International 3 Min. 02.06.2016

Briten entscheiden über "in" oder "out": Der Kampf um England

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
In drei Wochen entscheiden die Briten über „in“ oder „out“. Und je näher die Stunde der Wahrheit rückt, desto schriller werden die Töne im Abstimmungskampf. LW-Redakteur Pierre Leyers hat sich vor Ort umgehört.

Von Pierre Leyers

Ein wahrer „Kampf um England“ tobt. Die Weltkriegsmetapher ist nicht übertrieben, denn sowohl Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson, der wohl prominenteste Brexit-Befürworter, als auch sein parteiinterner Widersacher, Premierminister David Cameron bemühen die rezente Geschichte.

„The Brexit Blitz“

Als „The Blitz“ wird in Großbritannien jene Zeit bezeichnet, bei der die deutsche Luftwaffe in der Luftschlacht um England London attackierte – Tag und Nacht. Politisch völlig unkorrekt, dafür aber medienwirksam bezeichnet Boris Johnsonseine Anti-EU-Wahlkampfauftritte: „The Brexit Blitz“.

Der redegewandte Johnson, der sich erst spät in der Referendumsdebatte für das Brexit-Lager entschied, war sich nicht zu schade, die EU mit Hitler zu vergleichen, da es bei beiden um die „Vereinheitlichung des Kontinents unter einer einzigen Regierung“ gehe. Die Empörung, die ihm daraufhin aus dem Ausland entgegen schlug, diente wohl seinen Anhängern als Beweis, dass es wirklich höchste Zeit sei, sich vom Brüsseler Diktat zu befreien.

Boris Johnson, inoffizieller Wortführer der Brexit-Befürworter, werden Ambitionen auf das Amt des Premierministers nachgesagt.
Boris Johnson, inoffizieller Wortführer der Brexit-Befürworter, werden Ambitionen auf das Amt des Premierministers nachgesagt.
Foto: REUTERS

Sein Gegenspieler David Cameron zeigte sich ebenfalls als Hobby-Historiker, als er bei einer Wahlkampfveranstaltung in London argumentierte, dass die Mitgliedschaft in der EU unverzichtbar sei, sonst könnte ein dritter Weltkrieg Europa zerreißen. „Was in unserer Nachbarschaft passiert, betrifft auch Großbritannien. So war es 1914, 1940, 1989 und gilt auch 2016,“ so Cameron.

Die britischen Konservativen sind wegen der Brexit-Debatte tief gespalten. In den britischen Medien ist bereits von einem „Bürgerkrieg“ in der konservativen Partei die Rede.

Tories begehren auf

Mehrere Abgeordnete der Tories drohen inzwischen mit einem Misstrauensvotum, sollten sich die britischen Wähler beim EU-Referendum am 23. Juni für einen Brexit oder nur knapp für einen Verbleib des Landes in der EU entscheiden. Tory-Abgeordnete Nadine Dorries kündigte für diesen Fall den Sturz Camerons an. „Er wäre innerhalb weniger Tage getoastet“, sagte sie in einer Talk-Sendung des britischen Fernsehsenders ITV.

David Cameron kann als Europa-Freund nicht ganz überzeugen. Noch vor wenigen Monaten hat er mit Kritik an der EU nicht gespart.
David Cameron kann als Europa-Freund nicht ganz überzeugen. Noch vor wenigen Monaten hat er mit Kritik an der EU nicht gespart.
Foto: AFP

Auch Boris Johnson greift den Premierminister scharf an. Er wirft Cameron vor, eine „zersetzende“ Wirkung auf das Vertrauen in die Politik zu haben, weil es ihm nicht gelungen sei, die Zahl der Einwanderer wie versprochen auf unter 100 000 pro Jahr zu begrenzen. Arbeitsministerin Priti Patel hatte zuvor führenden EU-Befürwortern vorgeworfen, wegen ihres „Luxus-Lebenstils“ keine Augen für die Sorgen einfacher Leute beim Thema Zuwanderung zu haben.

Khan unterstützt Cameron

Unerwartete Unterstützung erhält Cameron allerdings vom frisch gewählten Londoner Bürgermeister Sadiq Khan. Gemeinsam gehen die beiden in London im Wahlkampfbus auf Tour, um für einen Verbleib Großbritanniens in der EU zu werben.

Dass ein Mitglied der britischen Labour-Partei den glücklosen Premier derart offensiv unterstützt, zeigt, dass gemeinsame wirtschaftliche Interessen wichtiger als politische Gegensätze sind.

„Die Lage ist glasklar, die Beweislage ist erdrückend, ob das nun vom Finanzministerium kommt, vom Internationalen Währungsfonds, der Bank of England, und vielen anderen. Hier in London sehe ich mehr als eine halbe Million Jobs, die direkt von der EU abhängen“, sagt Khan als Begründung für seinen Schulterschluss mit Cameron.

„Nettere Version von Donald Trump“

Rückendeckung bekommt der Regierungschef auch von dem Ex-Minister und Tory-Abgeordneten Ken Clarke. Er bezeichnete Boris Johnson als „nettere Version von Donald Trump“ und kritisierte, die Angriffe der Brexit-Befürworter seien eine einzige Werbekampagne für den Führungsanspruch Johnsons in der konservativen Partei.

Für EU-Freunde ist die Wirtschaft klar das größte Plus der Union. Drei Millionen Arbeitsplätze hingen am Handel mit der EU, heißt es bei der Kampagne „Britain stronger in Europe“. Dazu kämen täglich Investitionen in Millionenhöhe. Für jedes Pfund, das London nach Brüssel gebe, kämen so beinahe 10 Pfund zurück. Ein Brexit könne etwa Reisen und Lebensmittel deutlich teurer machen.

Skyline der City of London, von der Waterloo-Brücke aus gesehen.
Skyline der City of London, von der Waterloo-Brücke aus gesehen.
Foto: AFP

Die Anhänger der „Vote Leave“-Kampagne kann das nicht erschüttern. Wirtschaftliche Argumente schrecken sie nicht ab. Ihnen geht es vor allem um die Wiedererlangung der Kontrolle über die Grenzen.

Immigration und ihre Begrenzung ist ihr wichtigstes Argument. „Ich denke, es befremdet die Menschen, dass die grundlegendste Kompetenz eines Staates, zu bestimmen, wer im Land lebt und arbeitet, jetzt in Brüssel liegt“, sagt Boris Johnson – und trifft damit den Nerv vieler seiner Landsleute.

Alles ist derzeit möglich

Wie werden die Briten entscheiden. Alles ist derzeit möglich. Ob das Vereinigte Königreich nach dem 23. Juni noch EU-Mitglied sein wird, könnte möglicherweise von sehr wenigen Stimmen abhängen.

Einer jüngst veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge liegen beide Lager gleichauf. Jeweils 40 Prozent der Befragten gaben an, für oder gegen einen Brexit stimmen zu wollen. 20 Prozent sagten, sie seien noch unentschlossen. Die „Schlacht um England“ werden die heute noch zögernden entscheiden.

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